Der Unschuldige klagt

Markus Steidl

Der Puertoricaner Juan Melendez saß 17 Jahre, acht Monate und einen Tag unschuldig im Todestrakt eines Gefängnisses im US-Bundesstaat Florida. In Freiburg hat er diese Woche gesprochen - über seine Erfahrungen mit dem System der US-amerikanischen Rechtsprechung und über seine Erinnerungen aus dem Gefängnis. Markus hat ihm zugehört.



Die Veranstaltung im Hörsal 1199 im Kollegiengebäude I wurde von amnesty international Freiburg, dem Carl Schurz Haus und dem Englischen Seminar der Universität Freiburg veranstaltet und war, wie zu erwarten, sehr gut besucht.


Melendez, in New York geboren, wuchs in seinem Heimatland Puerto Rico auf und kam erst 1970 als Achtzehnjähriger in die USA zurück, wo er sich in Delaware und Florida als Obstpflücker verdingte. 1984 arbeitete er kurze Zeit für einen Bauern in Pennsylvania, für den er Apfel- und Pfirsichbäume beschnitt. Eines Tages wurde er dort während dem Mittagessen von bewaffneten FBI-Beamten festgenommen.

Zuvor hatten sie seine Tätowierung am Oberarm sehen wollen und vergewisserten sich auch, dass einer seiner Zähne fehlte. Dies schienen die Merkmale zu sein, die man vom gesuchten Mörder am Kosmetiker Delbert Baker kannte. Melendez wurde nach Florida rücküberführt, damit man das Verfahren, in dem er wegen des Mordes angeklagt wurde, eröffnen konnte.

Einer der beiden Hauptzeugen, die beide verurteilte Straftäter und Polizei-Informanten waren, behauptete, Melendez hätte ihm gegenüber die Tat gestanden. Der andere Zeuge wurde, nachdem er 15 widersprüchliche Aussagen gemacht und sich selbst belastet hatte, dazu gebracht, vor Gericht gegen Melendez auszusagen.



Infolgedessen traf ihn nur noch der Tatbestand der Beihilfe. Der Zeuge sagte aus, Melendez am Tag des Mordes zu dem Kosmetiker gebracht und ihn dort zwei Stunden später wieder abgeholt zu haben. Andererseits hatte Melendez ein vierfach bezeugtes Alibi vorzuweisen, und weitere Zeugen, die den Informanten als unzuverlässig und befangen beschrieben.

Trotzdem wurde Melendez zum Tode verurteilt. Am 2. Oktober 1984 kam er in die Zelle. Er nahm sich vor, nicht ruhig dem Stuhl gegenüber zu treten, sollten „sie“ ihn holen, sondern bis zum bitteren Ende gegen die Wärter anzukämpfen.

Melendez begann zu trainieren und Liegestütze zu machen, aus Angst, wie er sagt, während er durch die anderen Insassen Englisch sprechen lernte. Er hatte bereits 10 Jahre in der Zelle zugebracht, als er sich umbringen wollte. Er ließ sich von einem so genannten Runner, einem Häftling, der nicht zum Tode verurteilt war, und daher kleine Besorgungen erledigen konnte, eine Plastikmülltüte und ein Seil bringen.

Melendez erzählt, dass er lieber noch einmal darüber schlafen wollte. Er erzählt in blumiger Sprache einen Traum nach, von einem karibischen Strand, auf dem er seine glückliche Mutter stehen sah. „Am nächsten Morgen spülte ich die Plastiktüte in der Toilette runter.“Melendez behauptet, an dieser Stelle seine Hoffnung wiedergefunden zu haben, einerseits weil er seine Mutter wiedersehen wollte, andererseits weil er zu Gott zurückgefunden hatte. „Ein Puertoricaner ist immer katholisch. Er vergisst das zwar die meiste Zeit seines Lebens, aber in der Todeszelle fällt es ihm wieder ein.“ In der folgenden Zeit bekam Melendez ein neues Team von Anwälten und erfuhr unter anderem, dass sein erster Pflichtverteidiger bereits einen Monat vor Eröffnung seiner Verhandlung ein Tonband besessen hatte, auf dem der wahre Mörder seine Schuld gestand.

Dieses Tonband hatte er dann dem Ermittler übergeben, der aber nicht versuchte, es in den Fall einzubringen. Melendez‘ Anwältin Judi Caruso erklärt, dass es schwer ist, Informationen, die man außerhalb einer Verhandlung erhoben hat, für die Verhandlung hörbar zu machen. Eine Tonbandaufnahme sei fast unmöglich in eine laufende Verhandlung einzubringen, zumindest dem Gesetz nach.Sie sagt außerdem, dass der Ermittler es dennoch immerhin hätte versuchen können. Dann wäre zumindest dieser VERSUCH auf dem Verhandlungsprotokoll erschienen. So hatten sie gar nichts.

Es wurden 16 weitere Dokumente gefunden, die Melendez‘ Unschuld bekräftigten, und 20 Zeugen, die bestätigten, dass der Mörder des Kosmetikers nicht Melendez, sondern Vernon James hieß. Melendez wurde schließlich, für ihn ziemlich plötzlich, entlassen.

Er besaß an diesem Tag eine Hose, ein Hemd und 100 Dollar. Im Gegensatz zu verurteilten Straftätern, die man nach ihrer Haft wieder ins bürgerliche System einzugliedern versucht, erhalten unschuldig verurteilte Entlassene keinerlei Unterstützung vom Staat, da aufgrund ihrer Unschuld keine Notwendigkeit besteht, sie zu reintegrieren. Sie seien ja schließlich immer integriert gewesen. Dieser Umstand ist, wie Caruso richtig erkennt, ein Wahnsinn, der die Ungerechtigkeit des Urteils noch vergrößert.



Juan Melendez gründete die Organisation „Voices United for Justice“ und ist Vorstandsmitglied der „National Coalition to Abolish the Death Penalty“.Seit 1976 die Todesstrafe in den USA wieder eingeführt wurde, sind bereits 122 zu Unschuld verurteilte Todeshäftlinge wieder freigelassen worden. Allein in Florida sitzen momentan noch 388 Menschen im Todestrakt. 25 Häftlinge sind dort bisher wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Judi Caruso bemerkt zum Schluss eine wichtige Schnittmenge in der Statistik: Juan Melendez kann kein Einzelfall sein. So dringend abzuschaffen die Todesstrafe auch für schuldige Verbrecher sei, so müsse man ebenfalls Wert darauf legen, sicher zu stellen, dass niemand mehr zu Unrecht zum Tode verurteilt wird. So jemand hat nämlich im Falle einer Exekution keine Chance mehr, freigelassen zu werden. Im Prinzip ist das dann Mord.

Mehr dazu:

  • Voices United for Justice: Website
  • National Coalition to Abolish the Death Penalty: Website