Deutschland gegen Spanien: Chicos Analyse

Chico Policicchio

Warum Kommentator Tom Bartels nach Neuer und Schweinsteiger gestern Abend der beste Mann im Halbfinale gegen Spanien war, erklärt uns Chico bei seiner Analyse des Deutschlandspiels.



"Schlaaaand" ruft einer auf dem Fahrrad durch die Nacht, als ich unterwegs bin. Es klingt aber weder mutig, noch trotzig. Eher irgendwie nach einer Mischung aus traurig und besoffen. Der Einfallsreichtun deutscher Redakteure kommt heute morgen erwartungsgemäß nur in ganz wenigen Ausnahmen über die Schlagzeilen "Der ist Traum aus" respektive "Traum geplatzt" oder bei ganz innovativen Redakteuren "Sommermärchen 2010 zu Ende" hinaus. Egal. Es war ja auch ein schöner Traum. "Erfolg gepaart mit Schönheit", eine Kombination die es im deutschen Fußball jahrelang kaum gegeben hatte.


In einem Wissenschaftsbeitrag über Sehnsucht las ich neulich den wunderschönen (und irgendwie melancholisch-traurigen Satz.) "Bitter sind unerreichbare Ziele, süß die Phantasie des Ersehnten".

Nun schien das Ziel für Deutschland, das Team und die Fans ja nicht wirklich unerreichbar, im Gegenteil: Die Nationalmannschaft stand im Halbfinale, hatte bis dahin für deutsche Verhältnisse begeisternden Fußball gespielt und die Hoffnung genährt, dass es dieses Mal zum großen Wurf reichen würde. Dass man dabei seit Wochen dem Geschwafel der Werbeindustrie vom vierten Stern ausgesetzt war, geschenkt. Denn die Sache mit der Sehnsucht und deren Realisierung hatte einen kleinen Haken, sogar mehrere: Der Gegner hatte noch gar keinen Stern, also noch mehr Grund zur Sehnsucht, und der Gegner hieß dummerweise Spanien, ein Team, dem man eigentlich als Fußballfachmann das Attribut "Weltklasse", wenn nicht sogar Jahrhundertelf anheften sollte. Hatten nur leider viele Fans, und leider auch sogenannte Experten vergessen. Und so war der einhellige Tenor in Schlandland: "Hauen wir weg!"



War dann halt doch nicht der Fall, zur Überraschung eines großen Teiles der Fangemeinde, die irgendwo zwischen 2:0 und 4:0 getippt hatten. Am Ende hieß es 1:0 für die Spanier, ein Ergebnis, das dem deutschen Team letzlich sogar schmeichealte. Zu überlegen, zu souverän beherrschte der EM-Sieger die deutsche Mannschaft, die in der Einzelkritik für mich wie folgt aussah: Manuel Neuer:
Zusammen mit Schweinsteiger der beste Deutsche, denn er hielt was zu halten war, bei Puyols Kopfballrakete ohne Chance Arne Friedrich:
Sah sich einer 90-minütigen Daueroffensive der Spanier gegenüber, in der er kaum Zeit hatte zum Luftholen. Daher, atemlos und trotzdem ziemlich tapfer dagegen gehalten. Gilt auch für Per Mertesacker, der allerdings beim Tor, hmmm, na ja, sagen wir mal so: den armen Sami Khedira ziemlich alleine gelassen hat. Philipp Lahm:
Der WM-Kapitän wurde von den Spaniern derart beschäftigt, dass er kaum dazu kam, das eigene Offensivspiel anzukurbeln. Genauer gesagt, einmal kam er durch, seine Flanke allerdings blieb wirkungslos. Jerome Boateng:
Wäre der nur mal halb so wild und unberechenbar wie sein böser, böser Bruder, der Ballack-Umhauer Kevin Prince, vielleicht würde er dann auch besser spielen. Unser Multikulti-Vorzeige Nationalspieler Sami Khedira bekam gegen das spanische Mittelfeld deutlich seine Grenzen aufgezeigt. Nicht so schlimm, denn er hatte wirkliche Weltklassespieler gegen sich. Jogi Löw bevorzugt ja bekanntermaßen das Modell "Flache Hierachie". Warum Bastian Schweinsteiger trotzdem ohne Wenn und Aber der Chef im deutschen Ring ist, hat er gegen Spanien eindeutig bewiesen, denn er lieferte eine großartige defensive Leistung. Piotr Trochowski:
spielte als Ersatz für Thomas Müller, so wie Ersatzleute meistens spielen, vielleicht etwas besser. Lukas Podolski:
„Wir müssen die Beine hochkrempeln und die Ärmel auch!" Ob er diesen Spruch wirklich so gebracht hat, sei dahingestellt, zumindest hat er heute stellenweise so wirr wie dieser Satz gespielt Mesut Özil:
Erinnert mich ja vom Aussehen immer an E.T, nur ohne Dreirad. War gegen Spanien in dem Sinn ziemlich allein im All, umringt von vielen roten, spanischen Astronauten. Miro Klose:
Einsamer kann man sich in der Wüste Gobi auch nicht fühlen, als der gute Miro in dem Match. Marcel Jansen:
Schon besser als Boateng, aber nicht wesentlich Toni Kroos:
Hatte drei Minuten vor dem spanischen Führungstreffer die Riesenchance zum 1:0, bewies allerdings Gerechtigkeitssinn und vergab. Mario Gomez:
Mit der Einwechslung von Mario Gomez verriet Löw ein klein wenig seine bisher im Turnier vertretenen Ideale. Denn Gomez Einsatz war, wenn auch nur für acht Minuten, der Versuch, die gute alte Brechstange wieder auszupacken.



Der beste Deutsche an dem Abend stand wahrscheinlich hinterm Mikro, denn die Art wie Tom Bartels (Bild) kommentierte war einfach nur sachlich, mit profundem Wissen und kompetent.

Nicht wie sonst, im gewohnt verschnarcht Öffentlicht-Rechtlichen, dessen Gebührenzahlung man allein schon deshalb verweigern sollte, weil damit auch solche furchtbaren Gestalten, wie die WM-Außenreporter finanziert werden. Armselige Menschen, denen man ein Mikrofon in die Hand drückt, um sie in eine dumpf schreiende Pubertätsmasse zu stellen und dort dämliche Fragen stellen lässt. Aber das ist ein anderes, wenngleich abend- oder sonstwas füllendes Thema. Dem deutschen Fan bleibt die Erkenntnis eine schöne WM erlebt zu haben, in der sie gegen den kommenden Weltmeister (so weit lehne ich mich aus dem Fenster) ausgeschieden ist.

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[Fotos © dpa]