"Die Al-Qaida ist bei Facebook, Twitter und Instagram": Interview mit dem Freiburger Dschihad-Forscher Andreas Armborst

Marius Buhl

Andreas Armborst ist Al-Qaida-Forscher, Freiburger und seit neuestem: Preisträger. Für seine Dissertation "Jihadi Violence: A study of al-Qaeda’s media" hat er in München die begehrte Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft gewonnen. Ein Interview über die al-Qaida bei facebook, den Terrorstaat ISIS und Andreas' Arabischkenntnisse:



Andreas, der Preis, den du gewonnen hast: Was ist das für einer?

Das ist die Otto-Hahn-Medaille des Max-Planck-Instituts. Es ist eine sehr renommierte Auszeichnung, weshalb ich mich sehr darüber gefreut habe. Ich habe sie für meine Doktorabeit bekommen: "Jihadi Violence: A study of al-Qaeda’s media". Auf Deutsch: Dschihadistische Gewalt: Eine Studie der Medien Al-Qaidas.

Und wo wurde dir die Medaille verliehen?

Das war in München, bei der Jahresversammlung des Max-Planck-Instituts. Einige namhafte Menschen waren auch da, zum Beispiel Ilse Aigner, Anette Schavan und auch der bayerische Ministerpräsident, dessen Name mir gerade entfallen ist.

Seehofer?

Genau der.

Zu deiner Dissertation: Wie sieht Al-Quaida denn die Welt?

Al-Qaida sieht drei Bedrohungen für sich und den Islam. Erstens: die durch den Westen, der laut Al-Quaida einen Krieg gegen den Islam führe, darunter könne man mehrere Konflikte subsumieren, Afghanistan, Irak, Syrien. Das ist aber nur insofern richtig, als es lediglich eine Bekämpfung des radikalen Islams gibt.

Die zweite Bedrohung für Al-Qaida ist der Säkularismus. Macht kann laut Al-Quaida niemals vom Volke kommen, sondern lediglich von Gott.

Die dritte Bedrohung ist die sogenannte Apostasie, also die Abtrünnigkeit vom Islam. Dieser Verrat an der Religion wird den Staatsoberhäuptern eigentlich aller Arabischen Länder vorgeworfen, inzwischen auch dem saudischen Königshaus. Und dass, obwohl Osama Bin Laden dort lange ein gern gesehener Gast war.

Du hast ja unter anderem auch Videobotschaften ausgewertet. Dazu fällt mir ein Bin-Laden-Zitat ein: Für al-Qaida ist ein Radiosender viel wichtiger als die Atombombe. Was meint er damit?

Damit manifestierte er die Wichtigkeit des Medienkriegs, der sogenannte "war of ideas". Es geht da um die innerislamische Deutungshoheit, um den ideologischen Kampf und die Frage, welche Idee die Beste ist. Neben diesem ideologischen Konflikt gibt es natürlich dann noch den militärischen - der ideologische ist laut Osama bin Laden aber der Wichtigere. Wenn er heute noch leben würde, würde er aber Internet statt Radio sagen.

Wie Social-Media-affin ist die Al-Qaida denn?

Sehr, sehr. Die Al-Qaida ist bei Facebook, Twitter, und Instagram. Wenn man nach bestimmten arabischen Hashtags sucht, findet man ellenlange Diskurse und Botschaften. Es wir da alles genutzt, da werden alle Register gezogen und alle Kanäle bespielt. Propaganda funktioniert auch online, natürlich.

Wie steht’s denn um Al-Quaida, konntest du da etwas herausfinden?

Da muss man unterscheiden: Meinst du die Organisation oder die Ideologie?

Beides.

Die Ideologie, der Dschihadismus, hat seit 9/11 großen Zulauf, das ist nach wie vor so. Was die Organisation angeht, ist alles höchst nebulös. Jedoch ist zu vermuten, dass in der Zentrale in Waziristan nicht alles rund läuft. Dazu kommt das aktuelle Problem mit dem ISIS.

Wie stehen der ISIS und Al-Qaida zu einander?

Der ISIS war früher der irakische Ableger der Al-Qaida, also eigentlich eng verknüpft. Heute beobachten wir einen offenen Konflikt. Gerade auch die beiden Führer, Aiman al-Sawahiri und Abu-Bakr al-Baghdadi bekämpfen sich öffentlichkeitswirksam, auch über Social Media.

Der ISIS rebelliert offen gegen die Zentrale in Waziristans, und damit einher geht ein Bedeutungsverlust für al-Qaida, da der ISIS gerade sehr stark und populär ist.

Wie tritt der ISIS denn im Internet auf?

Da überwiegen momentan noch Kampfesvideos, und Filme von Exekutionen und Geiselhinrichtungen. In der Zukunft wird es aber sicherlich auch bin-Laden-ähnliche Video-Botschaften geben. Die sind sehr wichtig, denn mit solchen Botschaften schaffen die Führer des ISIS Legitimität.

Ohne diese Botschaften ist das Kalifat nicht aufrecht zu erhalten - mit Gewalt kann man zwar anfangs viel erreichen, aber irgendwann muss man die Bevölkerung hinter sich vereinen und die Menschen zu freiwilligen Unterstützern machen.

Wird das gelingen?

Da spielen die Stämme im Irak eine sehr große Rolle. Als sich die Stämme 2010 mit den amerikanischen Besatzern gegen Al-Qaida verbündet haben, war Al-Qaida fast am Boden, da gab es nur noch ein paar Hundert Kämpfer. Nuri al-Maliki hat mit seiner antisunnitischen Politik die Stämme nun aber wieder in die arme des ISIS getrieben.

Und dass, obwohl die Stammesführer den ISIS überhaupt nicht mögen, da diese Leute oft sehr hochnäsig und gegenüber den Stämmen bevormundend auftreten. Momentan ist der Hass auf die Regierung aber größer.

Und wie geht das nun weiter?

Die Frage ist, ob sich die mächtigen Stammesführer und mit ihnen die Menschen im Irak für den ISIS entscheiden. Wenn das klappt, sieht es sehr schlecht aus. Wenn nicht, könnte der Spuk schnell wieder vorbei sein. Spannend ist das allemal.

Warst du schon mal in der Krisenregion?

Nein, leider noch nicht. Momentan ist es da ja auch sehr gefährlich, obwohl Journalisten immer wieder beweisen, dass das trotzdem geht - und spannende Geschichten mitbringen. Nächstes Jahr werde ich aber zu Forschungszwecken nach Kairo fahren. Da freue ich mich drauf. Man bekommt vor Ort einfach viel mehr raus als durchs Bücherwälzen.

Sprichst du denn schon Arabisch?

Ich bin dabei das zu lernen. Aber man kriegt eine Sprache nicht gelernt, wenn man sonst zu viel zu tun hat. Dieses Semester habe ich aber nun auch nochmal Arabisch bei einem Lehrer. Ich kann nun etwas buchstabieren, mittlerweile sogar Texte lesen, ohne das ich die Vokablen kenne.

Und du selbst: Wie geht deine Karriere nun weiter?

Erstmal werde ich weiter forschen. Ich habe gerade ein Stipendium der Marie-Curie-Stiftung erhalten, mit dem ich die nächsten zwei jahre an einer weiteren interessanten Frage forschen darf, nämlich: Inwiefern wirkt sich der Arabische Frühling langfristig auf die Al-Qaida aus? Darüber werde ich ein Buch schreiben.

Wäre die Außenpolitik etwas für dich?

Das kann schon sein. Es gibt sehr interessante ThinkTanks, wie das GIGA-Institut in Hamburg oder auch die International Crisis Group. Die machen hervorragende Analysen. Weiter als drei Jahre habe ich aber noch nie planen können.

Zum Preis

Andreas hat die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft verliehen bekommen. Er wurde damit für seine Dissertation mit dem Titel "Jihadi Violence. A study of al-Qaeda’s media" ausgezeichnet. Darin wertet er Bekennerschreiben und Videobotschaften dschihadistischer Bewegungen aus.

Die Max-Planck-Gesellschaft verleiht die Medaille seit 1978 jedes Jahr an junge Wissenschaftler für herausragende, wissenschaftliche Leistungen, die sie in der Regel im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit erbracht haben. Die Auszeichnung ist mit 7.500 Euro dotiert.

Zur Person

Andreas studierte Soziologie an der Uni Trier und der University of Nebraska-Lincoln in den USA, dazu Internationale Kriminologie an der Uni Hamburg. Er ist derzeit an der Universität Freiburg Wissenschaftlicher Mitarbeiter im EU-Projekt "BESECURE“ am Zentrum für Sicherheit und Gesellschaft.