Der Weinblogger (2): Traubensuche in Burgund

Ronald

In der Startfolge hat Weinblogger Ronald beschrieben, warum er seinen eigenen Wein anbauen wollte und wie schwer es ist, sich für ein ordentliches Stück Weinberg zu bewerben. Nun reist Ronald nach Burgund, um dem Geheimnis der teuersten Weine auf den Grund zu gehen.



Qualitätsfanatiker

Ein paar Tage später, ich habe mich mittlerweile von meiner Eignungsprüfung erholt, klingelt das Handy. Einer der Herren ist dran und fragt nach meinem Befinden. Mein schlechtes Gewissen meldet sich: Weiß ich wirklich noch genau, was ich an dem Abend alles erzählt habe? Wie bin ich bei den Qualitätsfanatikern angekommen?

Dann die Erlösung: „Es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht, jemanden mit frischer Energie und wilden Ideen im Kopf in unserer Runde zu haben“, klingt es fröhlich vom anderen Ende und „für ein oder zwei Jahre können wir es ja mit dir versuchen. Bedingung ist aber ein gnadenlos hoher Qualitätsanspruch und keine Scheu vor ganz viel Handarbeit im Steilhang“.

Meine Begeisterung kennt keine Grenzen, sie haben mich „Grünschnabel“ akzeptiert, in ihr Allerheiligstes gelassen, ihren Berg. Ab jetzt wird jede freie Minute recherchiert, gnadenloser Qualitätsanspruch – Klasse, aber wie? Die teuersten Pinot Noirs kommen aus Burgund, aber auch Neuseeland, Oregon, Österreich, Baden und die Ahr sind Anbaugebiete, die ans Burgund herankommen. „Romanee Conti“ in Vosne Romane (Burgund) ist die unangefochtene Nummer 1 für diese Trauben. Der teuerste Wein der Welt kommt von ihren Lagen, bis zu 25.000 € für eine Flasche 0,7 Liter.



Feldforschung

Warum gibt es Menschen, die soviel Geld für eine Flasche Wein bezahlen? Während der Ausbildung zum Diplom-Sommelier waren wir in den besten Hotels, um die Gäste zu beraten und zu bedienen. Es gibt Menschen, die ohne zu zögern 5000 bis 6000 € für eine Flasche von diesen Weinen bezahlen.

Am nächsten freien Tag geht’s nach Burgund, das Land ist wirklich schön, etwas verschlafen und Reben soweit das Auge sehen kann. Die besten Lagen sind nach Osten ausgerichtet und liegen am unteren Teil leichter Hänge. Ein Quadratmeter Boden kostet hier fast soviel wie in New York oder Tokio, aber was ist das Geheimnis? Mein Französisch ist sehr begrenzt und als ich versuche, aus dem Auto heraus die Einheimischen zu befragen, ernte ich nur verständnislose, uninteressierte Blicke.



Vosne Romane

Also zurück nach Beaune und auf den Campingplatz, morgen werde ich die Region mit dem Fahrrad erkunden. Um 10 Uhr radle ich in die Weinberge. Bis nach Vosne Romane, zu den legendären Trauben sind es knapp 20 Kilometer, eigentlich kein Problem, wenn es denn nicht regnen würde.

Der erste Mensch, dem ich in Vosne begegne, lächelt mich an, bleibt stehen und versucht mir zuzuhören. Ich verstehe die Welt nicht mehr – ein französischer Landmann, der einem offensichtlich kaum französisch sprechenden Deutschen zuhört und mit Händen und Füßen antwortet.

Als ich an einem Spiegel vorbeikomme, der an einer verwinkelten kleinen Kreuzung eine bessere Sicht gewährleisten soll, finde ich eine eventuelle Erklärung: Ich bin kein Deutscher, ich bin ein verdreckter Radfahrer, der dem französischen Nationalsport nachgeht und das bei Wind und Wetter, einer von ihnen, zumindest ein Fan und nur so und mit diesem "Zaubermantel" finde ich auch den „heiligen Ort“.

Was ich erwartet habe, weiß ich selbst nicht; irgendetwas Spektakuläres: Wächter, Hunde, Stacheldraht oder zumindest Reben und Böden, die sich deutlich von unseren unterscheiden. Von alldem jedoch findet sich hier augenscheinlich nichts. Freier Zugang – kein Mensch, der sich vor mich stellt und will, dass ich vor diesem Ort niederknie.



Der Informant

Ich kann ungehindert auf einer kleinen Asphaltstraße, an kleinen mit alten und bröckelnden Mauern umgebenden Weinlagen vorbeiradeln. Ich blicke mich verstohlen um und der Photoapparat klickt, auch wenn er digitale Photos macht. Wer sich das ausgedacht hat, hat wohl einen Hang zur Nostalgie. Das Objektiv zoomt über die Hügel, erkennt Unterschiede in den Strukturen und ich ahne, dass ich irgendetwas Besonderes sehe, aber ich begreife nicht, was es ist.

Okay, dann eben nicht mit Qualität sondern mit Masse. Ich photographiere alles, was ich sehe. Immer wieder schaue ich mich um und komme mir ein wenig vor wie ein Industriespion, der ins Allerheiligste einer Firma eingebrochen ist. Ein Arbeiter des Weingutes streckt seinen Kopf zwischen den Reben hervor und als er mich sieht, schrecke ich zusammen. Ein kurzes Nicken und zu meiner Erleichterung verschwindet er wieder zwischen den Reben.

Ich schnappe mein verdrecktes Rad und stelle mich mutig an den Rand der kleinen Mauer und warte dort.

Nach einer halben Stunde kommt der Mann, der mich an Schwarz-Weiß-Filme mit Jacques Tati erinnert, aus den Reben und direkt auf mich zu. Ich sage "Bonschur" und lächle breit. Er bleibt stehen und mustert mich, ich habe ja meinen Zaubermantel, die Larve des vermatschten Radsportenthusiasten, sie muss mir irgendwie weiterhelfen und - das Wunder geschieht. Er spricht so schlecht englisch wie ich französisch, das schweißt zusammen und eine amüsante Unterhaltung beginnt. Er hat es nicht eilig, er strahlt wirkliche Gelassenheit aus und wieder ahne ich, hier ist etwas besonderes. Doch was?



Kleine Ernte

Ich erfahre, dass er seit 35 Jahren für die gleichen Zeilen in den Reben verantwortlich ist; er hat fast alle gepflanzt und niemand außer ihm darf sie betreuen.

So ist es anscheinend bei allen Reben von Romanee Conti. Jede Rebe hat ihren eigenen Pfleger. „Es ist das Terroire“, murmelt er. „Einmalig auf der Welt, magere, steinige Böden, da muss die Rebe tief gehen, um immer an Wasser zu kommen. Dann sind kleinste Trauben wichtig, dafür wurden schon seit Jahrhunderten immer wieder die besten ausgewählt, gezüchtet oder geklont, gerodet und neu gepflanzt."

Er erklärt mir, dass alle Reben möglich gleich sein sollen, gleich in der Größe, gleich in der Entwicklung, damit sie zum gleichen Zeitpunkt reif werden. „Wir halten die Ernte so niedrig wie möglich.“ Sein Stolz auf diese einmalige Einstellung, Wein zu machen, ist unverkennbar. „Von einem Hektar Land machen wir 1500 Flaschen La Tache oder Romanee Conti", sagt er zum Abschied und schlurft mit seinen von rötlichem Boden verdreckten Gummistiefeln in den nahe gelegenen Ort.

Ich werde nachdenklich; in der Uni haben wir etwas anderes gehört. Weinbau soll hauptsächlich rentabel sein, es werden extra Reben mit maximalen Erträgen gezüchtet, alles wird technisiert und optimiert. Weg von der Handarbeit, maschinelle Lese, Satellitenunterstützung, Computer, Renditen, Ertragsoptimierung, Cash-Flow, Modernisierung ist im Trend, in Australien, Chile, Italien und in Deutschland. In Flaschen umgerechnete Erntemengen von 10.000 bis 20.000 Flaschen pro 10.000 qm (1ha) sind auf der ganzen Welt im normalen Bereich. Romanee Conti macht hiervon weniger als 10 Prozent?



Reih und Glied

Ich schaue nochmal genauer auf die Reben. Sie sehen wirklich alle gleich aus, wie eine disziplinierte Gruppe Sportler bei der Eröffnung der olympischen Spiele oder wie die „Langen Kerls“ beim alten Fritz in Preußen.

Ist dies das einzige Geheimnis ihres Erfolges?

Ein wenig verwirrt, so sehe ich im Übrigen auch aus, nehme ich meine Kamera und fahre zum Campingplatz. Der Tag in den Reben war aufregend und ich lasse es mir nicht nehmen, noch an einer der vielen kleinen Weinhandlungen vorbeizufahren, um eine Flasche Burgunder zu erstehen. Romanee-Conti gibt es auch, aber der liegt leider knapp über meinem heutigen Budget.

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