Deutschland-Pop

Dirk Philippi

Wir waren böse und waren niemand. Nun sind wir Papst und Fußballweltmeisterschaft. Doch sind wir jetzt alle Deutschland? Die Popkultur des Landes hat ein neues Phänomen: den Fußball-Patriotismus! Dirks Kommentar zum Deutschland-Pop.



Deutschland war schon immer ein Sack voller Widersprüche, auf den die Geschichte einen übel riechenden Knoten setzte. Und es scheint beinahe so, als würde nun ausgerechnet der Fußball dieses Land, die Heimat des schlechten Gewissens, des biederen Ballsports und des gestörten Verhältnisses zum eigenen Ich, zu einer normalen Nation machen.


Aus der Freude entstand Rührung und aus der Rührung sehe ich an jeder Ecke auch eine gehörige Portion Erleichterung. Woher die Freude kommt, wer kann das sagen? Ob es ein Fußball-Trainer schafft, einem Land symbolisch die veralteten, verkrampft spießigen Zöpfe abzuschneiden? Ich weiß es nicht. Aber der Patriotismus ist tatsächlich normal geworden, auch im traditionell Deutschland-kritischen Freiburg. Das hat diese WM schon erreicht - oder doch nur zu Tage gebracht? Aus der Welt ereilen uns Meldungen, dass man froh sei, dass sich Deutschland endlich wieder gefunden zu haben scheint. 700.000 schwarz-rot-goldene Fahnen Schwenkende auf der Berliner Fanmeile im Paarlauf mit dem Mahnmal der Hauptstadt - nicht einmal der Zentralrat der Juden findet dies degoutant. Und auch wenn noch nicht zu erahnen ist, wie das balltrunkene Volk ein frühzeitiges Ausscheiden beantworten würde ? es ist die entspannte Normalität eingekehrt, die einem immer so unglaublich schwer gefallen ist.

Und auch ich bin infiziert vom Fußballfieber, von WM-Partys, von Tippspielen und FachSIMPLEeien. Auch ich habe mir ein Spiel zusammen mit 10.000 ausgelassen Feiernden im Eschholzpark angesehen und auch ich staune, staune und staune über das, was der Fußball gerade aus unserem Land und seinen Kindern macht. Wie könnte ich aber auch anders? Versucht mal in diesen Tagen eine mittelschwerschwafelige Konversation zu führen, ohne das F-Wort zu benutzen. Momentan könntet Ihr annähernd ungeahndet den ganzen Tag lang aus vollem Halse “Ficken!” grölen und dabei nackt die Rolltreppe bei Karstadt rauf- und runterfahren, aber wer “Fußball!” spricht, der wird gehört. Bis zum argentinischen Unabhängigkeitstag am 9. Juli kann König Fußball niemand entfliehen - nirgendwo auf dieser Erde, auch nicht in Deutschland, nicht in Freiburg.

Egal ob Männer, Frauen, Kinder, alle zeigen ein erhöhtes Interesse für den professionellen Ledersport. Die sensible Psyche des Fans ist dabei während der WM äußerst zerbrechlich und befindet sich permanent im Schwebezustand zwischen Kleinkind, Weltherrscher und Norman Bates. Das hemmungslos weinende Elendshäufchen auf dem Sofa und der frohgesoffene Siegertyp im Opel sind oft nur einen Freistoss voneinander entfernt.

Er hat aber auch wirklich schöne Gesichter, der neue deutsche Patriotismus. Fahnen des Irans werden mit denen Deutschlands gekoppelt, das Brasilien-Trikot harmoniert mit dem Deutschlandhut und der Dönerstand hat die Auslage mit Teutonen-Konfetti dekoriert. Es sind weibliche und männliche Fans, bei denen man nicht mehr weiß, welcher Nation sie zugehören, die aber auf jeden Fall auch zur deutschen gehören wollen. So in vielzähligen Variationen ist dies seit Wochen auch in Freiburg zu bewundern, wo sich die Welt (!) zum Fußball-Glotzen trifft.
Der neue deutsche (Fußball-)Patriotismus ist Pop, er ist ein Sammelsurium an Zeichen und Symbolen, die de gusto kombiniert werden ? eine Integration der einzelnen Identifikationen. Es ist ein Patriotismus, der sich mit dem Event herstellt und der durch Events abrufbar sein wird, der sich aber sonst schwer mobilisieren lassen dürfte - so jedenfalls hoffe ich. Als solcher aber ist er nicht nur schön, lebendig und sexy, er ist in erster Linie auch entspannt, weltoffen und lebensfroh.

Nicht ganz so schön und auch weniger lebendig ist der neue Patriotismus, wenn der Bundespräsident wieder und wieder die Liebe zum deutschen Vaterland beschwört. Diese Eule immer wieder nach Berlin zu tragen, wirkt so, als fiele ihm einfach nichts Besseres mehr ein. Noch weniger schön ist der Zwangspatriotismus, der von einigen Medien beinahe eingefordert wird. Was wir jedenfalls zuletzt brauchen, sind Herren, die “ihrem” Volk sagen, wann sie es zu lieben haben.

Nicht nur unschön, sondern ganz und gar widerlich sieht der ästhetische 'worst case' des neudeutschen Patriotismus aus, quasi die Fratze des Pop. Wenn die BILD abwertend von “Polski” spricht, schaudert es einen, und wenn im Eschholzpark der händereckende Landsmann mit Bierpinkelfleck weniger latent aggressiv als viel mehr deutschtümlich stolz die Hymne gröhlt und nationalistisches Gedankengut lauert, dann ist das eklig und die Schattenseite der Erleichterung.

Was also tun? Wie umgehen mit dem neuen Deutschland-Pop? Für mich ist der neue Patriotismus auch eine Frage des guten Geschmacks, der sich im Gefühl für das Gegenüber definiert. Er muss Taktgefühl und gute Umgangsformen kennen und auf den Ton achten, der richtige von falschen Symbolen unterscheidet. Deutschland-Pop ist vielmehr als Vaterlandsliebe, muss vielmehr als das sein. Zuletzt las ich, dass Patriotismus eine Stilkritik benötigt und wo trifft das mehr zu als hier in Deutschland? Wenn die Klinsmänner gegen Schweden verlieren sollten, dann will ich einen Autokorso aus dem ein “Gruppensieger, Gruppensieger, he oh he!” klingt, der dabei den sportlichen Sieger mitfeiert. Für mich ist Deutschland-Pop eine große Chance - mehr jedenfalls als eine Gefahr.