Devastations: Ein Abend der eine Lungenentzündung wert war

Tom Lissy

Vergangenen Samstag spielte die australische Band Devastations im absolut ausverkauften Swamp. Es war laut, eng und wunderbar! Für fudder hat Tom sich in die Menge gequetscht, viel geschwitzt und eine Lungenentzündung riskiert. Und zwar gerne.

Es ist fast winterlich, auf jeden Fall mal kalt, als ich gegen 21:30 Uhr vor dem schon voll gestopften Swamp stehe. Ob ich überhaupt noch rein gelassen werde? Wenn alle noch ein wenig aufrutschen wird es schon gehen! Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt und Platz zum Tanzen wird keiner sein. Ist bei der Band vielleicht auch unangebracht.


Ich versuche, im meinem Kopf das Wort 'eng' durch 'kuschelig' zu ersetzen und mit der wenigen Armfreiheit, die mir bleibt, Chico bedeuten, dass ich etwas zu trinken möchte. Nachdem das sehr gut klappt, werde ich von den Besuchern, die am Fenster sitzen als Bier-Weiter-Reicher entdeckt und während des Konzertes immer wieder in Anspruch genommen. Gern geschehen. Ein Prost quer durch das Swamp mit ein paar Unbekannten und die Band betritt die Bühne.

Bereits mit den ersten Tönen machen Devastations klar, dass sie vielleicht melancholisch, gar traurige Musik macht, aber mit Sicherheit nicht auf Lautstärke verzichten.

Die Stimme vom vollbärtigen Sänger und Bassisten Conrad Standish ist nicht von Anfang an der dominierende Part des Konzertes, und auch einzelne, in das Mikrofon gekiekste Juchzer können das zu Beginn nicht wirklich zu ändern; Erst nach den ersten paar Songs ist das Verhältnis zwischen den Instrumenten so perfekt ausgewogen wie es in den Proberaum-Bedingungen, die im Swamp aufgrund der Enge nun mal vorherrschen, möglich ist. Das macht das Konzert intensiv, direkt und unverfälscht. Die Devastations wissen mit dieser Atmosphäre umzugehen und erhöhen den Druck.

Vorne stehen also zwei Herren in herrlich nerdig gepunkteten Hemden mit umgeschnallten Gitarren, im Hintergrund sieht man ein wenig was von Schlagzeuger Hugo Cran, aber wo kommt das Klavier her, dass man immer wieder hört? Vom Band? Laptop? Das scheint so gar nicht zu dieser Band zu passen und der Pianosound ist mit dem Gefühl der Band zu jeder Zeit komplett stimmig.
Erst wenn man sich durch die stickige Masse nach vorne kämpft (ein über die Köpfe weitergereichtes Bier hat es da leichter) erkennt man, dass ein viertes Mitglied die Band live unterstützt: Am Rand der 'Bühne' sitzt Tour-Keyboarder Kiernan Box.

Leise Töne wechseln mit dissonanten Noise-Eskapaden ab. Das ruhigere, zweite Album geht eine Liaison mit dem live etwas wuchtiger wirkendem ersten ein: Wie Hammerschläge auf die Stirn, immer abwechselnd mit entschuldigender Liebkosung der getroffenen Stelle am Kopf.

Und so spielt sich die Band durch ein Set mit dem sie das Publikum mehr und mehr gefangen nimmt. Hört man in der ersten Hälfte des Konzertes bei ruhigeren Nummern noch Gemurmel im Raum, wird mit dem Fortschreiten des Konzertes immer aufmerksamer und gebannter zugehört.
 

 
Conrad Standish hat seine Augen beim Singen oft geschlossen, was schade ist, denn in den Momenten, in denen er sie geöffnet hat, erzählt er mit seinen Blicken mehr als jeder Ton des ganzen Albums, und zwar ohne jede erzwungene Pose. Als er„The night I couldn’t stop crying“ singt, habe ich einen leichten Klos im Hals und als ich verschämt um mich blick,  bemerke ich, dass es einigen anderen auch so zu gehen scheint.

Was die Devastations auf ihrem aktuellen Album Coal, aber vor allem live präsentieren ist Leiden; Schönes, gefühlvolles Leiden mit allen Facetten, mit warmen Piano-Akkorden, teilweise donnerndem Bass und den Feedback-Gitarren.

Nach zwei lautstark eingeforderten Zugabeblocks und 90 Minuten ist das Konzert vorbei. Verschwitzt verlasse ich das Swamp, stehe in der Saukälte draussen und hoffe, dass ich mir keine Lungenentzündung hole. Und selbst wenn: Dieses Konzert war es wert.

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