"Der Wert ist die Musik an sich": Dan Dynomite im Interview übers Plattensammeln und Auflegen

Bernhard Amelung

99 Prozent der veröffentlichten Musik ist Schrott, findet Daniel Wanders. Deshalb konzentriert er sich auf das eine Prozent gute Musik. Am Freitag spielt er als Dan Dynomite im Räng. Wie er an seltene Platten kommt erzählt er im Interview.

Daniel, wofür steht dein Blog Heavyweight Funk 45?

Daniel Wanders: Ich sammle einen sehr speziellen Funk-Stil, der sich in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern entwickelt hat. Er klingt atmosphärisch schwer und hart. James Brown hat ihn ursprünglich geprägt, der Londoner Keb Darge, einer der größten Plattensammler überhaupt, hat dafür den Begriff des Deep Funk eingeführt. Auf Heavyweight Funk 45 stelle ich die Platten vor, die ich sammle. Gerne auch mit einer schönen Geschichte.

Was ist die schönste Geschichte, die du zu einer Platte erzählen kannst?

Wanders: Ich habe vor einiger Zeit Kontakt aufgenommen zu Jeremiah St(irner). Als er siebzehn oder achtzehn Jahre alt war, war er Drummer in einer Funkband und hatte kein Exemplar der Songs, die er eingespielt hatte. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass in Europa so viele Menschen zu seiner Musik tanzen. Ich habe ihm ein Video geschickt, er war sehr berührt davon. Verwandte von ihm schrieben mich an, und ich musste seine Songs digitalisieren und ihnen die MP3-Dateien zuschicken.

Wie kommst du an so seltene Schallplatten?

Wanders: Ich höre viele Radiosendungen und Mixtapes. Ich bin viel auf EBay und in Onlineforen unterwegs. Ich tausche mich mit anderen Sammlern aus. Auch auf YouTube findet man viel. Das Internet hat das Sammeln einfacher gemacht. Mit der Zeit habe ich aber auch ein Gespür entwickelt und muss nicht mehr so viele Blindkäufe tätigen.

Wie fühlt sich so ein Blindkauf für dich an?

Wanders: Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch. Wenn ich mir eine Kiste schieße, kann ich es kaum erwarten, bis sie mir zugestellt wird. Manchmal bin ich auch schon vorzeitig von der Arbeit nach Hause gefahren, kaum dass ich das Paket erhalten hatte. Natürlich sind 99 Prozent des Inhalts Schrott. Aber wenn dann ein oder zwei Singles dabei sind, die extrem selten sind, die ich bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, kann ich das Gefühl gar nicht beschreiben. Es ist toll, wenn man etwas Unbekanntes findet.

Woher hast du deine Sammler-Skills?

Wanders: Ich habe früher viel HipHop aufgelegt. Über diese Musik bin ich zum Produzieren gekommen. So fing ich an, mich zu fragen, woher diese Musik kommt, die in HipHop-Stücken verarbeitet wird. Der Weg zu Soul und Funk ist da sehr kurz. Die Musik hat mir sofort gefallen. Das Rohe, Ursprüngliche, aber auch die Melodien. Irgendwann habe ich Tobias Kirmayer kennen gelernt, der das Plattenlabel Tramp Records betreibt. Von dieser Bekanntschaft habe ich auch als Sammler sehr profitiert.

Was macht für dich den Wert einer Platte aus?

Wanders: Mir ist grundsätzlich egal, was eine Single kostet. Sie kann extrem günstig, aber auch extrem teuer sein. Der Wert ist die Musik an sich. Nicht jeder Preis, der aufgerufen wird, ist allerdings der richtige.

Wo liegt deine Schmerzgrenze?

Wanders: Nur weil eine Schallplatte selten ist, heißt es noch lange nicht, dass ich sie unbedingt haben möchte. Die Drums, die musikalische Atmosphäre müssen stimmen. Ist das der Fall, bin ich auch bereit, tiefer in die Taschen zu greifen. Als ich mit Sammeln angefangen habe, waren 20 US-Dollar die Schmerzgrenze. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass man 100 und mehr US-Dollar für eine Single ausgeben kann. Heute sieht das anders aus.

Wie stehst du eigentlich zu Reissues?

Wanders: Das ist ein schwieriges Thema. Es gibt Lookalike-Issues, die dasselbe Labeldesign haben wir das Original. Die hasse ich wie die Pest. Da besteht die Gefahr, dass man so ein Ding angedreht bekommt und denkt, das sei das Original. Andererseits bin ich dankbar für Reissues. Ich verwende diese zum Auflegen, denn die Originale sind auch Zeitdokumente, die ich mir bewahren möchte. Illegale Reissues, die den Urheber nicht nennen, gehen allerdings gar nicht. Der ursprüngliche Künstler muss immer eingebunden werden. So machen wir das auch bei Tramp Records.

Was kommt dir nicht auf den Plattenspieler?

Wanders: Es gibt für jeden Song den richtigen Moment. Als Discjockey geht man ja immer auf dem schmalen Grat, dass man einem Publikum, das nicht so genreaffin ist, genauso etwas bieten muss wie den Nerds, die in der Ecke stehen und auf Abgefahrenes warten. Als ich früher ab und zu auf den Rebeat Funk-Nächten im Ruefetto aufgelegt habe, war das ganz großartig. Das Publikum hat alles mitgemacht, was ich gespielt habe.

Worauf achtest du beim Auflegen?

Wanders: Das kommt darauf an, was ich mache. Wenn ich nur Originale spiele, steht die Musik im Vordergrund. Da ist es mir wichtig, dass ich die Musik so spiele, wie sie produziert wurde. Ich pitche nicht. Da treffe ich die Auswahl schon vorher und bereite mich intensiv auf das Set vor.
Zur Person

Dan Dynomite, 1982 als Daniel Wanders in Trier geboren, hat sich als Plattensammler und Discjockey dem Deep Funk, also Funk der späten Sechziger und frühen Siebziger, verschrieben. Seit 1997 steht er an den Plattenspielern. Ursprünglich legte er HipHop auf. Über die Stationen Köln, wo er unter anderem im Café Frank die "In The Basement"-Reihe organisierte, und Karlsruhe, ist er im Frühjahr dieses Jahres nach Freiburg gekommen. Auf Tobias Kirmayers Plattenlabel Tramp Records veröffentlicht er seit 2011 Beiträge für die Compilation-Reihe "Feeling Nice". Die vierte Ausgabe ist im Herbst 2017 erschienen.

Was: Soul Rotation w/ Dan Dynomite
Wann: Freitag, 29. Juni 2018, 23 Uhr
Wo: The Great Räng Teng Teng

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