Der Zarenfinger

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, was der Zarenfinger war? Bis vor fünf Jahren war er zwischen Moskau und St. Petersburg eine sehr große Auffälligkeit. Seine Entstehung liegt im Jahre 1842, als Zar Nikolaus I. den Ukas herausgab, eine Eisenbahnlinie zwischen den beiden russischen Hauptstädten zu bauen. Diese Strecke verläuft wie ein Strich durch die russische Landschaft, bis auf eine markante Stelle.

In der Nähe des Örtchens Werebje im Oblast Nowgorod macht die Eisenbahnlinie plötzlich einen 17 Kilometer breiten Bogen. An dieser Stelle soll der Zar, so die Legende, beim Zeichnen des Planes seinen Finger ein bisschen über das Lineal gucken lassen, woraufhin er mit dem Stift eine Kurve in die ansonsten schnurgerade Strecke machte. Die ausführenden Bahnarbeiter wagten es natürlich nicht, den Befehl des Zaren abzuändern und bauten genau nach Plan den geschwindigkeitsverringernden Bogen in die Schienen.


So schön diese Entstehungsgeschichte auch ist, leider gibt es eine deutlich wahrscheinlichere Erklärung: An dieser Stelle gilt es eine Steigung zu bewältigen, die die russischen Lokomotiven zur Mitte des 19. Jahrhunderts einfach noch nicht schafften. Deshalb wurde einfach eine Serpentine in die Strecke eingebaut.

Der Zarenfinger blieb ab der Eröffnung der Strecke Moskau-St. Petersburg 1851 150 Jahre lang bestehen. Erst 2001 wurde die Strecke endgültig begradigt. Das war auch wegen der in der Zwischenzeit etwas kräftiger gewordenen Loks möglich. Der erste Zug brauchte für die 650 km lange Strecke noch fast 22 Stunden. Die heutigen Hochgeschwindigkeitszüge schaffen das in 3 Stunden und 40 Minuten.