Dicke am Pranger

Eva Hartmann

Nachdem das Rauchverbot nun beschlossene Sache ist, muss eine neue Randgruppe her, die man nun öffentlichkeitswirksam diskriminieren kann. Und wen nehmen wir da? Die Dicken! Die eignen sich prima: Sie sehen hässlich aus, strapazieren das Gesundheitssystem, sie nehmen Platz weg. Das Beste: Sie können nicht so einfach weglaufen. Eva regt sich auf: Eine vollkommen subjektive Echauffage.



Angefangen hat das ja schon vor längerer Zeit. Kurz bevor ich mich endgültig entschloss, meinen Fernseher abzuschaffen waren, neben BBC-Dokumentationen über dicke Kinder, gerade solche Shows angesagt, in denen Ernährungsberater in Familien mit hohem Dicken-Anteil gingen. Ihnen die Pommes wegnahmen und stattdessen Kohlrabi in den Kühlschrank legten, ihnen die Menge an wöchentlich verzehrtem Fett in Frittenfettkübeln in der Küche aufbauten und den Kindern ein Hüpfseil schenkten, damit die sich mal etwas bewegten.


Das Highlight einer jeder solchen Show war aber der Moment, in dem die Eltern in einen angsteinflößend zurecht gebühnenbildnerten Raum geführt wurden und man ihnen anhand einer Computersimulation zeigte, wie ihre Kinder in 30 Jahren aussähen, wenn sie an ihren gegenwärtigen Ernährungsgewohnheiten nichts änderten. Es dauerte keine Minute, bis die Mutter schluchzend ihr pummeliges Gesichtchen in der gut gepolsterten Brust des Vaters vergrub, der sich den Rest des Elends dann mit feuchten Augen alleine ansah.



Was mich daran stört ist nicht, dass das Thema Übergewicht in die Öffentlichkeit gebracht wird.  Mich stört, wie das gemacht wird. Ich sehe ein, dass Übergewicht, insbesondere dann, wenn ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung davon betroffen ist, ein Thema von öffentlicher Relevanz ist. Ich sehe auch ein, das von Krankenkassen initiierte Sportprogramme oder von Fernsehköchen unterstützte Sendungen über gesunde Ernährung da durchaus sinnvolle Maßnahmen zur Eindämmung von Übergewicht sein können.

Aber solche Sendungen wie die oben beschriebene werden doch nicht gemacht, um Übergewichtigen Motivation zum Abnehmen zu bieten - eine solche Art der Berichterstattung stempelt Dicke als verachtenswürdige und verantwortungslose Deppen ab: Im Kalorienwahn vollständig den Fastfood-Fressflashs ergeben, zu dumm und vor allem zu faul, ein gesundes Leben zu führen.



Wohin sich das im Zusammenhang mit der derzeit diskutierten Fettsteuer möglicherweise noch steigern könnte, hat sich der Kölner Blogger malo ausgemalt:

"Wenn bald die Schokoladen- und Fettsteuer eingeführt wird und Ampelsymbole auf Verpackungen und in Speisekarten gedruckt werden müssen, darf der Verzehr fetter Speisen in Gaststätten nur noch in sichtisolierten Nebenräumen erfolgen. Außerdem wird Wirten mit Body-Mass-Index über 20 die Konzession entzogen. Für Eckkneipen in Niedersachsen läßt sich eine Ausnahmeregelung finden. Ein gut sichtbar an der Eingangstüre angebrachtes rotes F weist den Schankraum als Fettkneipe aus."

Ich finde, das sagt so ziemlich alles: malo macht hier auf ironische Weise nicht nur auf die Absurdität einer möglichen Fettsteuer aufmerksam, sondern auch auf die Ausgrenzung der Dicken, die da gerade medienwirksam angeleiert wird. Anstatt eine ernsthafte Auseinandersetzung über das Thema zu führen, werden, wie so oft, Klischees bestätigt. Und das hat Auswirkungen: Auf pummelige Schulmädchen und magersüchtige Teenies genauso wie auf mobbingfreudige Arbeitskollegen und tuschelnde Lästermäuler.

Eine der häufigsten Ursachen für Übergewicht, nämlich Depression, bleibt damit nicht nur völlig unbehandelt, sondern wird so auch noch forciert. Aus eigener Erfahrung kann ich euch sagen, dass einem hinterhergezischte Gemeinheiten den Griff ins Schokoladenregal eher wesentlich erleichtern, als dass die einen zur Verhaltensänderung motivieren. Ich erwarte kein Mitleid mit Dicken. Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen sich die Mühe machten, Übergewicht aus einer anderen als der vom Fernsehen angebotenen Perspektive zu betrachten.

Man könnte sich ja auch mal fragen, welche Randgruppe als nächstes dran ist. Die Alkoholiker vielleicht? Oder die Dummen? Oder noch besser: Vielleicht Leute mit schlechtem Musikgeschmack? Denen könnte man dann hässliche Kappen mit goldenen Glitzersteinen verpassen, die man schon von Weitem sieht, so dass man rechtzeitig die Straßenseite wechseln kann.

Überhaupt: Docutainment-Reihen über verantwortungslose Rabeneltern, die ihrem Nachwuchs zum Geburtstag Kirmestechno-CD's schenken - dafür würde ich glatt wieder GEZ zahlen.

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