Der Witwenmacher

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, was das wahrscheinlich erfolgreichste Flugzeug der NATO war? Eines der wichtigsten Kapitel in der militärischen Luftfahrtgeschichte nimmt die Lockheed F-104 ein, die unter dem Namen Starfighter bekannt wurde. Ursprünglich in den 50er Jahren entwickelt, wurde dieser Jet in verschiedenen Variationen bis ins neue Jahrtausend hinein von den Armeen vieler Staaten genutzt. Und das trotz vieler Konstruktionsmängel und einer unvergleichlich schlechten Absturzbilanz.

Vorteile hatte die pfeilartige Konstruktion nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten in sehr großer Höhe. Der innerhalb von nicht einmal drei Jahren entwickelte Starfighter war zwar das erste Flugzeug, das gleichzeitig die Weltrekorde für Geschwindigkeit, Flughöhe und Steigzeit innehatte, doch brachten diese speziellen Fähigkeiten sehr viele Probleme in der Praxis mit sich. Und so etwas mündet bei Flugzeugen meistens in einen Absturz.


Die extrem flachen und kleinen Flügel der F-104 ermöglichten zwar erwähnte Rekorde, machten aber in Bodennähe große Probleme. Von Wendigkeit im Tiefflug (geschweige denn im Luftkampf) war kaum zu reden, und bei der Landung musste eine relativ hohe Geschwindigkeit gehalten werden, damit es zu keinem Strömungsabriss kam. Zwar wurde über ein spezielles System Luft aus dem Triebwerk über die Tragflächen geleitet, doch das war so wartungsaufwändig wie störanfällig. Einen Starfighter bei ausgefallenem Triebwerk zu landen war nahezu unmöglich.

Nebenbei bargen die Flügel auch noch eine Verletzungsgefahr für die Bodencrew, weil sie an den Seiten messerscharf waren, dass Schnittverletzungen verursacht wurden. Viel gefährlicher lebte der Pilot, musste er sich auf ein Notsystem verlassen: Den Schleudersitz. Im Gegensatz zu allen anderen Kampfflugzeugen schleuderte dessen erste Version den Piloten nicht nach oben, sondern nach unten weg! Was eine eigentlich gute Idee war für Manöver in großer Höhe, war in Bodennähe meist tödlich. Und auch die nächste Version funktionierte erst ab einer bestimmten Flughöhe; darunter kam es oft zu tödlichen Unfällen.

Ebenso hatte das Fahrwerk großes Problempotenzial. Es musste in einem sehr kurzen Zeitfensten nach dem Start eingezogen werden, sonst riss es ab. Und mit ihm natürlich die ganzen Schläuche der Hydraulik, die dann gleich als nächstes den Dienst vollständig quittierte.

Die USA merkten recht bald, dass dieses Flugzeug nur als Tages- und Gut-Wetter-Abfangjäger zu gebrauchen war und ersetzten das Modell schnell durch Alternativen. Doch die NATO-Partner kauften die Lockheed F-104 fleißig weiter oder bauten sie in Lizenz selbst. Die Bundeswehr besaß in den 31 Einsatzjahren seit 1960 insgesamt 916 Stück (die anfangs unter durchaus fragwürdigen Umständen beschafft wurden). Die traurige Bilanz: 292 fielen vom Himmel, wobei insgesamt 116 Piloten den Tod fanden. Deshalb bekam die F-104 schnell sehr nette Spitznamen wie "Fallfighter", "fliegender Sarg" – oder eben "Witwenmacher".