Desillusion im Doppelpack für Audimax-Besetzer

Robert Hotop

Nachdem 2000 Besetzer und Sympathisanten Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer und Oberbürgermeister Dieter Salomon am Mittwoch bei der großen Demo ihre Forderungen als "Luther-Thesen" ans Rektorat genagelt hatten, statteten beide den Studierenden im besetzten Audimax einen Gegenbesuch ab. Rob hat den Rück- und Überblick.



Teil 1: Rektor Hans-Jochen Schiewer ist "verständnislos"

Als erster Redner kam am Donnerstagabend um 20 Uhr Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer in Begleitung von Prorektor Heiner Schanz ins KG II. Wer da nun wen eingeladen hatte - schon auf der Demo ertönte der Ruf: "Nicht Sie laden uns ein! Wir laden Sie ein - und zwar ins Audimax" - blieb auch am Donnerstagabend offen. Allerdings setzten die Besetzer sich nach einem E-Mailwechsel mit dem Rektorat gegen die Unileitung in der Frage durch, ob nun der Prophet zum Berg oder der Berg zum Propheten kommen müsse: Rektor Schiewer und Prorektor Schanz kamen "zu den Besetzern" ins Audimax - und nicht, wie ursprünglich von der Unileitung verlangt, die Besetzer "zum Rektorat" in den kleineren HS 2004. In diesen hätte, nach dem - ebenfalls unerfüllt gebliebenen - Willen der Unileitung, schon die Besetzung ausgelagert werden sollen, um raumplanungstechnische Widrigkeiten zu neutralisieren.

Tatsächlich reichen dann nicht einmal die 768 Sitzplätze plus Seitenaufgänge des Audimax allein aus, um alle Besetzer und sonstigen Besucher zu fassen, so dass die Bildungsdebatte zusätzlich live in den kleineren Hörsaal mit über 200 Leinwand-Zuschauern übertragen wird. Insgesamt interessieren sich also gut 1.000 Studierende dafür, was Rektor Schiewer und seine Begleiter zu ihren Forderungen zu sagen haben.

Wer nach den Querelen um die Juraklausur letzten Dienstag und dem Hin- und Her über das Audimax als angemessenen Ort für Besetzung oder rektorale Ansprachen ein aufmüpfiges Publikum oder gar studentische Krawalle wie am letzten Fernseh-Wochenende im "Baader-Meinhof-Komplex" befürchtet oder erhofft hat, wird enttäuscht: Bravere Studentinnen und Studenten dürften dem 53-jährigen Mediävisten Schiewer bisher nicht einmal in Examensprüfungen untergekommen sein.

Vielleicht hat der Rektor beim Entwurf seiner einführenden 10-Minuten-Ansprache nicht mit einer derartigen Charme-Offensive der Studierenden gerechnet, die ihn mit begeistertem halbminütigen Vorschuss-Applaus bedenken, als er ans Rednerpult tritt. Jedenfalls stellt Schiewer gleich einleitend ziemlich schroff klar, es sei in der Tat "sicher wichtig mal miteinander zu reden", denn: "Sie haben in den letzten Tagen und Wochen immer wieder von vielen Seiten gehört, ich habe Verständnis, ja selbstverständlich müsste ich Verständnis haben und so weiter und so fort - jetzt würde ich Ihnen am liebsten sagen: Ich habe kein Verständnis. Ich habe kein Verständnis für Sie, weil ich der Meinung bin, dass wir hier an einem gemeinsamen Projekt arbeiten."

Es folgen Ausführungen zu Selbstverständnis und Gemeinsamkeit im universitären Leben, Ausführungen zur verantwortlichen Verteilung von Mitteln. Der Rektor betont erneut, dass man die Umsetzung der neuen Studiengänge zurzeit verbessere und weiter gemeinsam verbessern müsse. Pauschalkritik an Bachelor und Master weist er indes zurück: "Entscheidend ist nicht, was draufsteht, sondern was drin ist." Der Diskussionsprozess sei in Gang gesetzt, die "Reform der Reform" bedürfe gemeinsamer Arbeit.

Eines seiner Lieblingsthemen sei die Bildungsgerechtigkeit. Wer an der Uni ankomme, habe aber schon sein Ziel erreicht, die Finanzmittel müssten daher vor allem in frühere Bildungsphasen fließen. Aus seiner und der Sicht der Universität gäbe es auch deshalb keine Möglichkeit, auf Studiengebühren zu verzichten: Diese würden dringend benötigt, um Studium und Lehre auf dem Niveau zu halten, das die Studierenden in den letzten zwei Jahren seit der Bologna-Reform schon hätten erleben dürfen, an einem Ort, der einmalig sei im Leben, um gemeinsam zu arbeiten und zu entdecken. Gemeinsam habe man schließlich auch eine Lösung erarbeitet und die Krise gemeistert, als der Uni fünf Millionen Euro wegen der Geschwisterregelung verlorengegangen seien und hätten eingespart werden müssen.

Insgesamt geht Schiewer in seiner Ansprache weder konkret auf die tags zuvor an ihn überreichten Forderungen ein, noch über das hinaus, was er den Studierenden schon seit Beginn der Besetzung in seinen "5 Fragen - 5 Antworten" auf der Uni-Homepage mitteilt. Dennoch wird er auch nach dieser Ansprache mit freundlichem Beifall bedacht, der allerdings etwas kürzer und zurückhaltender ausfällt als der euphorische Eingangsapplaus.

In der anschließenden Diskussion, die vom Politologen Jürgen Rüland und Hermann J. Schmeh als Studierendenvertreter moderiert wird, können die Besetzer ihren vermeintlichen Heimvorteil nicht nutzen. Obwohl die Debatte sehr diszipliniert und fast absolut störungsfrei abläuft, vereitelt der "Drei-Studis-fragen-Rektorat-antwortet"-Modus, auf den man sich im Vorfeld aus Zeitgründen geeinigt haben, fast alle Versuche der Studentinnen und Studenten, die Unileitung auf konkrete Aussagen, geschweige denn auf Zugeständnisse oder gar Unterstützung ihrer Forderungen festzunageln: Von den Studierenden werden jeweils mehrere, thematisch oft völlig verschiedene Fragen zunächst im Plenum vorgetragen und gesammelt. Diese - schon allein wegen ihrer Vielzahl und Vielfalt unübersichtliche - Auswahl an Fragen können Schiewer und Prorektor Schanz, der für die Argumente seines Rektors stets die passende Statistik bei der Hand hat, meist souverän parieren, ohne auch nur Gefahr zu laufen, rhetorisch in die Enge gedrängt zu werden.

Dass der Unirektor nicht nur mit rhetorischer Dominanz die Interessen der Universitätsleitung vertritt, sondern auch menschlich nahbar ist, beweist dann ein Vorfall zwischen Tür und Angel, als Schiewer zur wartenden Presse ins Foyer gehen will. Eine junge Psychologie-Studentin gratuliert dem Rektor sarkastisch - und unter Tränen - zu dessen 13-semestrigen Studium, mit dem der Mediävist zuvor etwas flappsig in der Diskussion über den auf sechs Semester angelegten Bachelor kokettiert hat. Es freue sie, dass Schiewer seine Studienzeit so ausgiebig habe genießen können. Ihr sei so ein schönes und sorgenfreies Studentenleben leider nicht möglich, weil sie sich den Master trotz Einser-Abschluss nicht leisten könne. Die weinende Studentin macht auch den Germanisten für einen kurzen Moment sprachlos. Sichtlich betroffen versucht Schiewer dann, die Studentin damit zu trösten, dass sie möglicherweise ja als Härtefall unterstützt werden könne, und nennt ihr entsprechende Namen und Stellen bei der Universitätsverwaltung.

Als Schiewer und Schanz längst ihre Interviews und Statements an die vor dem Audimax wartenden Journalisten abgegeben haben und die Studierenden von ihrer längeren Pause in die im Anschluss angesetzte Vollversammlung zurückkommen, ist die zu Beginn der Pause vorherrschende Ratlosigkeit offenem Unmut und Selbstkritik über Ablauf und Ergebnis der Debatte gewichen. Zuerst bricht es aus Tilman heraus, der sich bebend an die noch anwesenden gut 200 Studierenden wendet: "Das war unbefriedigend. Wir sind davon ausgegangen, dass die hinter uns stehen. Ich zittere so, weil ich mich aufrege: Es ist für mich absolut faszinierend, dass Schiewer und Schanz zwei Stunden geredet und nichts gesagt haben. Unser Protest fängt jetzt erst an!" Für diesen Dutschke-mäßigen Auftritt bekommt der 27-jährigen Psychologiestudent - gegen den neuen Brauch des Armwedelns als dezentes und geräuschloses Zeichen für Zustimmung - lauten Beifall nahezu vom geschlossenen Plenum.

Auch ein Philosophie-Student ist von geradezu biblischen Zorn ergriffen: "Ich sehe vielleicht aus wie Jesus, aber ich bin wütend. Wütend, weil Bildung für mich ein Tempel ist, in dem die Krämer nichts zu suchen haben." Man kann ihn sich lebhaft vorstellen, den 24-jährigen blonden Benny mit der Jesus-Mähne, wie er die Peitsche schwingt und aufräumt. Allerdings sind Schiewer und Schanz längst zu Hause. Dennoch appelliert der bereits fertig studierte Informatiker Nils (27) sicherheitshalber an die Besetzer, besonnen zu bleiben und keine Fehler zu machen. Ebenso der 27-jährige Geschichts- und Jurastudent Herrmann, der "dem Rektorat mehr Zeit, vielleicht drei Wochen, einräumen" will, um doch noch eine Unterstützung der Besetzer-Forderungen durch die Unileitung zu erreichen, dafür aber kaum Beifall erntet.

Die Stimmung im Saal ist eher beim 21-jährigen Niko vom "AK Aktion", der fragt, wie man "jetzt noch abwarten" könne, "nachdem uns eben ernsthaft die Elite-Uni Harvard als Beispiel für das Zukunftsmodell der Universität vorgesetzt wurde."

Teil 2: OB Dieter Salomon ist "nicht zuständig"

Am Freitagmorgen um 10 Uhr wollen nur noch höchstens halb so viele Studierende im besetzten Audimax Freiburgs Oberbürgermeister und Wahlkämpfer Dieter Salomon sehen wie letzte Woche seinen Herausforderer Ulrich von Kirchbach und noch am Vorabend ihren Rektor Hans-Jochen Schiewer. Obwohl die Debatte mit dem Rathaus-Promi zugleich Auftakt des heute beginnenden "Alternativen Vorlesungsmarathons" ist. Das mag damit zu tun haben, dass manche Studierenden eine gewisse Ernüchterung nach der am Vorabend von der Unileitung versagten Unterstützung spürten. Und viele Studierende können einfach deshalb nicht kommen, weil sie durch reguläre Pflichtveranstaltungen verhindert sind und sich keine Fehlstunden leisten können oder wollen.

Auch Dieter Salomon hält zunächst eine kurze Ansprache an die Studierenden, die allerdings konzilianter ausfällt als Schiewers Leviten-Lesung, und nimmt zumindest zu einigen Forderungen der Besetzer Stellung. Zu Finanzierung und Gebühren für städtische Kindergärten sagt er: "Die Stadt hat kein Geld für kostenlose Kindergärten, bedürftige Familien zahlen ohnehin keine Gebühren"  Zur Gestaltung "dieser Wiese hier" wiederholt der OB noch einmal, dass der Platz der Alten Synagoge nicht einfach zubetoniert, sondern mit "Steinplatten und Wasser und Sitzgelegenheiten" thematisch gestaltet werden soll, und sorgt damit für Heiterkeit im Plenum.

Außerdem gibt Salomon eine schon seit seiner eigenen Studienzeit bestehende Wohnungsnot in Freiburg durchaus zu, bemüht aber diverse Statistiken, um die besonderen Anstrengungen für bezahlbaren Wohnraum in Freiburg während seiner 2010 auslaufenden achtjährigen Amtszeit als Oberbürgermeister zu belegen. In der anschließenden Diskussion geht er auch auf das geplante neue Studentenwohnheim auf dem parkähnlichen Grüngelände der schon bestehenden Anlage in der Engelbergerstraße ein: Er sieht hier keinen Handlungsspielraum der Stadt, weil es sich um ein Bauvorhaben des Studentenwerks handelt. Die vermeintliche"Geheimhaltung" eines Gutachtens der Denkmalschutzbehörde erklärt Salomon mit internen Fehlern, die seinem Mitarbeiter "peinlich" gewesen seien.

Stimmung kommt auf bei einer Frage zur umstrittenen Gestaltung des Platzes der Alten Synagoge: "Stimmt es, dass Sie, bevor dieser Vorschlag durchkam, gesagt haben: Wenn dieser Vorschlag durchkommt, dann kann ich mich gleich in das Fundament mit einbetonieren lassen." Den Entwurf habe er in der Tat zunächst "bizarr" gefunden, und ja, er habe diesen Satz gesagt, bevor er aus Termingründen die Endabstimmung verpasste: "Aber sie haben alle gesagt, das ist ein geiler Entwurf, diesem Votum musste ich mich dann beugen. Über Ästhetik kann man streiten. Ich glaube aber auch, dass das so gute Architektur ist, dass das Freiburg gut tut."

Die eigentliche Gretchenfrage der Besetzer will Salomon zumindest im Audimax noch nicht beantworten: Wie hält es der grüne OB mit der Solidarität? Nach Ende der offiziellen Debatte noch einmal im Interview befragt, zieht sich Salomon zunächst auf schon bekannte Positionen zurück. Dabei nutzt er die Gelegenheit für einen Seitenhieb gegen Herausforderer Ulrich von Kirchbach, der sich letzte Woche mit den Besetzer-Forderungen solidarisiert hatte: "Ich finde es billig, hier reinzulaufen und zu sagen: ´Geil, ich bin auch dafür´, und wieder rauszugehen, ohne überhaupt die Kompetenzen zu haben. Ich habe das Amt des Oberbürgermeisters inne. Aber ich mache nicht blind meine Unterschrift unter alles. Ich bilde mir nicht ein, kompetent zu sein bei diesem Thema. Was den Bologna-Prozess angeht, bin ich einfach viel zu weit weg. Ich glaube, dass vieles von dem, was die Studenten fordern, richtig ist." Nachdem er sich noch als Landtagsabgeordneter in den Neunzigern mit Frankenbergs Vorgänger gefetzt habe, sieht er seine Rolle als Oberbürgermeister nun anders: "Es ist auch eine Frage, wie man auf unterschiedlichen Ebenen miteinander umgeht: Ich kenne den Hochschulminister sehr gut. Ich richte mich nicht direkt gegen Frankenberg. Das ist der Respekt der jeweiligen politischen Ebene voreinander."

Aber einer der Besetzer insistiert weiter: "Könnten sich nicht als Mensch dahinter stehen und das auch öffentlich kundtun?" - "Ich habe die fünf Forderungen nicht im Kopf. Ich habe für die grundsätzliche Richtung ihrer Politik große Sympathie. Was mich stört, sind Ihre Globalforderungen, die hat der MSB Spartakus schon vor 30 Jahren gehabt: Bildung darf nichts kosten, weil alles andere unsozial ist. Ich verlange für meine Kindergärten auch Gebühren. Ich trage im Gegensatz zu anderen Verantwortung für mein Geschwätz, mein Geschwätz hat Folgen. Deshalb bin ich da vorsichtiger als andere. Wenn ich Ihren Forderungen zustimme, verwickle ich mich in Widersprüche, weil meine pragmatische Politik immer anders ist als Ihre globalen Forderungen. Ich will mich nicht in Widersprüche verwickeln." Allerdings zeigt sich Salomon schließlich doch gesprächsbereit: "Ich lade Sie gerne auch mal mit einer Delegation zu mir ein, um eine Stunde zu reden. Kommen Sie in den nächsten Tagen zu mir, lassen Sie uns reden, und dann sage ich Ihnen, was ich konkret unterstütze und was nicht, zwar nicht als Oberbürgermeister, aber als Gesamtperson."

Zu guter Letzt nutzt dann noch das "Kommando Rhino" die Gunst der Stunde, den OB mit seiner Sorge über eine - rein rechtlich - ab dem 15. Dezember mögliche Räumung des besetzten Platzes in der Vauban zu konfrontieren. Für die Wagenburgler hat Salomon vorerst gute Nachrichten: "Jetzt sag ich Ihnen als Oberbürgermeister, dass wir Sie nicht am 15. und auch nicht am 24. Dezember räumen werden, das macht nicht einmal der neoliberale Salomon, dass er Leute an Weihnachten auf die Straße setzt."



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  • Badische Zeitung:
[Fotos: Schiewer - Michael Bamberger ]