Die 5 Phasen von Lenny Kravitz’ Konzert in Colmar

Bernhard Amelung

Er lässt das Publikum warten, bringt es mit nur einem Song quasi zum Orgasmus. Am Montag hat Lenny Kravitz ein Konzert auf der Foire aux Vins in Colmar gespielt. Die fünf Phasen der Konzertnacht.

Warten auf Lenny

Man sagt, die Vorfreude sei die schönste Freude. Weil das Eigentliche noch komme. Der Grund der Freude. Der Glücksauslöser heißt an diesem Abend Lenny Kravitz, inzwischen 54 Jahre alter Sänger, Musiker und seit bald 20 Jahren auch Schauspieler. Der Mann, der Funk mit Psychedelic Rock, Rhythm and Blues mit Folk, Reggae und Pop vermengt. Der Mann, der 1989 mit dem Album "Let Love Rule" debütierte und aktuell mit "Raise Vibration", seinem elften Album, auf Tour ist. Das erscheint aber erst im September.

Tausende Besucher wollen Kravitz an diesem Abend in der Konzertarena der Foire aux Vins in Colmar erleben. Der jedoch lässt auf sich warten. Wer immer auch behauptet hat, dass Vorfreude die schönste Freude sei, lügt. Das Gehirn kann nicht mehr. Der Cocktail aus Serotonin, Dopamin und Oxytocin, körpereigene Opiate, ist leer. Es ist fast halb zehn, die Vorband, The One Armed Man aus Straßburg, chillt längst im Backstage. Lenny Kravitz lässt auf sich warten.

Die Konzertarena hebt ab

Wahrscheinlich will Lenny erst noch Planeten gucken. Den Mars zum Beispiel. Er steht der Erde gerade so nahe wie seit fünfzehn Jahren nicht. Auftritt nur nach Einbruch der Nacht. Kravitz’ Songs, mal kuschelige Liebeshymnen wie "I’ll Be Waiting", Soul-Balladen wie "It Ain’t Over ’Til It’s Over" oder Rock-Songs wie "Are You Gonna Go My Way", brauchen die Dunkelheit. Das Bühnenlicht erlischt.

Sekunden später treffen purpurfarbene Lichtkegel die Instrumente der Band, die jetzt die Bühne betritt. Der Effekt ist bekannt, wirkt aber immer noch. Das Publikum kreischt, schreit, pfeift. Craig Ross (Gitarre), Gail Ann Dorsey (Bass), George Laks (Keyboards), Franklin Vanderbilt (Drums) gehen zu ihren Instrumenten und stimmen die vier Akkorde an, die das Publikum in den folgenden Minuten zum Ausrasten bringen wird. Wieder Dunkelheit, und er ist endlich da.

Lenny Kravitz steht auf einem Steg, der am hinteren Bühnenrand aufgebaut ist. Er trägt eine dunkelblaue Schlaghose, Jeansjacke, Sonnenbrille, schüttelt die halblangen Dreadlocks und stimmt den Songs "Fly Away" an, der in diesem Sommer 20 Jahre alt wird. "I wish that I could fly into the sky so very high just like a dragonfly" singt er mit seiner Baritonstimme.

Die Konzertarena auf der Foire aux Vins hebt scheinbar ab. Das Publikum würde mit "seinem Lenny" wahrscheinlich überhall hin fliegen. Oder einfach nur den Mars gucken gehen, wie er’s im Eröffnungssong singt.

Das Hitfeuerwerk zündet

Leben, Liebe, Musik sind Kravitz’ quasi göttliche Tugenden, die zwar gleichberechtigt nebeneinander stehen, doch die Liebe ist auch hier wahrscheinlich die Größte. Er fühle sich gesegnet, dass er sie mit seinem Publikum teilen dürfe, sagt der mehrfach mit einem Grammy ausgezeichnete Musiker nach einem kurzen "Good evening, bonsoir". Auch sonst bleibt er wortkarg, verzichtet auf langatmige Ansagen und Erklärungen.

Nur kurz stellt er seine Band vor, zu der sich auch noch die Saxophonisten Harold Todd und Michael Sherman und Ludovic Louis an der Trompete gesellen. Eine starke Brass-Section. Überhaupt, die ganze Band ist stark besetzt. Mit der einstigen Bowie-Bassistin Gail Ann Dorsey sowieso. Es gibt kein tieferes Fundament als ihr Spiel.

"Dig In", 2001 auf dem Album "Lenny" erschienen, "American Woman", wie "Fly Away" auf dem fünften und so betitelten Album erschienen, das Bob Marley-Cover "Get Up Stand Up" (2011, "Black and White America") sowie "It’s enough" und "Low", beide auf dem neuen Album "Raise Vibration" enthalten, spielen er und seine Band nahezu ohne Pause. Hier mal ein Schluck aus der Wasserflasche, da mal ein Schluck Bier. Das muss reichen.

Am Ende regiert die Liebe...

Vielleicht haben sich Lenny Kravitz und seine Band zu sehr verausgabt. Vielleicht hat die Hitze ihr Übriges dazu getan. Die zweite Konzerthälfte wird hinsichtlich Dramaturgie und Inszenierung weitaus weniger stringent als der erste Teil des Abends. Manchmal wirkt Kravitz so, als ob er sich überlege, welche Songs er unbedingt noch spielen müsse. "Always On The Run" oder "Where Are We Runnin’", "I’ll Be Waiting" oder "Let Love Rule".

Mit letztgenanntem Song, der so heißt wie sein 1989 veröffentlichtes Debütalbum, beginnt er die Zugabe, liefert eine "Extended Version" ab. Er verlässt die Konzertbühne – und marschiert durch die unteren Ränge der Colmarer Arena. Er schüttelt die Hande seiner Fans, nimmt sie in den Arm, lässt Selfies machen. Liebe kann nicht nur kleine Kinder zum Lachen bringen, wie er in "Let Love Rule" singt, sondern auch Erwachsene, Frauen und Männer, denen er sich nahbar zeigt, die sich ihm hingeben (und wahrscheinlich nie wieder waschen werden). Let let let let love rule.

...und das Publikum schreit orgasmisch

"Lenny, Lenny, Lenny". Eine Zugabe ist gespielt, das Konzert eigentlich zu Ende. Minutenlang, geradezu orgasmisch, schreit das Publikum den Namen seines Stars. Anders als zu Beginn des Konzertabends lässt er sich nicht lange bitten, kommt zurück auf die Bühne und spielt mit seiner Band das Rock-Gitarren-Epos "Are You Gonna Go My Way". Diese Frage, die Kravitz in diesem Song mehrmals stellt, beantwortet das Publikum mit einem lauten "Yeah". Es würde ihm an diesem Abend überall hin folgen. Wahrscheinlich auch zum Mars.

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