Dicke Titten, Kartoffelsalat: Die allerletzte Abrissparty mit DJ Steve XLS im Dreieck

Marius Buhl

Die Party war legendär, der DJ noch berühmter: Mit der Schließung der Diskothek Dreieck endete am Montagabend auch die Schlager-Party mit Kult-DJ Steve XLS. fudder-Redakteur Marius Buhl hat Steve auf seiner letzten Abrissparty begleitet und ihm ein Versprechen entlockt:



Sabine dreht den Deckel ihres Tequila-Fläschchens ab, presst ihn sich auf die Nase und knallt den Shot weg. Sie wischt sich den Mund ab, knutscht ihren Freund. Dann stimmt sie in den Refrain des Mallorca-Schlagers ein, der aus den Boxen der Diskothek Dreieck im Bermudadreieck hämmert: „Dicke Titten Kartoffelsalat!“ Der Song von Ikke Hüftgold ist einer der Höhepunkte des letzten ’Schlagerecks’. Noch ein Mal ballermannt DJ Steve XLS, dann ist der Laden zu.

Wenn er Ende September neu eröffnet, soll er sich in das szenige ’BalzBambii ’verwandelt haben. Für Schlager wird dann kein Platz mehr sein. „Als ich das gehört habe, war ich geschockt“, sagt Steve XLS, der eigentlich Stephan Ehry heißt und seit 20 Jahren als DJ arbeitet. Für den 45-Jährigen ist es unverständlich, dass der auch wirtschaftlich erfolgreiche Schlager-Montag gekillt wird. Acht Jahre lang hat er hier jeden Montag aufgelegt. Als er anfing, hieß der Laden noch Glamour, später Nachtschicht. „Jeden verdammten Montag habe ich den Club abgerissen“, sagt Steve. Doch diese Art zu feiern, das komplette Ausrasten, das sei nicht mehr erwünscht. “Das ist uncool geworden!“

Steve ist eine bombastische Erscheinung. Er hat lange schwarze Haare, die ihm vorne ausgehen. Auf seinem roten Shirt steht ’Fuckin’ cool’, auf seiner Nase sitzt eine dieser bunten Sonnenbrillen, die man an Mittelmeerstränden kaufen kann. Er hat mit Mickie Krause im Stinnes aufgelegt, mit Tim Toupet die Nachtschicht gerockt; Jörg und Dragan, ’Die Autohändler’, kennt er persönlich. Zwei Jahre war er auf Malle und Gran Canaria.



Beim Schlagereck ist Steve ein Star. Steve steht auf einer Kanzel hoch über dem Partyvolk, er begrüßt die Ladys mit Küsschen, feuert an, beschwichtigt bei Streit. Steve trinkt, singt, umarmt. Steve ist der Fixpunkt dieser Party, das Zentrum, um das alles kreist. Für die Fans gibt es kaum etwas Größeres, als neben ihm in der DJ-Kanzel zu stehen und auf die tanzende Menge herabzusehen.

„Ein guter Schlager-Abend“, sagt Steve, „beginnt nie mit den absoluten Hits. Am Anfang muss man der Meute die Songs von morgen vorspielen. Am Ende haut man dann die ganz großen Dinger raus.“ Sein persönliches Lieblingslied diesen Sommer ist von Mickie Krause. Der besingt darin die rauschbedingte Wahrnehmungsstörung, bei der eher unattraktive Frauen auf einmal zu attraktiven mutieren. “Geh mal Bier holen, du bist schon wieder hässlich”, lautet der einprägsame One-Liner.

Generell besingen Schlagerkünstler sehr oft Frauen. Hört man sich die Hits der vergangenen Jahre an, lernt man lauter Synonyme für die weibliche Brust: Melonen, Hupen, Titten. Oft geht es auch um Sex, Saufen und die Party an sich. In einem anderen Lied wird der fiktiven Partnerin ein Gewichtsproblem unterstellt. Der Schlager als letzte Bastion gegen politische Überkorrektheit? Steve nickt.



Ähnliches ist auf der Tanzfläche zu beobachten. Dort haben sich gerade drei hormongetriebene Jungs versammelt, die mit Jack-und-Jones-Pullis und Bierglas auf die Jagd gehen. Mädchen, die ihnen gefallen, nehmen sie einfach von hinten in den Arm und tanzen sehr eng mit ihnen. Ob die das auch wollen, stellt sich dann geschwind heraus. Als alle abblitzen, kehren sie in ihren Männerkreis zurück und intonieren eine Persiflage auf den Schlager der Saison: Statt “Atemlos” singen die drei: “Hackedicht, durch die Nacht” - und stoßen mit ihren Weizengläsern an.

Dem Alkohol ist auch Steve XLS nicht abgeneigt, auf seiner Kanzel hat er stets einen Vodka Bull stehen. “Wenn ich Schlager spiele, dann muss ich auf ein gewisses Level kommen. Da gehören ein paar Gläser dazu.” Doch 20 Jahre durchfeierte Nächte zermürben auch den Schlagerkönig langsam. Um nicht irgendwann zu kollabieren, mache er regelmäßig “Fitness”.

Hat er auch mal ans Aufhören gedacht, jetzt, nachdem seine Ära im Dreieck zu Ende geht? "Nein, auf keinen Fall. Ich werde weiter machen." Momentan laufen die Verhandlungen, einige Innenstadt-Clubs wollen ihn haben, zwei davon seien “brandheiß”. Steve lacht. “Bald bin ich zurück - und mit mir der Schlagermontag in Freiburg!”

6-Sekunden-Video-Galerie: Das letzte Schlagereck









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