Die Ärzte live: Aufmerksamer Vulgarismus

Nina Braun

9000 Zuschauer sind am Freitag in der ausverkauften Rothaus Arena gestanden, um den dreistündigen und routinierten Auftritt der Ärzte zu sehen. Nach packendem Beginn mussten die Fans aber auch einige kleine Hänger registrieren. Vom guten, aber nicht überragenden Konzert berichtet Carina.



Bewährte Albereien

Der Einstieg ist mitreißend. Ebenso wie das neue Album beginnen die Ärzte auch ihr Konzert in der Freiburger Rothaus Arena mit dem Song „Himmelblau“. Noch ist die Bühne schwarz verhangen und kurzzeitig nicht ganz klar, ob die Musik live ist oder vom Band kommt. „Der Himmel ist blau“, schallt Farin Urlaubs raumfüllende Stimme da im Refrain, der Vorhang fällt blitzartig, die "beste Band der Welt" steht im blauen Rampenlicht und spielt. In der Mitte thront Bela B. vom Schlagzeug umgeben in erhöhter Position und zappelt sich die Seele aus dem Leib, die Menge darunter ist sofort dabei, springt und schreit, tausend Arme strecken sich der Bühne entgegen. „Du hast ein gutes Gefühl“, schmettert Farin Urlaub, und nichts scheint einem grandiosen Konzert im Wege zu stehen.

Tatsächlich folgt eine Stunde des in diesem Rahmen fast perfekten Auftritts. Die bekannte und massenkompatible Mixtur aus Musik, Alberei und gepflegtem Vulgarismus trifft auf ein Publikum, das sich zuvor in Erwartung seiner Abgötter schon ausgiebig selbst in Stimmung geklatscht und gesungen hat.



Hallo, liebe Studenten!

Keiner der Fans scheint zum bloßen Zeitvertreib hier, die meisten vermitteln in einer Mischung aus Vorfreude und Märtyrertum vielmehr den Eindruck, als hätten sie notfalls auch wochenlang vor dem Ticketverkauf gecampt. Fast ein Fremdkörper, wer sich hier und heute nicht ins Ärzte-Merchandising hüllt.

Ergo ist die Erwartungshaltung groß, fast greifbar hat sich eine begierige Spannung über die Zuschauer gelegt, die mit dem ersten Ton aufgebrochen wird und sich in frenetischem Jubel und Pogosprüngen vor der Bühne entlädt. Die drei darüber wissen genau, was von ihnen erwartet wird, erfüllen ihre Rolle und geben dem Publikum das, was es will: ein paar Klischees („Freiburg. Hallo, liebe Studenten!“), Beschimpfungen und vor allem Direktheit („Wollt ihr wohl mitklatschen, ihr Säcke!?“) – kurz, den Humor, für den sie bekannt wurden und den man brachial und selbstironisch nennen würde, wäre er nicht schon längst mainstreamfähig und selbst zum Markenzeichen geworden.

Vor allem aber achten die Ärzte genau darauf, durch ständige Kommunikation mit den Zuschauern nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche – „Schweine“ oder auch „das intelligenteste Publikum der Welt!“ – selbst in der tendenziell stimmungsschluckenden Rothaus Arena eine fast familiäre Nähe zu erzeugen.



Zu wenige Klassiker

So verzeiht man sogar eine Reihe ausgedünnter Gags angesichts der Tatsache, dass Farin Urlaub und Bela B. (denn natürlich hat sich der Auftritt wieder zur Zweimannshow entwickelt) bereitwillig auf alles eingehen, was ihnen aus der Menge entgegengebracht wird – seien es auf die Bühne geworfene BHs oder halb entrüstete Sprechchöre, nachdem eine „Rothaus“-Werbung vom Frontmann versehentlich als „Rathaus“ abgelesen wurde. Einig die lokalpatriotische Front der Zuschauer, welche sogleich lautstark die korrekte Aussprache ihres Heimatbiers skandiert und Farin Urlaub damit einen willkommenen running gag bietet, der spontan in mehrere Texte einfließt.

Nicht ganz nebenbei machen Die Ärzte auch Musik und ein bisschen Radau und stimmen Songs von „Westerland“ bis hin zur neuesten Single „Junge“ an – wobei die Setlist ein paar Klassiker vermissen lässt, die offensichtlich für die Zugaben aufgespart wurden. Statt dessen wird ein Großteil des kürzlich erschienenen Albums „Jazz ist anders“ gespielt, das jedoch kaum gefragt scheint. Viele der Besucher sind deutlich jünger als die Bandgeschichte der Ärzte, die vor 25 Jahren ihren Anfang genommen hat, und dennoch sind es immer wieder die altbekannten Songs, die bejubelt und mitgesungen werden.

Ausgerechnet der sonst wie so oft recht blass gebliebene Rodrigo Gonzalez kann hier mit seinem lichtumfluteten Auftritt zu „1/2 Lovesong“ („Soll es das gewesen sein?“) einen der Höhepunkte des Abends für sich verbuchen, zu welchem unten so manche Träne fließt.

Eigentlich mag man denn keinen wirklich eindeutigen Grund ausmachen für das, was etwa zur Mitte des Konzerts eintritt, nach einer guten Stunde Musik und regem Hin und Her zwischen Band und Zuschauern: Die Stimmung droht zu kippen. Ob es nun tatsächlich die irgendwie durchlöchert wirkende Setlist ist, das Ambiente oder der von so manchem doch etwas zu ernst genommene Rathaus-Gag: Ein Teil der Jünger wird jedenfalls unleidig.



Mauler und Routine

Ähnlich einer Unterrichtsstunde beim beliebten, aber ein bisschen zu laxen Lehrer fangen einige an zu maulen, es wird gebuht sogar, man will mehr, wahrscheinlich will man einfach Bewährtes. Sehr kurz sind die Übergänge nun von enthusiastischem Beifall zu beleidigter Gunstverweigerung. Und so senkt sich nach zwei Stunden eine fast ratlose Stimmung über die Fangemeinschaft, die nicht weiß, wie mit der Ankündigung des letzten Liedes umgehen.

Glücklicherweise hat mit den Ärzten an diesem Abend aber eine leidlich erfahrene Band geladen, die natürlich noch einmal auf die Bühne zurückkehrt, das Tief mit einigen Sprüchen und Geplauder überbrückt und zum Abschluss nicht nur lange, sondern endlich auch Titel wie „Zu spät“ und „Schrei nach Liebe“ spielt und so die Halle versöhnt. Fast drei Stunden hat der Auftritt schließlich gedauert, der einen insgesamt positiven Eindruck mit kleinen Ambivalenzen hinterlässt.

Eine routinierte und aufmerksame Band mit einem begeisterungsfähigen, aber teilweise vielleicht schlicht etwas zu verwöhnten Publikum; und ein demgegenüber ebenso routiniertes und aufmerksames Publikum, dem das Altgediente vielleicht in zu kleinen Portionen serviert wurde. Ein langes Konzert, aber eben auch mit Längen. Ein gutes Konzert, kurzum, aber nicht das beste.

Mehr dazu: