Deutschland, eine Winterreise

Rebecca Schnell

Der Freiburger Student und Filmemacher Aljoscha Hofmann hat eine Gruppe von Studenten und Forschern aus Südamerika, Südafrika, Neuseeland und Australien, die zwei Monate in Freiburg verbracht haben, wochenlang begleitet, um filmerisch festzuhalten, wie sich ihr Deutschlandbild in dieser Zeit verändert. Unsere Autorin Rebecca Schnell hat die Gaststudenten zum Abschluss ihres Sprachkurses besucht und gefragt: Wie sieht es nun aus, euer Deutschlandbild?



Kurz nach 9 Uhr morgens im Sprachkurszentrum in der Erbprinzenstrasse. Die letzten trudeln ins Klassenzimmer ein, na klar, es ist Freitag und wenn schon die Deutschen nicht so pünktlich sind wie ihr Ruf, wie dann Argentinier oder Brasilianer?


„Ich bin Amanda Viana de Sousa und komme aus Brasilien. Ich studiere Philosophie und ich mag Kant“, kommt es etwas gelangweilt. Zu oft musste sie den Text schon abspulen. Dennoch sieht man ihrem wachen Blick an, dass dieses Mädchen vor Eindrücken sprüht.

Federico aus Buenos Aires und Amanda aus São Paulo

Es sind junge Intellektuelle, zum größten Teil aus Südamerika, die sich hier ein Bild von Deutschland machen sollen. Sie studieren Musik und Philosophie, bewundern Heidegger, Bach und Beethoven und halten die Deutschen für sauber, ordentlich und korrekt. Wer wie Amanda aus São Paolo stammt, für den ist das Leben in Freiburg ein bisschen seltsam: „Freiburg ist eine kleine und schöne Stadt mitten im Gebirge. Überall gibt es Fahrradwege und Fahrradständer, alles ist perfekt organisiert“. Amanda mag diese Idylle, „aber nur für einen Monat, nicht länger. Ich bin aus São Paulo, ich brauche die Großstadt, das Chaos, den Müll auf den Straßen“.

Doch Freiburg überrascht auch, weil es eben nicht so neu, modern und effizient ist, wie das Bild, das die Australierin Alexandra von Deutschland hatte: „In Freiburg ist alles so alt, dass man fast erwartet, nicht Autos, sondern Pferdekutschen an einem vorbeifahren zu sehen.“

In der Sprachschule...

Immer wieder vergleicht die Sprachgruppe, die im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Auslandsdiensts (DAAD) nach Deutschland gekommen ist, das Leben in Freiburg mit Berlin, wo sie eine Woche verbrachte. Dort fanden sie eine Stadt vor, in der die Geschichte der Deutschen nicht nur im Museum, sondern auch im täglichen Leben präsent ist. Das Kanzleramt beispielsweise faszinierte viele, weil sich für sie in der modernen Architektur gleichzeitig der demokratische Wandel Deutschlands widerspiegelt. Alexandra zeigt sich beeindruckt von der „perfekten Harmonie zwischen alten und neuen Gebäuden, zwischen Tradition und heutiger Politik. Wenn man die Gebäude um den Reichstag ansieht, sagt man sich: Deswegen sind die Deutschen so wie sie sind!“ Die meisten finden es richtig, dass man in Berlin, anders als in Freiburg, so direkt mit der Erinnerung konfrontiert wird.

Für den Brasilianer Petrúcio haben die Deutschen ihre Identität aus der Aufarbeitung der Vergangenheit gewonnen. Die Geschichte Brasiliens sei hingegen verstümmelt: "Wir haben keine Erinnerungskultur wie die Deutschen." Viele Länder Lateinamerikas orientierten sich zu stark an der USA und an Europa, so dass sie zu keiner eigenen Identität fänden: „Wir leben eine Geschichte, die nicht die unsere ist“, sagt der 25-jährige.

In Südamerika wird man nicht selten für verrückt erklärt, nach Deutschland zu gehen, „zu den Nazis!“, erzählt die 23-jährige Pamela. In ihrer Heimatstadt Buenos Aires werde deutsch von vielen als „Hitlersprache“ abgelehnt.
Die deutsche Vergangenheit prägt also nach wie vor das Bild, das vor allem Südamerikaner von Land und Sprache haben. Deutsch bleibt für sie die Sprache des „Müssens“ und des Befehls, andererseits ist sie auch die Sprache der Philosophie und der Wissenschaften. Vor allem aber ist es eine sehr, sehr schwere Sprache mit absurden Regeln: „Das seltsamste an der deutschen Sprache ist die Fähigkeit, Substantive aus Substantiven zu machen und diese fast unbegrenzt aneinanderzureihen“, findet Alexandra. Ebenso unverständlich sind die vielen Kommas und die die unlogische Stellung des Verbs.

Deutschland ist also irgendwie so, wie man es sich vorgestellt hat, und doch ganz anders. Letztlich sind es all die kleinen Dinge, „der Umgang mit dem Ober in einem Restaurant, die Marken der Supermärkte, dass man eine Plastiktüte kaufen muss“, die ein anderes Gefühl von „Alltag“ ergeben. Manche wie die Brasilianerin Luciana oder Elizabeth aus Südafrika werden in Deutschland ihr Studium fortsetzen, die meisten wollen wiederkommen. „Eigentlich müsste man hierbleiben und sofort heiraten“, lacht Amanda. „Aber nein, erstmal will ich studieren, vielleicht ja irgendwann in Deutschland“.

Mehr dazu:

  • Der etwa 10-minütige Dokumentationsfilm von Aljoscha Hofmann wird in Kürze auf der Seite des DAAD zu sehen sein.