Die 4 wichtigsten Trends der Gamescom 2015

Manuel Fritsch

Rund 350.000 Menschen haben die Gamescom besucht, fudder-Autor Manuel Fritsch war einer von ihnen. Welche Erkenntnisse er aus Köln mitgebracht hat:



1. Virtual Reality

Der Hauptgrund für mich (Foto oben), die Reise nach Köln überhaupt anzutreten: die neuen Versionen der drei großen VR-Hersteller ausprobieren zu können. Alle drei Geräte (Sonys Project Morpheus, Occulus Rift und HTC Vive) haben im Vergleich zum Vorjahr einen merklichen Entwicklungsschritt gemacht. Kopf- und Handbewegungen werden ohne Verzögerung registriert und die Auflösung der Displays sowie die grafische Umsetzung sind besser geworden, so dass sowohl die Belastung für Augen als auch für den Magen deutlich zurückgegangen sind.

Viele der gezeigten Demonstrationen haben es geschafft, dass ich kurzzeitig vergessen konnte, dass ich mich nur in einem simulierten Raum befand. Einmal versuchte ich, mich aus dem Autofenster zu lehnen und wunderte mich, dass ich mich am virtuellen Türrahmen nicht abstützen konnte. Bei der zweiten Demo stand ich am Abgrund einer Klippe und versuchte intuitiv, mit den Fußspitzen vorsichtig die Kante zu „erfühlen“, um nicht abzustürzen. Beeindruckend, was mit dieser Technik bereits möglich ist und vor allem noch möglich sein wird.

Noch in diesem Jahr möchte HTC nach eigenen Angaben mit dem „HTC Vive“ in den Läden stehen. Die Occulus Rift sowie Sonys „Project Morpheus“ stehen in den Startblöcken direkt dahinter und peilen zumindest 2016 die Marktreife an. Doch trotz aller Euphorie über das bisher gezeigte: Von einem fertigen Produkt mit einem sinnvollen Softwarekatalog wirken alle drei Geräte noch weit entfernt.

Zwar merkte man, dass die meisten Spielentwickler bereits mit VR experimentieren, aber bis wir komplette Spiele in Virtual Reality erleben, werden wohl noch ein paar Hardware-Iterationen und gesellschaftliche Diskussionen ins Land ziehen. Ich kann es kaum erwarten.



2. Ist das noch Indie?

Als „Indie“-Spiele bezeichnet man Spiele von unabhängigen Entwicklern. Also Spiele, die meist ohne großes Budget abseits der großen Blockbuster entstehen. In den letzten Jahren verzeichnete die Indie-Szene einen enormen Zuwachs. Angefeuert durch viele neue Studiengänge im Spielebereich, Game-Jams, den boomenden Mobile-Markt und den einfacheren Zugang dank Entwicklungs-Plattformen wie Unity sprießen mehr und mehr kleine Studios aus dem Boden und versuchen, im hart umkämpften Markt Fuß zu fassen.

Für die einzelnen Studios ist ein eigener Messestand in Köln doch in der Regel unbezahlbar. Dank der Unterstützung der Messeleitung gingen diese tollen Projekte nicht unter, sondern hatten die Möglichkeit, einen Platz in der „Indie-Arena“ zu buchen, einem Gemeinsamstand, der dieses Jahr mit 500 Quadratmetern und über 42 Entwickler aus 15 Ländern mit 60 Spielen bestückt war. Man hätte auch locker drei Tage alleine an diesem Stand verbringen können!

Besonders angenehm: Im Vergleich  zu den restlichen Ständen musste man hier selten länger als 10 bis 15 Min warten, um spielen zu können - und selbst wenn, hatte man an diesem Stand fast immer die Möglichkeit, diese Wartezeit zu überbrücken und direkt mit dem Entwickler oder der Entwicklerin des Spiels zu reden.

Auch die großen Publisher wie EA entdecken immer mehr den Indie-Hype, nahmen zum Beispiel mit dem heimlichen Favoriten der Messe „Unravel“ eines dieser kleinen Entwicklungsstudios direkt unter Vertrag und stellten es neben „Star Wars Battlefront“, „Sims 4“ und „Need for Speed“ direkt auf die große Bühne. Ist das noch Indie?



3. Hoher Frauenanteil

Nicht nur am Indie-Stand wurde deutlich: Gaming ist schon lange keine reine Männerdomäne mehr und die gamescom kein Jahrestreffen der pickeligen Kellerkinder. Sowohl auf Seiten der Entwicklung von Spielen, also auch bei den Besucherströmen sah man auf den ersten Blick: Die oft zitierte Statistik, dass knapp die Hälfte aller Spieler weiblich ist, stimmt. Und das ist auch gut so!

Ein positiver Nebeneffekt dieser Durchmischung ist sicherlich, dass die allermeisten Aussteller endlich kapiert haben, dass die sogenannten „Boothbabes“, also Promotion-Girls in Hotpants und knappen Oberteilen, ein Relikt der Vergangenheit sind. Um Aufmerksamkeit auf den eigenen Stand zu ziehen werden dafür nicht mehr primär sekundäre Geschlechtsteile gezeigt, sondern „Cosplayer“ in aufwändig gestalteten Kostümen gebucht, die Charaktere aus den Spielen repräsentieren.

Auch in den Spielen hat sich einiges getan. „Fifa 16“ erhält zum ersten Mal in der langen Geschichte endlich Frauenfußballmannschaften und immer mehr Spiele haben entweder auch optionale weibliche Charakter-Editoren wie in „Fallout 4“ oder starke, weibliche Hauptpersonen wie in „Assassin’s Creed“, „Tomb Raider“, „Mirror’s Edge“ oder „Horizon: Zero Dawn“.



4. Bitte nicht anfassen!

Ein kleiner Negativ-Trend: Zwar gab es auf der gamescom wie gewohnt unfassbar viele Spiele zu sehen, aber viele heiß erwartete Titel wie „Uncharted 4“, „Mafia III“, „XCOM 2“ und vor allem „Fallout 4“ gab es nur als Video zu begutachten, bzw. als Live-Demo – das heißt, der Entwickler spielt eine Sequenz in der aktuellen Entwickler-Version vor. Ein eigenes Ausprobieren war weder in den Besucherhallen noch im Presse-Bereich möglich.

Gerade bei „Fallout 4“, welches bereits im November in den Läden stehen soll, wurde diese Entscheidung von Seiten der Presse mit Argwohn beurteilt: Ist das Spiel etwa noch so unfertig und quasi unspielbar? Wird es bis November rechtzeitig fertig oder das Release verschoben? Kein gutes Zeichen, wenn man das Spiel auf der wichtigsten Messe des Jahres den Besuchern quasi vorenthält und sich damit auch die Möglichkeit nimmt, eine Auszeichnung der „gamescom-Jury“ abzustauben. Sie prämiert nur Spiele, die angespielt werden können.

Besonders kurios: Bethesda hatte gefühlt komplett Köln mit Werbeplakaten zu „DOOM“ zugekleistert. Doch das Spiel war auf der Messe gar nicht zu sehen. Nicht mal als Video. Ich hoffe, dass dies kein Trend für die Zukunft ist und die Publisher nächstes Jahr das Geld lieber wieder in spielbare Demos stecken, als in Werbeplakate.

Mehr dazu:

[Foto 1: Manuel Fritsch, Foto 2: Nowhere Prophet/Twitter, Foto 3: Sony, Foto 4: Bethesda Deutschland/Twitter]