Die alte Heimat (Blaues Heft Nr. 8)

David Weigend

Zur Tradition gehört es, am 1. Mai zu wandern. Nicht wenige Freiburger und Glottertäler tun dies, indem sie aufs 664 Meter hohe Streckereck gehen. Gestern waren zwischen 500 und 1000 Menschen oben, um Blasmusik, Bier und Hockatmo zu genießen. Eine Reportage.



"Was willsch, e Radler? Simmer hier bei der Tour de France oder was?" Thorsten S. (Name geändert) steht an der Holzbude und gibt seine Bestellung auf. Der 16jährige trägt das weiße Trikot der DFB-Auswahl und trommelt mit den Fingern auf die Durchreiche, es läuft "Wilde Jungs" von den Onkelz.


"Hm, Waldhaus vom Fass, des kann was." Willkommen am Streckereck. Hier ist die Welt in Ordnung, der Blick herrlich und die Zapfhähne der Freiwilligen Feuerwehr Glottertal weit geöffnet.



Thorstens erster Gerstensaft ist es heute nicht. Um 10.30 Uhr ist er losgelaufen in Denzlingen mit einem Kollegen. Wegzehrung: Drei Sixpacks Bier, "ein Warsteiner und zwei Zäpfle." Brunzstopps gab es einige zu verzeichnen, darunter Denzlingen, Einbollenstadion und Föhrental, 'uff der Stroß. Jetzt ist es 13.35 Uhr, man ist auf dem Streckereck angekommen, "des letzte Stück zick zack übers Feld." Die Sonne knallt mit 25 Grad Celsius, der Alkohol auch, die Tankfüllung liegt derzeit bei acht Bier.



"Einmal bin ich ausgerutscht und bin fast den Weg runtergekracht. Hab mir bloß den Arsch abgelacht, verletzt hab' ich mich net. Dann haben wir uns fast verlaufen."

Inzwischen steht Thorsten an für Steak und Pommes beziehungsweise für Bons. Von der Zeltdecke hängen Rohesser, es riecht nach Bratwurst und Tannennadel. Der Duft von Heimat.



20 Minuten später lässt es sich Thorsten schmecken. "Des Steak isch klasse, die Pommes sind e weng wenig", so sein Urteil. Dieses spült er mit einem gesunden Schluck Pils hinunter, dann küsst er den Bundesadler auf seinem Trikot. "Des hatt ich zum letschte Mol bei der WM an. Beim Spiel um Platz Drei und dann beim Finale. Des hab ich aber daheim geschaut, allein. Ich war sauer auf die Itaker."



Thorstens Rekapitulation wird begleitet von gepflegter Blasmusik. Draußen, vorm Festzelt, spielen Volksmusikanten aus dem Glottertal. Seit 1988 bauen sie hier oben fürs Maikonzert die Notenständer auf. Der Dirigent Peter Reichenbach ist heute bereits um halber Neune aufgestanden und hoch gelaufen, die Nacht davor war "nix mit Tanz in den Mai."

Dafür leitet er nun das 15-köpfige Blasorchester umso souveräner. Und wer jetzt glaubt, die Trachtenkapelle verbreite kitschige Badnerliedbehäbigkeit, der hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Hier die Setlist:

  • Der Mai ist gekommen
  • 1. In Harmonie vereint
  • 2. Drei weiße Birken
  • 3. Stille Sehnsucht
  • 4. Burgenländer Perlen
  • 5. La Golondrina
  • 6. Mexico
  • 7. Die Fischer von San Juan
  • 8. Rosenmelodie
  • 9. Die Fischerin vom Bodensee
  • 10. Rosenduft
  • 11. Slavnostni Walzer (Tuschla Heft Nr. 5)
  • 12. Jehlicka Polka
  • 13. Jasmin
  • 14. Schwarzer Zigeuner
  • 15. Suliko
  • 16. Melodie und Harmonie
  • 17. Morgenblüten
  • 18. Frühlingswalzer
  • 19. Schöne Stunden mit Musik
  • 20. Heimatmelodien
  • 21. Wenn die Egerländer spielen
  • 22. Zwei weiße Rosen
  • 23. Böhmischer Traum
  • 24. Klänge aus dem Alpenland
  • 25. Karina Polka (Tuschla Heft Nr. 6)
  • 26. Fröhlicher Feierabend
  • 27. Sakvicka Polka
  • 28. Grüße aus dem Egerland
  • 29. Windrosen
  • 30. Karina Polka
  • 31. Die alte Heimat (Blaues Heft Nr. 8)
  • 32. Bis bald auf Wiedersehen
  • Zugabe:
  • 33. Kuschel Polka
  • 34. Blasmusik macht froh
  • 35. Das Zigeunerkind
  • 36. Nach meiner Heimat
  • 37. Schwarzwälder Maidli
  • 38. Polka Party
  • 39. Schöne Serenade



 Als die "alte Heimat (Blaues Heft Nr. 8)" erklingt, hört man das natürlich auch vorn auf der Wiese, wo sich die Glottertäler Dorfjugend trinkenderweise niedergelassen hat. "He, des isch der Föhrentäler, der klingt immer noch am beschte", weiß ein stimmbrüchiger Jüngling mit Polyesterjacke und lässt dann den Baileys weiterkreisen.

Aber der Wolfi wiederum, der alte Winzer, der habe doch "nix drauf außer Zahnbelag." Im Hintergrund fungiert der Weidezaun als tückisches Trinkerhindernis, dessen Überwindungsfähigkeit den Alkoholpegel der Wandervögel anzeigt. Jüngere Hockbesucher lassen sich vorsorglich gleich die Wiese runterkugeln.



Nun singt die Clique das Lied der Gummibärenbande und irgendwo raucht jemand Indianerkraut. "Isch der Schipper au da?" "Ja, aber wenn, dann schafft er, damit er Bier umsonst kriegt." Oben auf dem Weg, am Kruzifix vorbei, tuckert ein geschmückter Traktor. Thorsten schaut sich um. "Ach die. Um kurz nach zehn haben die mich heut geweckt in Denzlingen. Akkordeon, Blasmusik, alles was Krach macht."

Dann steht er auf. Er wirkt benommen, wie ein schwankender Riese. Dann gähnt er und sagt: "Ich hab so kein Bock, jetzt wieder runter zu laufen."