Dicker Regen und Linksverkehr

Lilian Kaliner

Bangkok ist eine spezielle Stadt, Asien pur. An den Dreck, den Gestank und die überall sichtbare Armut gewöhnt man sich nur schlecht. Am ersten Tag traf uns fast der Schlag, als wir nach dem Check-In durch die Nachbarstraßen laufen wollten. Das Menam Riverside Hotel ist schöner und luxuriöser, als wir erwartet hatten. Es liegt, wie viele der schönen Bangkoker Hotels, direkt am Fluss. Die Thais behandeln ihre Gäste wie Könige. Von diesem Luxusbunker aus starteten wir unsere Entdeckungstour. Die anfängliche Euphorie wich allmählich einem unguten Gefühl. Die Straßen waren voller Leute, der Verkehr extrem. Überall schossen zwischen normalen Autos Tuk-Tuks (dreirädrige, gasbetriebene und halsbrecherische Taxis) und laute Zweiräder hervor. Zebrastreifen gelten in Thailand wohl höchstens als Zierde, die Straße zu überqueren ist fast unmöglich. Auf den Gehwegen stehen an jeder Ecke kleine Garküchen. Dort bereitet man in wokartigen Pfannen abenteuerliche Gerichte zu. Und alles stinkt. Die Straßen sind voller Abgase. Nach einer halben Stunde brennt einem der Hals. Aus den Häusern, Garküchen und kleinen Winkeln dringt ein kaum aushaltbarer Geruch. Dazwischen immer wieder Bettler auf dem Boden und Kinder, die zu dritt vor oder hinter ihren Eltern auf lauten Mopeds sitzen. Helme gibt es natürlich nicht und der Anblick eines Zweijährigen inmitten einer Abgaswolke ist heftig. Nach einer halben Stunde trauten wir uns in einen kleinen Laden und kauften einige Flaschen Wasser, denn Leitungswasser sollte man in Thailand nicht trinken. Fertig vom Flug und den ersten Eindrücken hauten wir uns erst mal an den Pool und dann ins Bett.

Am nächsten Tag besichtigten wir den Königspalast und die buddhistischen Tempel, wobei der Weg dorthin schon ein Erlebnis war. In Bangkok sind Boote auf dem von der Regenzeit matschfarbenen Fluß oft das einzige und praktischste Fortbewegungsmittel. Lange, dieselbetriebene Boote halten an verschiedenen Stegen. Die Menschen springen auf und ab wie sie möchten. Eine Fahrt kostet 15 Baht (45 Baht = 1 Euro), also fast nichts. Dafür sind Wasserspritzer und die Dieselwolke inklusive. Das alles bei schwül-drückenden 36 Grad.Die angenehmere und fast genauso beeindruckende Fortbewegungsmöglichkeit ist der moderne Skytrain. Er fährt hochgleisig über den Straßen. Beim Anblick der bis zum Horizont reichenden Häuser begreift man, wie groß diese Stadt ist. Zu groß, als das die Einwohnerzahl bekannt ist. Man schätzt zwischen sieben und neun Millionen Menschen. Sie leben zwischen goldenen Tempeln und dreckigen Gassen. Faszinierend, abstoßend und beeindruckend. Unvorstellbar. In der modernen Downtown kann man die großen Einkaufsmalls direkt über die Haltestellen des Skytrains erreichen. Die Straße zu betreten, ist dabei nicht notwendig. Hier verkehren Menschen, die nicht am Rande des Existenzminimums leben. Hier gibt es Edeldesigner ? natürlich auch in der günstigeren Fakeversion ? und die neueste Technik. Überall sind zuvorkommende Thais, die leise sprechen. Sie begrüßen uns landestypisch mit einer leichten Verbeugung, die Hände vor der Brust gefaltet. Thais lächeln immer.Nach vier aufregenden Tagen in Bangkok hatten wir genug. Wir verlegten unseren Weiterflug nach Brisbane nach vorne. Zu unserer Überraschung konnten wir unseren Flug schon am Donnerstag machen. Eine Umbuchung ist bei einem Jahresticket sehr einfach. Für nur 1000 Baht pro Person wurden unsere Tickets geändert. Zur Feier des Abschieds machten wir am letzten Bangkokabend mit dem deutschen Pärchen, das wir im Hotel kennen gelernt hatten, eine nächtliche Dinner-Schifffahrt. Am beleuchteten Königspalast vorbeizuschippern und dabei an Deck zu speisen ist das Unglaublichste, das wir bisher erlebt haben. Thailändische Musik, wunderschöne Tänzerinnen ? wir staunten. Dann bekamen wir plötzlich die Regenzeit zu spüren. Die Welt um uns versank in einem dicken Regenschleier. Blitze zuckten über den Himmel. Wir fühlten uns mitten auf dem Wasser nicht mehr besonders wohl. Im dicken Regen gingen wir von Bord und betrachteten das Spektakel vom Hotelzimmer im 12. Stock.

Inzwischen sitzen wir in Brisbane, Australien. Die zweite Nacht verbrachten wir in einem Backpacker Hostel. Wir waren mittags um zwölf gelandet und hatten mit Glück und Einsatz um vier ein Zimmer gefunden. Brisbane ist im Gegensatz zu Bangkok richtig schick, neu und für uns sehr groß. Das Stadtgebiet ist weitläufig. Da Patrick noch keine 21 ist, durfte nur ich den Mietwagen fahren. Jetzt werden die Leute, die mich kennen, vermutlich schmunzeln: wie soll das, was ich schon in Deutschland auf eine, ähem, spezielle Art mache, in Australien andersrum funktionieren? Nun, es klappt sehr gut. Anscheinend bin ich der geborene Linksfahrer. Linksverkehr ist toll. Patrick schaute immer wieder komisch, aber ich hatte es verinnerlicht und fuhr begeistert in die Randgebiete. Jetzt mußten wir das Auto wieder abgeben, denn es kostet ordentlich. Wir suchen uns gerade ein eigenes Auto. Eines haben wir festgestellt: aller Anfang ist schwer. Euphorie ist noch nicht aufgekommen. Dafür ist alles zu neu und zu anstrengend. Toll wird es wohl erst, wenn wir in unser eigenes Auto steigen, Steuernummer und Bankkonto haben und endlich Richtung Küste starten. Dann sind wir richtig angekommen!