Deutsche Meisterschaft im Dinge merken: Das sind die Tricks der Gedächtnisprofis

Laura Wolfert & Lisa Göllert

Sie denken an eine Busfahrt oder eine Wanderung, um sich die Reihenfolge von über 800 Spielkarten zu merken: Am Wochenende fanden in Freiburg die 19. Gedächtnismeisterschaften statt.

Im Raum HS 124 des mathematischen Instituts riecht es nach verbrauchter Luft. Es ist so leise, dass ich mich nicht traue, auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen. Vor mir und meiner Kollegin sitzt Dr. Johannes Mallow. Er ist deutscher Gedächtnisweltmeister und einer von elf Kandidaten, der bei der Kategorie "Spielkartenmarathon" der 19. Deutschen Gedächtnismeisterschaften teilnimmt.


Johannes Mallow hat sich seine Haare zur Seite gekämmt und ist ganz in grau gekleidet: Hose, Pullover, Schuhe. Das einzige bunte Accessoire des 35-Jährigen: Ein gelber Minion-Kopf, der an seinem Rollstuhl befestigt ist.

Auf seinem Tisch liegen 16 Kartendecks à 52 Karten. Ein älterer Herr im Sakko, Veranstaltungs-Organisator Klaus Kolb, stellt sich vor die Teilnehmer und tippt auf seine Uhr. "Die Ruheminute ist vorbei. Wir beginnen mit der Merkphase. Auf die Zellen, fertig, los", sagt er.

Video: Ein Gedächtnisweltmeister erklärt, wie Du Dir Dinge leichter merken kannst



832 Spiel-Karten in 30 Minuten

Mallow steckt sich Gummi-Stöpsel in seine Ohren. Seine Mitstreiter setzen sich Helme oder Kopfhörer auf. Sie greifen zu den Spielkarten. 832 Karten gleiten innerhalb von 30 Minuten durch Mallows Hände : Kreuz-Bube, Ass-Pick, Dame-Herz – eine Karte in zwei Sekunden.

Sein Nachbar schließt die Augen, wippt mit dem Kopf. Eine Frau mit roten Haaren aus der zweiten Reihe starrt an die Decke, ein anderer flüstert die Kartenabfolgen vor sich hin.

Während die Kandidaten versuchen, sich in einer halben Stunde die richtige Reihenfolge der knapp 832 Karten einzuprägen, macht sich meine Kollegin Notizen – mit der Sorge, wir könnten wichtige Details vergessen.

Zwischen Nachhilfeschülern und Gedächtnisweltmeistern

Der Wettbewerb findet in den Räumen das mathematischen Instituts statt. In den Fluren hängen Tafeln, die mit Formeln vollgekritzelt sind. An großen, runden Tischen sitzen Mathe-, oder Informatik-Studierende und schlürfen ihren Automaten-Kaffee. Man riecht die abgenutzten Lehrbücher, die sich in alten Holzregalen stapeln. In dem gleichen Gebäude, in dem jetzt Gedächtnisweltmeister sitzen und Binärcodes auswendig lernen, saßen wir vor einem Jahr - mit unserer Mathe-Nachhilfe.

Wer war da?

Einige der Teilnehmer traten schon bei Fernsehsendungen wie dem "Superhirn" im ZDF auf. Aber sind das wirklich "Superhirne", oder kann man die Merkfähigkeit trainieren – wie Mathe?"Die Technik ist das Wichtigste und erlernbar. 90 Prozent sind Übung und 10 Prozent Talent", sagt Klaus Kolb. "Unsere Wettbewerbsteilnehmer sind durchmischt und üben die verschiedensten Berufe aus". 26 Teilnehmer - elf Erwachsene und 15 Junioren - treten in zehn Disziplinen an. Sie müssen sich Zahlen- und Kartenabfolgen, Namen, Gesichter oder Gegenstände merken - in fünf bis 30 Minuten.

Sich 832 Karten merken – anhand einer Busfahrt

"Wenn es um Zahlen-oder Wörterabfolgen geht, kann man sich das vorstellen wie eine Busstation", sagt Mallow. "Ich fahre imaginär mit dem Bus und lege an den einzelnen Stationen Bilder ab. Als Beispiel: Die erste Station ist mein Kopf. Dort lege ich das Bild einer Eisenbahn ab, die für eine Zahl oder ein Wort steht. So bildet sich eine Route, die ich anschließend an meinem Körper abfahre."