Der Vater von Urangela

David Seitz

Seit dem Erdbeben in Japan, dass am 11. März einen Tsunami verursachte, der eine Atomkatastrophe auslöste, dominiert die Anti-Atom Debatte die Schlagzeilen. In Berlin, Hamburg, Köln und München gingen mehr als 250.000 Menschen auf die Straße, auch in Freiburg demonstieren jeden Montag hunderte Menschen für den Ausstieg aus der Atomkraft. Neben der lachenden Anti-Atom-Sonne sieht man auf den Demonstrationen immer öfter auch die dreiäugige Urangela. Erfunden hat sie der Freiburger Grafiker Michael Gugel - schon lange bevor in Fukushima der Super-GAU losging.



Oktober 2010. Im Bundestag diskutiert man über die geplante Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke. "Zu dieser Zeit hat sich das Bild von Angela Merkel als Marionette der Atomkraft-Lobby verhärtet," sagt Michael Gugel. Der Freiburger Grafik-Designer ist 25 Jahre alt und verfolgt die Debatte mit ungutem Gefühl. Als Atomkraftgegner und Mitglied der Piratenpartei ist die sich andeutende Mehrheit aus CDU und FDP für die bevorstehende Laufzeitverlängerung nicht nachzuvollziehen.


Michael Gugel reagiert in der für ihn naheliegendsten Form auf die politischen Ereignisse: er kreiert mit Photoshop die Urangela, eine Grafik, die Angela Merkel auf gelbem Hintergrund mit drei Augen abbildet. "Die Wortschöpfung kursierte damals schon seit einiger Zeit als Hashtag #urangela im Internet", erklärt er.  Gugel bastelt das bildliche Pendant dazu. "Die Grafik sollte einfach nur ein kleiner Beitrag zur Urangela-Diskussion sein."

Der dreiäugige Atom-geschädigte Fisch Blinky aus der Comic-Serie "The Simpsons" dient als Inspiration: die Kanzlerin wird zum Strahlenopfer.



Über seinen Twitter-Account @mchlpchl teilt Michael Gugel (Bild oben) die neu erschaffene Grafik mit der Welt. Sein Werk ist eine satirisch-provokante Spielerei mit dem Namen und Bild der Kanzlerin, ein künstlerisches Ventil, mit dem er seinem Unbehagen über die Atompolitik der Kanzlerin öffentlich Luft macht. Gugel muss nicht lange warten bis er zum ersten Mal erahnen kann, dass seine Grafik Potential für mehr als nur private Belustigung hat. "Das Bild ist plötzlich aufnerdcore.de aufgetaucht, das fand ich dann schon ganz cool."

Zunächst ist die Urangela nur den Piratenparteilern und einigen Bloggern bekannt, doch Michael Gugel hat eine kleine Vision vor Augen. Er fasst den Entschluss, die Urangela einem breiteren Publikum vorzustellen - den Erfolg der “Zensursula” zwei Jahre zuvor hat er im Hinterkopf. Seine Urangela soll nun zum Symbolbild einer parteiübergreifende Kampagne werden; Gugel will ein Bündnis gegen Atomkraft unter der Flagge der dreiäugigen Merkel ins Leben rufen. Er schreibt politische Kontrahenten und Verbände an, die in der Atomenergie-Frage mit ihm auf einer Wellenlänge liegen – eine Rückmeldung bekommt er jedoch nie. "Vielleicht war die Angst der anderen Parteien zu groß, dass die Piratenpartei dadurch zu viel Publicity bekommt," sagt er heute.

Das fehlende Feedback enttäuscht ihn, Michael Gugel ändert deshalb seinen Plan. Als Vorsitzender des Freiburger Bezirksverbandes der Piratenpartei beschließt er, die Verbreitung der Urangela-Grafik nun mit ein paar Parteikollegen zu organisieren. Die Gruppe sichert die Domain urangela.de, sie entwerfen ein Urangela-T-Shirt für spreadshirt.de und mischen einen Vortrag von Norbert Röttgen im Audimax auf.

Der endgültige Beschluss über die Laufzeitverlängerung der deutschen Atommeiler am 28. Oktober 2010 sorgt dafür, dass die  Anti-Atomkraft-Bewegung weiter wächst, die ersten größeren Demos seit langer Zeit ziehen durch die Freiburger Innenstadt. Unter den Demonstrierenden sind auch Michael Gugel und seine Parteifreunde, sie verteilen Buttons und Flyer mit der Urangela-Grafik. "Die Urangela kam ziemlich gut, an viele fanden sie einfach amüsant, einige haben es aber gar nicht verstanden." Mehrfach muss der Grafiker erklären, dass sein Werk weder eine Ur-Angela, noch eine Orang-Utan Kanzlerin, sondern eine Uran-Gela darstellen soll.



Den nächsten kleinen Erfolg beschert ihm die Badische Zeitung, die seine Grafik zur Illustration eines Artikels über die Anti-Atomkraft Demo verwendet. Auch die vom ihm angelegte Urangela Facebook-Seite verzeichnet einen langsamen aber kontinuierlichen Zuwachs, bis Ende Oktober erntet die Seite etwa 150 "Gefällt mir"-Klicks. Als personifizierte Urangela postet er dort fies-ironische Statements."Gestern hatte mein Fanclub ein Treffen in Freiburg. Ich war leider be- ähm, verhindert," postet die Urangela, nachdem am 24. Oktober wiedermal eine Anti-AKW Demo durch die Kajo walzt.

Mitte November schläft die Facebook-Page ein wenig ein - das spiegelt auch den Verlauf der Kampagne wieder. Mit seiner Ursprungsidee ist Michael Gugel vorerst gescheitert. Die parteiübergreifende Aktion scheint nicht zu funktionieren, im November stagnieren die "Gefällt mir" Klicks und die dreiäugige Merkel verschwindet langsam von der Bildfläche. "Die ganze Sache ist einfach eingeschlafen," sagt Michael Gugel rückblickend - unter normalen Umständen wäre es dabei geblieben.

Der 11. März 2011 ist es mit den normalen Umständen vorbei. Der atomare Super-Gau in Japan rüttelt die fast vergessene Urangela wieder wach. "Am schnellsten hat man es auf Facebook gemerkt, da kamen auf einmal neue Fans dazu." Das anschließende Hick-Hack der Bundesregierung ist für die Anti-Atomkraftbewegung und die Urangela-Kampagne eine Steilvorlage, die Flyer sind gefragter denn je, Demonstranten  in ganz Deutschland - auch solche, die nicht Mitglieder der Piraten sind - tragen eigene Urangela-Schilder (Bild unten: Demo in Köln).

"Die Figur hat in dieser kurzen Zeit eine extrem starke Eigendynamik entwickelt," sagt Michael Gugel, der den rasanten Aufstieg seiner Kreation fasziniert verfolgt. "Dabei wäre es mir natürlich lieber gewesen die Urangela wäre einfach verschwunden und die Katastrophe in Japan wäre erst gar nicht passiert."



Derweil taucht die Urangela in der Tagesschau auf, sogar die Hürryiet berichtet darüber. Die dreiäugige Kanzlerin schickt sich an, das zweitwichtigstes Logo der Anti-Atomkraft Bewegung zu werden. Einfluß auf die Verbreitungswege seines Symbolbilds  hat Gugel derweil nicht mehr. "Die Urangela hat mittlerweile alle Grundzüge einer sogenannten Mem," sagt er. Urangela ist zu einem Stück kulturellem Gedankengut geworden, das durch Informationsgehalt, Aktualität und Attraktivität soviel Eigendynamik entwickelt, dass es von Internetnutzern verbreitet und immer weiter verändert wird. (Siehe: Urangela - Nein Danke!, Urangela-Remix,Urangela-Stencil)

Kommerziellen Nutzen
zieht Gugel aus seiner Grafik nicht. Die creative-commons Lizenz, die er sich für die Figur der dreiäugigen Urangela gesichert hat  legt lediglich fest, dass sein Name erwähnt werden sollte, wenn jemand das Bild verwendet. "Das hat eigentlich nur am Anfang funktioniert," sagt er. Mittlerweile zieht die Urangela so weite Kreise, dass er als Urheber meistens untergeht. "Es gab auch schon Fälle, da wurde einfach der Träger des Urangela Schildes bei einer Demo zum Urheber erklärt," sagt Michael Gugel und lacht.

Trotz des momentanen Erfolgs seiners Kreation geht Gugel davon aus, dass die Urangela ihren Popularitäts-Gipfel nun erreicht hat. "Wahrscheinlich wird die Grafik langsam wieder verschwinden, das Wort als Hashtag wird es wahrscheinlich noch länger geben," sagt er. Traurig wirkt er dabei nicht.



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[Urangela: cc @mchlpchl, Demo-Foto: dpa; Rest: David Seitz]