Der zerknallte Mindmap-Beischlaf

Dirk Philippi

Die fudder-Anekdoten-Kolumne [hübsch leben] berichtet seit zwanzig Folgen vom beispielhaften (Zer-)Leben in einer hübsch oberflächlichen Welt. Aktuell erzählt Dirk heute vom Unterschied zwischen spontanem Zerknalltsein und geplanter Liebes-Strategie.



Wenn Männer sich verknallen, dann erinnert mich das an plötzlich einsetzenden Platzregen im Freibad. Daran, dass man beim Wettlauf ums eigene Ich unerwartet ausrutscht, mit der Schädelplatte den Beckenrand rasiert, mit dem Hintern nach unten und der Plautze nach oben das Wasser umstülpt und dass es erst schockierend kalt, dann wonnig warm wird. In einer Sekunde mutiert der so ver- oder eben zerknallte Mann vom stelzenden Alphatier zum begossenen Pudel mit Hirnsieb, mit keinem Plan von gar nichts.

Frauen dagegen planen die Liebe. Sie machen sich Pro-Contra-Listen, züchten die Schmetterlinge in ihren Bäuchen partnerschaftlich vertretbar und folgen dem klassisch femininen Minne-Dreisatz „Nett! – Ich weiß nicht so recht! – Ach, bin ich verliebt!“. Frauen sind definitiv die kompromissbereiteren von uns, sind methodisch gewiefter als Männer und außerdem fliegen sie im Freibad auch seltener aufs Maul.
Emilie war genau so jemand: ein Prototyp des organisierten Endorphin-Verbrechens - eine vermeintlich souveräne Meisterin des Mindmap-Beischlafs.

Es passierte in einem Amsterdamer Hostel, als Emilie an dem Adams-Family-Flipper, den ich gerade bearbeitete, auftauchte und von der Backpacker-Meute gegen meinen wild wippenden Ellbogen gedrückt wurde. Emilie drehte sich, sah mich und sagte „Entschuldige bitte!“, als ich mich für einen kurzen Augenblick in ihren Brauen verhedderte: Versehen, Verzücken, Verlieben, Verfallen, Verheiraten, Versterben. Von wegen kurzer Augenblick! Ich liebte Emilie für diesen einen Moment bereits ein Leben lang und noch viel länger. Ich hatte Emilies liebliches Äußeres bei Naomi Watts in „Mulholland Drive“ gesehen, bei Julia Jentzsch in „Die fetten Jahre“, bei Moritz´ Schwester in „Lammbock“, bei Dina in der 9. Klasse, als sie einen Schwamm aus unserem Zimmer holte, bei Frau Lenz in der Sportpsychologie-Vorlesung und bei 1000 anderen Gelegenheiten. Ich hatte schon so oft von ihr geträumt und war nun wie von Sinnen, als sie plötzlich da stand und mich endlich ansprach.

„Game over“, tönte Herman Munsters digital verstärktes Zocker-Ego, und „Jetzt hast Du verloren!“, konterte Emilie süß säuselnd, wobei sie mich ansah als hätte sie in meinem Gesicht ein drittes Ohr entdeckt. Doch sie hatte Recht. Ich hatte verloren, und nicht nur das Spiel. Mein Herz glich einem mit Lachgas gefüllten Heißluftballon auf der Reise zum Erdkern. Alles drehte sich. Es waberte und zuckte, schwebte und schlingerte und vor allen Dingen ließ mich das, was gerade geschah, grinsen wie eine dieser Politiker-Gesichtsmatratzen auf Wahlkampf-Plakaten. Oh Mann, war das bescheuert, aber gut - irgendwie so verdammt gut.



Emilie schien den Zwischenfall bedeutend besser verkraftet zu haben, stand sie nun doch wieder in sicherem Abstand zu mir vor der Theke und kicherte mit ihrer dümmlich aussehenden Begleiterin um die Wette. Meine Synapsen gingen von Board und ich fing an diese zweite Frau zu hassen! Sie hatte, was ich wollte, und ohnehin sah die hohle Nuss aus wie die Dekontaminierungsbeauftragte aus der Damenbindenwiederaufbereitungsanlage Oer-Ehrenschwick leibhaftig. Was könnte Emilie denn schon von so einer erwarten? Ein paar verrauchte Tage im Kiffer-Paradies? Ein paar Alltags-Kicher-Killer? Ein wenig Hanny&Nanny-Nostalgie? Ich war doch jetzt hier! Ich, ihr rebellischer Befreier, der gelehrte Latein-Lover, die coole Sau aus Lörrach-Stetten! Hallo Emilie? Du willst es doch auch. Hilfe!

Ich ging ohne Antwort auf mein stilles Rufen, aber noch immer strotzedoof grinsend an Emilie vorbei - was sie mit erneut lautem Kichern quittierte - und verließ die Hostel-Bar um mich draußen vors Anne-Frank-Haus zu setzen. Ich sah ihr zartes Gesicht im Spiegeln der Prinsengracht, ihre weichen Wangen, die prallen Lippen und am liebsten hätte ich mit Emilie jetzt, hier und sofort im Wasser getollt. Aber der Ich-geh-raus-und-du-kommst-hinterher- Test floppte gewaltig und als ich die Bar wieder betrat, war Emilie verschwunden. Ich rettete mich zur ambulanten Behandlung in Dr. Montezumas Tequila-Klinik, um schließlich schlaflos in meinem Achter-Schlaflager zu enden – mit Grübchen-Gymnastik bis zum Sonnenaufgang.



Der folgende Tag war furchtbar. Müde und dennoch aufgekratzt streunte ich wie ferngesteuert durch die Gassen von Amsterdam. Ich versuchte mir einzureden, wegen ein paar Sekunden Blickkontakt nicht so einen Zirkus zu veranstalten, aber dieser Moment trieb mich, Block um Block und Straße um Straße. Als ich Emilie auch im entlegensten Vorort nicht gefunden hatte und mir die Automatenfritten heftigste Bauchschmerzen verursachten, entschloss ich mich, ins Hostel zurück zu kehren. Ich duschte und wartete auf Emilie am Flipper - bereits eine Stunde vor Thekenöffnung. Zweieinhalb Stunden später trat sie ein (ohne dumme Nuss) und fragte mich, ob ich mich zu ihr setzen wolle. Oh ja, und wie ich wollte! Mein Dauergrinsen erreichte AKW-Standard und die so gewonnene Energie schien von meinem Gesicht aus rapide abwärts zu strahlen.

Emilie und ich redeten und tranken und lachten und tranken und redeten bis wir uns kaum mehr auf den Barhockern halten konnten. Eigentlich redete nur Emilie und ich antwortete. Ich bemerkte nicht, wie müde ich mittlerweile geworden war, und hörte ihre Worte nur noch als dumpfes Pochen an mein Trommelfell. Ich hatte nur eines im Sinn: Ich wollte jetzt küssen! Ich wollte Emilie jetzt sofort küssen! - Aber Emilie quetschte lieber weiter wie an einer überreifen Pampelmuse an mir herum und löcherte mich mit Fragensalven über mich, mein Leben, meine Verwandten, meinen Hausarzt, meinen Vermieter, den Hund meines Vermieters und über meine Ansichten zu den ökologischen Globalisierungseffekten im Zeichen der Rinderzucht. Es wurde mir zuviel.
Emilie war in ihrem Element und je mehr wir tranken umso redseliger wurde sie und müder ich. Meine Ralligkeit war inzwischen einem Dämmerzustand gewichen, der keine bewusste Kommunikation mehr möglich machte. Die Szenerie glich Robert Lemkes „Was bin ich“ – mit apathischem, drogenabhängigen Frageopfer, aber ohne Schweinderl. - Nein, alles Schweinische blieb im Hin und Her der Fragefolter ausgespart, leider.

Als wir uns auf diesem Weg zum ersten Mal auf einem annähernd ähnlichen Gefühlsniveau getroffen hatten - ich hatte das übertriebene Grinsen wieder eingestellt und Emilie langsam Gefallen an mir gefunden - klingelte ihr Handy. Emilie verließ mich, um der dummen – mittlerweile kranken – Nuss Beistand zu leisten, ich faselte etwas von Kontaminierung, gähnte, ging auf mein Zimmer und war nicht wirklich unglücklich, dort jetzt allein zu sein. Ich schlief ein.



Selig schnorchelte ich bis zur Mittagszeit im verranzten Etagenbett, ehe ich, gepiekst vom großen Hungerhäuptling, in der Frikandel-Butze um die Ecke mein Frühstück einnehmen wollte. Hinter meiner Zimmertüre stolperte ich über einen Umschlag, der auf der Vorderseite meinen Namen trug und dessen Inhalt mir ein Date mit Emilie offenbarte: „13 Uhr Rembrandt-Huis. Emilie“ – Okay, aber, scheiße, ich hatte Hunger!

Ich entschied mich, zuerst die Welt vor alternden Frikandeln zu retten, um dann, frisch gestärkt, Emilie endlich klarzumachen. „Klarzumachen“? Hatte ich das wirklich gerade gedacht? Vielleicht sollte ich das mit dem „Verlieben, Verfallen, Verheiraten, Versterben“ noch mal überdenken! Mit dem Enthusiasmus eines Excel-Programmierers betrat ich die peinliche Szene, die Emilie ob meiner Unpünktlichkeit veranstaltete, wobei ich mein Dauergrinsen sowieso am Abend zuvor an der Theke gelassen hatte.

- „Also Du …“, seufzte Emilie.

Offensichtlich war ich beim Fragemarathon des Vortages nicht dazu gekommen, ihr zu erzählen, dass ich Frauen, die gewichtige Sätze mit „also“ anfangen, nicht ausstehen kann.

- „Also, ich glaube, also, Du, ich denke ich könnte mich in Dich verlieben!“

Schluck.

– „Ich fand Dich ja echt schnuckelig da am Flipper und gestern, also, gestern da hast Du mich mit Deinen Ansichten echt ganz kribbelig gemacht.“

Mit meinen Ansichten?

– „Na, also, ich find es echt stark, wie Du Freiheit und Verantwortung verbindest. Das ist echt spannend, Du!“

Hätte Emilie mir diese Sätze vor zwei Tagen über den Flipper geworfen, dann hätte ich ihr dafür Kronjuwelen gestohlen, aber jetzt? Doch es kam noch schlimmer.

- „Du kannst so gut zuhören! Und Du - also, ich würd´ Dich jetzt echt gerne küssen!“

Na prima! Eine Kuss-Knutschen-Petting-Beischlaf-Planerin mit implantierter Ansage-Funktion. „Meine Damen Herren, in wenigen Tagen erreichen wir vielleicht die linke Brustwarze. Der Schnellzug Richtung Schambehaarung konnte leider nicht warten. Für ihre weiteren Reisemöglichkeiten achten Sie bitte auf die Ansagen am Schlafsteig. Bitte in Fahrtrichtung links aussteigen!“ In der grellen Mittagssonne sah Emilie jedenfalls gar nicht mehr so schön aus, und ihre Batikhose [...] - schleunigst musste ich schauen, wie ich aus dieser Nummer wieder heraus kommen würde.



Spontan erinnerte ich mich an Tims unterirdischen „Kranker-Bruder-Trick“, von dem er mir erzählt hatte, nachdem er sich aus den Fängen einer Wuchtbrumme mit Oberlippenbart in einer Großraumdisko in Bielefeld befreien konnte. So täuschte ich ein vibrierendes Handy in meiner Hosentasche vor („Ja […] Aha […] Oh mein Gott […] So schlimm? […] Ja klar, ich nehm´ den nächsten Zug!“) und war ehrlich erschrocken, wie unverfroren ich in Stresssituationen bescheißen konnte.

Emilie und ich tauschten die Nummern, um uns schließlich nie wieder zu sprechen. Ich rief nicht an und sie hatte eine Zahl zu wenig von mir bekommen. Ich hatte sie beschissen, so wie ich mich selbst beschissen hatte. Und so trottete ich mit meinem Rucksack gedankenverloren und ungeküsst zum Bahnhof, als ich auf halbem Weg in ein Mädchen lief, das meinen Weg kreuzte, und in deren Augenbrauen ich mich für einen Moment verhedderte (…)

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Bonustrack:

Was es ist [Erich Fried]

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe