Die andere Seite von SchülerVZ

Filipp Piatov

SchülerVZ, das sind Gruschelattacken, ein nervendes Pink und politische Diskussionen. Wie bitte? Politische Diskussionen? Tatsächlich wird das Schülerverzeichnis nicht nur als Flirt-Portal für Pubertierende sondern auch als Diskussionsplattform genutzt. Ein fudder-Praktikant auf der anderen Seite des VZ.



E-Mail-Adresse, Passwort eingeben, kurz warten und schon bin ich drin, drin im größten Internet-Portal für Schüler, im SchülerVZ. Ich bin auf der Startseite, heute war niemand Neues auf meinem Profil, Nachrichten habe ich keine. Nur gegruschelt wurde ich, von einem mir unbekannten 13-jährigen Mädchen. Ich gruschle nicht zurück, in der Hoffnung, dass sie mich vergisst.




Ich klicke auf „Meine Seite“, scrolle runter und schau mir an, was es in meinen Gruppen Neues gibt. Eine davon ist "Naschi – Mein Leben für die Putin-Jugend". Naschi ist eine russische Jugendorganisation, die aufgrund ihrer ausländer- und oppositionsfeindlichen Aktionen stark an die HJ erinnert. Die Mitglieder dieser Gruppe haben natürlich nichts mit dieser Organisation zu tun, wie denn? Sie leben hier in Deutschland, weit weg von Russland, aber unterstützen sie. Die Gruppe besteht nicht nur aus überzeugten Putinisten, sondern hauptsächlich aus Ich-vertrete-Papas-Meinung-Kindern, die sich an den Gruppendiskussionen kaum beteiligen. Keine neuen Antworten heute.

Also geht’s weiter, wieder auf meine Seite, runterscrollen und rein in die Gruppe „Frieden für Israel und Palästina“. Diese Gruppe habe ich gegründet, und das Gute an ihr ist, dass hier keine der beiden Parteien ausschließlich unterstützt wird. Daher kommen unter den rund 170 Mitgliedern friedlichere Diskussionen zustande als in anderen Gruppen zum gleichen Thema. Auch heute ist viel los, es wird angeregt über die Folgen des Holocaust für den Nahostkonflikt diskutiert.

Auch in der weitaus größeren "Pro Israel"-Gruppe ist heute viel los. Sie besteht nicht nur aus Israelis, ein Teil der Mitglieder sind Araber und Palästinenser. Deswegen wird hier besonders intensiv gepostet, es gibt es Antworten im 15-Minuten-Takt.



So, mal sehen, ob ich neue Nachrichten habe. Nein, dafür wurde ich wieder von dem unbekannten 13-jährigen Mädchen gegruschelt. Ich beende unsere Beziehung mit einer PM, die nur aus zwei Buchstaben besteht: fu.

Ok, meine Gruppen habe ich durch, nun geht’s daran, neue zu suchen. Im Moment habe ich Lust auf eine Diskussion über Religion. Also schaue ich mal nach einer guten Atheisten-Gruppe. Ich stoße auf die Gruppe „Ich bin stolzer Atheist, auch wenn du nicht weißt was das ist!“ Zu meiner Überraschung finden in der Gruppe interessante, nicht zu klugscheißerische Diskussionen statt. Glück gehabt!

"Warum diskutierst Du ausgerechnet im Schüler-VZ über Politik?" bin ich kürzlich von einer Bekannten gefragt worden. "Es gibt doch auch genug andere Foren im Netz!" Ich mag am VZ, dass alles schön nah beieinander ist. Zu jedem halbwegs interessanten Thema gibt es mehrere aktive Gruppen. Vor allem internationale Konfliktpunkte wie die Nahostkrise oder der Kurdenkonflikt  finden ihre Vertreter. Und ich muss mich nur ein Mal anmelden. Außerdem diskutiere ich mit Gleichaltrigen, was den Spaßfaktor noch um einiges erhöht.



Manchmal muss ich gar nicht lesen, was in einem Post steht, denn ich kann es mir schon denken, wenn ich den Namen des Posters sehe. Denn im letzten Jahr haben sich die Meinungen der Gruppen-Mitglieder nicht sonderlich verändert.

Natürlich nutze ich das Portal nicht nur, um zu diskutieren: Das Hauptziel des VZ, chatten, kennenlernen, flirten, erreicht auch mich. Auch über die Diskussionen.

In den Gruppen lernt man viel über die Benutzer. Mit manchen baut man sogar eine virtuelle Freundschaft auf und so manche Leute kann man schon als seine Schüler-VZ-Familie sehen.

So sieht also mein Schüler-VZ-Tag aus. Vielleicht überrascht es den ein oder anderen, dass Schüler-VZ mehr bietet als man denkt. Denn ein reines Gruschel-VZ hätte sicher nicht so viele Mitglieder.

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