Deutschland-Portugal: Auswärtsfahrt nach Basel

David Weigend

Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da! Und fudder auch: gestern Abend sind wir nach Basel gefahren, um den vollen Fanwahnsinn mitzuerleben. Warum es manchmal nicht ganz unproblematisch ist, Teil einer deutschen Fangruppe zu sein, haben wir auch gemerkt. Die große Reportage vom verschlossenen Badischen Bahnhof.



Wolfgang

Es fängt alles ganz sittsam an. Um 17.35 Uhr steigen wir in den Sonderzug nach Basel. Durch die geöffneten Fenster kommt Fahrtwind ins Abteil. Den genießen vor allem diejenigen, die jetzt schon schwitzen unterm Deutschlandhut.

Wolfgang schwitzt nicht. Er trägt eine Deutschlandkappe und beim ersten Rothaus kommt man gut ins Palavern. Wolfgang erzählt, er schaue das Spiel lieber bei sich auf dem Balkon in Badenweiler: „Ich hab ein künstliches Schultergelenk, und wenn mir dann einer auf die Schulter haut da auf der Fanmeile und ,Sieg!' brüllt, ja, dann ist mein Arm futsch.“

Eine Fähnchen mit dem Bundesadler hat sich Wolfgang auch geholt, für 99 Cent. „Bald werden die ja noch billiger verscheuert“, vermutet er. Wolfgang sagt, er sei Hotelkaufmann. Als er in Müllheim aussteigt, durchsucht er routiniert einen Abfalleimer nach Pfandflaschen.



Die Ankunft

Im Badischen Bahnhof machen die Reisenden des Sonderzugs klar, wer hier Herr im Hause ist. Die Stimmung schwankt zwischen Onkelzkonzert, Bierprozession und aus dem Ruder gelaufenem Junggesellenabschied. Man skandiert: „Alles außer Deutschland ist scheiße!“, „Die Schweiz ist raus!“, Auswärtssieg!“ und „Ohne Deutschland wär hier gar nichts los!“

Spannend wird’s, als sich die weiße Horde dem Zoll nähert. Es gibt einen kleinen Stau, es folgt das Hin-set-zen-Ritual. Auf jeden Fall sind genug Vorgröler dabei, die den Mob dirigieren. Die Zöllner machen Stichproben und ziehen einzelne Fans aus dem Strom.

Ausweiskontrolle. Aber selbst, wenn man als Österreicher den Reisepass vergessen hat, lässt die Zöllnerin den abgelaufenen Presseausweis sowie den Führerschein mit Bombenlegerfrisur gelten und wünscht ein „schönes Match“. Einen Schluck aus der Pilsbüchse lehnt sie dankend ab.

Die Kioskdame in der Bahnhofshalle macht das Geschäft ihres Lebens. Schubweise versorgen sich die Deutschen pro Nase jeweils mit zwei Dosen Feldschlösschen à 1 Euro sowie einem Softpack Parisienne mild. Reisegepäck. Dosen raus, Zichten raus, abkassieren, merci. 15, 20 Mal hintereinander. Und dann ist wieder Ruhe. Bis zum nächsten Regionalexpress.



„Eh, die Portugiesinne sin aber geil“

Der Tross der Schlachtenbummler verbröselt ein wenig auf der Rosentalstraße. Alle wollen zum Rhein, zur Kaserne oder auf den Münsterplatz, Glotzen auf Großleinwand ist angesagt. Und saufen. Am Claraplatz treffen Südbadener erstmals an diesem Tag auf ein paar Portugiesen. Schöne Geste: man klopft sich auf die Schulter, wünscht Fair Play und macht gemeinsame Fotos.

Unschöne Geste: später in der Public-Viewing-Zone brüllen einige deutsche Volldubel „Zick-Zack-Zigeunerpack“, als sie Portugiesen sehen.



 
Der durstige und unwissende Fan lernt schnell die Unterschiede Schweizer Supermarktketten kennen. Die Migros führt keinen Alkohol im Sortiment, lässt stattdessen Jamiroquai in satter Phonstärke durch die Boxen dröhnen. Im Denner gegenüber ist es nicht nur ruhiger, nein, es gibt auch Bier. An der Kasse treffen wir zwei kurdische Jungs. „Gegen die Türkei und für Deutschland, aber mit viel Gel“, so könnte man das Lied nennen, wenn man denn eines über sie schreiben müsste. Cool: auch Borne ist da.



Mexico

Es ist inzwischen 20.15 Uhr und wir sind jetzt in der Phase des angesoffenen Umherirrens angelangt. Die Rheinbrücke ist ein sonniges Trödelparadies, so dass die Fanzone schon dicht ist, als wir am Marktplatz ankommen. Freundlich erklärt man uns den Weg zurück zur Kaserne.

Wir passieren diverse Bordells und einige Fans werden von Thaifrauen „abgeführt“ oder von Kleinbasler Busenwundern in den Puff gelockt. Ein Waldshuter Fan singt „Baby Baby Balla Balla“, das hat man heute schon in der Bild gelesen, und irgendwie fügt sich das alles herrlich zusammen ins schwarz-rot-güldene Prollsittengemälde.



20.35 Uhr, große Zitterei: kommt man noch rein in die „Kaserne“? Die Sicherheitsmänner gewähren kaum noch Einlass. Die Deutschen kümmerts wenig. Direkt hinter uns verbrüdern sich eine Handvoll Onkelzfans, teilweise original mit Bändchen vom Lausitzring, und grölen den kleinsten gemeinsamen Nenner deutscher Fankultur, das Lied „Mexico“: „…im Siegesrausch, voller Alkohol, lassen wir die Fahnen wehn…“ Es folgen: „Kneipenterroristen“, „Dick & Durstig“, „Wir ham’ noch lange nicht genug“, dann wieder „Mexico“.

Vielleicht halten es die Ordner einfach nicht mehr aus, jedenfalls winken sie uns durch. Wehmutstropfen: nicht nur unsere Bierbatterie müssen wir komplett im Kehricht entsorgen, sondern auch die guten Kürbiskernbrezeln vom Bäcker Bueb. Nur die Bildzeitung dürfen wir behalten. Abzocke à la Uefa.



Fragwürdige Animation

Die Fanzone Kaserne ist der Inbegriff von Kommerz (Schweizer Natitrikots ab jetzt 70 % billiger!), aber an diesem Abend eben auch Schmelzpunkt der Freude. Es riecht nach Orange Bud, an jeder Ecke, und vom Moderator, der das Spiel kommentiert, hört man so gut wie nichts, weil ständig irgendwo gejubelt, getrötet oder ins Handy gebrüllt wird: „Ehhjj! Wo seid ihr, Mann? Wir sind da hinten, an der Leinwand links!“



Der Kick ist aus Sicht der Deutschen ein erfreulicher. Die Badnerinnen titulieren Ronaldo als „doofen Schönling“ und analysieren „Deco isch bloß Deko.“ Zum Schluß bemühen sich Portugiesen darum, ihren Kopfschmuck, oftmals rot-grüne Narrenkappen, gegen deutsche Fanhüte einzutauschen, mit überschaubarem Erfolg. Viele Portugiesen lachen, aber ihre Augen lachen nicht mit. Sie sind gute Verlierer. Und die Deutschen stolze Gewinner.

Nach dem Spiel lassen die Ordner, fast durchweg Deutsche, einen Kameraden auf die Bühne, der für einige Minuten den Fan-Animateur spielen darf. Er trägt einen Schal mit den Farben der Reichskriegsfahne. Sensibilität scheint nicht die Haupteigenschaft der Organisatoren in der Kaserne-Riviera zu sein.



Vor verschlossenen Türen

23.35 Uhr: die Eingangstüren des Badischen Bahnhofs sind versperrt. Schätzungsweise 100 deutsche Fans drücken in die Richtung der Türen. Falls hier jemand Platzangst hat: Panik garantiert. Da hilft kein „Humba Tätärä“, kein „Wir wolln nach Hause fahn“, auch nicht die Rammbockmethode.

Als die Türen um 23.47 Uhr geöffnet werden, bricht die weiße Flut ins Bahnhofsgebäude. Viele rennen, weil sie den Regionalexpress gen Freiburg um 23.48 Uhr erwischen wollen. Der Zustand ist chaotisch. Immerhin: der Zug fährt erst um 00:06 Uhr los. Die Verspätungen werden im Laufe der Nacht zunehmen, die Wartezeiten vor dem geschlossenen Bahnhof ebenso. Wie soll das nur am Mittwoch werden, beim Halbfinale?



Im Halbschlaf, Höhe Heitersheim, Vollmond. Irgendein Deutschlandfan textet seine Freundin zu: „Ey, wie wir die Portugiesen weggefickt haben, super. Ich habs dir von Anfang an gesagt.“ Wie meinte doch Wolfgang so schön auf der Hinfahrt? „Fanmeile, das ist nichts für mich. Gehst angedödelt rein, kommst völlig dicht wieder raus.“

Dank für zwei Fotos und Zusatzinfos an Sven Meyer

Video aus Basel: Christian Weiss