Der Waldkircher Zauberkünstler Willi Auerbach kann fliegen

Daniel Laufer

Abrakadabra, Simsalabim: Der Waldkircher Willi Auerbach ist Zauberer, als Magic Man kann er sogar fliegen. Wie das geht? fudder-Autor Daniel Laufer hat ihn in seinem Atelier besucht, und versucht, die mystischen Tricks zu durchschauen. Ob es ihm gelang:



„Der Typ ist ein Zauberer, der anscheinend fliegen kann“, haben sie gesagt. „Willst du drüber schreiben?“ Klar — einen Zauberer habe ich noch nie entlarvt.

Wenig später sitze ich im Zug nach Waldkirch, auf dem Schoß das iPad mit dem Video: „The Dream of Flying“. Man sieht Willi Auerbach. Der 34-Jährige steht in einer alten Fabrikhalle, das Licht schummrig, von irgendwo strahlt ein bläulicher Scheinwerfer. Dann küsst er seine Assistentin — und hebt ab. Auerbach schwebt durch den Raum, einfach so.



„Lassen Sie mich raten… Seile?“, frage ich ihn siegesgewiss. Wir sind in Auerbachs Atelier auf dem alten KSW-Gelände in Waldkirch. Auerbach schaut mich an. „Es gibt bei der ‚Flying Illusion‘ keine Seile.“ Dann erzählt er, wie er gerade mit luziden Träumen herumexperimentiert — Träume, in denen der Träumer weiß, dass er träumt und damit alles steuern kann.

Auerbach versucht dann zu fliegen. Aber die ‚Flying Illusion‘ ist kein Traum, sondern auf YouTube — was also ist der Trick? „Ich will über die Technik nicht sprechen“, sagt er. „Das ist einfach ein starker Zaubereffekt.“

Auerbach lebt von solchen Zaubereffekten. 50 bis 60 mal im Jahr lässt er sich buchen und zaubert vor Publikum. „The Magic Man“ nennt er sich dann. Am Wochenende erst war Auerbach in Bern. „Auf der privaten Geburtstagsfeier eines wohlhabenden Schweizers“, erzählt er. Ursprünglich sollte dort Helene Fischer auftreten, doch daraus wurde nichts.

„Die Menge der Gäste war überschaubar, trotzdem wurde meine größte Show gebucht“, erzählt Auerbach. Beim Magic Man bedeutet das: drei Assistentinnen, zwei Techniker und einen Riesenaufwand. Für den Herbst plant der Zauberer einen Auftritt in Freiburg. Der Erlös soll dann an die Stiftung „Menschen für Menschen“ gehen, gegründet vom kürzlich verstorbenen Karlheinz Böhm. Sie organisiert Projekte in Äthiopien.



Mit 17 stolperte Auerbach zufällig in einen Zauberladen und sah, wie jemand Tricks vorführte, einfache Zaubereien mit Münzen und kleinen Gegenständen, die verschwanden und wieder auftauchten. „Das hat mich auf Anhieb fasziniert. Also habe ich mir eine Videokassette gekauft und selbst angefangen, Zaubertricks zu basteln.“ Den Verwandten führte er die Tricks so lange vor, bis sie sie es nicht mehr ertragen wollten. „Zauber doch mal für andere!“, meinte sie. Kurz darauf stand Auerbach zum ersten Mal auf der Bühne.

Am Anfang noch mit kleinen Tricks. „Das hier sind chinesische Gummis“, sagt der Magic Man und nimmt zwei scheinbar handelsübliche Gummiringe über Kreuz, in jeder Hand einen. „Das Besondere daran: Man kann mit ihnen gut zaubern. Wenn man sie aneinander reibt, entsteht Wärme — und auf einmal…“ Er hält die Gummis hoch: Sie sind jetzt miteinander verknüpft. Ich bin baff. Auerbach lässt es mich ausprobieren. Also, Gummis in die Hände, diese über Kreuz und reiben… „Wird es warm?“, fragte er. Ich glaube schon — aber was weiß ich? Bei mir tut sich da nichts. Wie geht das? Wieder keine Antwort.



Aus der Not stelle ich die empfindlichen Fragen: „Wie reagieren eigentlich die Eltern, wenn der Junge sagt: Papa, Mama — ich will Zauberer werden?“ Auerbach lacht. „Meine waren total entspannt, haben aber gesagt: Guck’ mal, dass du zuerst eine Ausbildung fertig machst.“ Also ließ er sich zunächst zum Industriemechaniker ausbilden, dann machte er das Fachabitur nach und studierte schließlich Medien- und Informationswesen in Offenburg. Jetzt hat der Magic Man ein Diplom.

Das ermöglicht ihm heute eine zusätzliche Einnahmequelle: Andere Zauberkünstler kommen zu ihm und geben Tricks in Auftrag, zum Beispiel dann, wenn RTL eine Show plant und dafür noch die passende Nummer sucht. „Man überlegt sich: Was passt zur Person, was zum Auftritt und was zum Publikum?“

Über die Technik macht Auerbach sich später Gedanken, zuerst kommt die Idee. „Meistens sind das Anstöße aus dem Alltag. Man sitzt im Schwimmbad, schaut auf die Wasseroberfläche und überlegt: Wäre es nicht cool, da einfach drüber laufen zu können?“ Dann muss er schmunzeln und meint: „Ich fürchte, an der Idee hält Jesus die Rechte.“

Ein gutes Stichwort: Wie hat’s ein Zauberer eigentlich mit der Religion? Auerbach denkt nach, dann, der Standardsatz: „Ich glaube, es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht werden erklären können.“ Mit seiner Arbeit hätten sie aber nichts gemein: „Ich bin Illusionist — mein Beruf ist die Sinnestäuschung. Ich versuche den Leuten immer das Gefühl zu geben, dass bei meinen Zaubern nichts Übernatürliches im Spiel ist.“ Dann ergänzt er: „Das ist der Unterschied zwischen Zauberkünstlern und Trickbetrügern, die Leute an sich fesseln — wie in einer Sekte.“



Das Talent dazu hätte er mit Sicherheit. Während Auerbach zaubert, redet er drauf los. Ich versuche, mich nicht ablenken zu lassen — gar nicht so leicht. Was macht er dabei eigentlich mit seinen Fingern, schaut da was aus dem Ärmel raus? Nein, doch nicht.

So langsam nervt mich das. Wir stehen hier jetzt seit zwei Stunden und ich habe immer noch keinen Trick geknackt. Sicher, dass dabei alles mit rechten Dingen zugeht?

Auerbach erzählt von einer Frau, die mal bei ihm im Publikum saß. „Ich habe mit einem kleinen Seidentuch gezaubert, das wie ein Geist hinter mir her gesprungen ist. Am Ende habe ich es der Frau auf die Schulter gesetzt und sie gebeten, auf den kleinen Geist aufzupassen. Sie hatte panische Angst!“ So weit hat Auerbach mich noch nicht. Der Frau hat er den Trick dann immerhin erklärt — mir nicht. Das nagt an mir: Bin ich zu dumm? Ist es das?

Meine letzte Chance ist ein Experiment. „Normalerweise mache ich das nur vor Publikum“, warnt Auerbach mich, geht zur Musikanlage und startet Lindsey Stirlings „Crystallize“. Dann holt er einen kleinen runden Holztisch mit Tischdecke. Der Magic Man atmet tief durch und lässt den Tisch schweben, hält dabei nur zwei Zipfel der Decke fest. Als er fertig ist, schaue ich mir den Tisch aus der Nähe an. Wieder kann ich nichts Auffälliges erkennen. Ist das Tuch manipuliert?

Ich gebe auf — muss aber auch einsehen: Was bringt es mir, die Antwort zu kennen? Die ganze Zeit über habe ich mir den Kopf über etwas zerbrochen, was ich gar nicht verstehen sollte. Nur, weil ich es so gewohnt bin. Nicht verstehen zu müssen: Das kommt selten genug vor — und ist eigentlich eine angenehme Abwechslung.

„Ich will nicht, dass die Leute stundenlang überlegen, wie ein Trick funktioniert“, sagt auch Auerbach. „Ich will, dass sie sich gut unterhalten fühlen. Ich will, dass ihnen meine Show gefällt und sie vielleicht sogar inspiriert.“

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