Der Tod der Handschrift?

Friederike Grasshoff

Schreiben gehört zu den wichtigsten Kulturpraktiken des Menschen. In Zeiten von Computer und Internet sind wir nicht mehr auf die Symbiose von Hand, Stift und Papier angewiesen, sondern auf Tastatur und Fingerfertigkeit. Handschriftliche Kommunikation beschränkt sich zunehmend auf Postkarten und Einkaufszettel. Stirbt die Handschrift aus?

  Tipp, Tipp. Klick. An die monotonen Tastaturklänge hat sich unser Gehör gewöhnt, da sie zum Hintergrundgeräusch geworden sind wie Vogelgesang oder Autohupen. Im ICE, in Büros und Cafés – überall die Geräusche von Maus, Enter- und Leertaste: Ein kurzer Klick auf die E- Mails und das Facebook-Profil. Tippen, überfliegen, versenden. Nie war es so leicht und zeitsparend, mit Menschen auf dem Globus zu kommunizieren –  in einer leserlichen Schrift, ohne Streichungen, Tipp-Ex oder Tintenkiller.


Die amerikanische Novellistin Kitty Burns Florey thematisiert die Relevanz des Themas Handschrift in ihrem Buch „Script and Scribble: The Rise and Fall of Handwriting“. Ihr zufolge bedarf die Handschrift der kulturellen Pflege, da sie im Computerzeitalter für viele an Bedeutung einbüßt. Mit zunehmender Digitalisierung werde Schriftverkehr unpersönlich und die Handschrift unleserlicher. Florey plädiert für ein friedliches Nebeneinander von geschriebenem und getipptem Wort.

Auch Lehrer registrieren immer häufiger Unleserlichkeit. „In der vierten Klasse einer Grundschule stieß ich auf ein weites Spektrum von Handschriften“, sagt Martina Weber. Sie ist 30 Jahre alt und wird ab September an einer Schule für Erziehungshilfe in Freiburg unterrichten. „Manche waren gut entwickelt, andere erschienen mir sehr hilflos. Mangelnde manuelle Anforderungen könnten ein Grund für die Schwierigkeiten sein.“

Laut Pressestelle des Kultusministeriums Baden-Württemberg ist das Ziel der Grundschule gerade die Entwicklung einer gut lesbaren, persönlichen Handschrift. Viele Grundschulen seien aber bereits mit PCs ausgestattet, weil der Aufbau von Medienkompetenz im Bildungsplan 2004 vorgesehen sei. Dort wurde auch festgelegt, dass Schulen frei entscheiden dürfen, ob sie die vereinfachte oder die lateinische Ausgangsschrift als Grundlage zum Schreibenlernen verwenden.

Gegenüber der lateinischen verzichtet die vereinfachte Ausgangsschrift auf Schnörkel und orientiert sich an der gedruckten Schrift. Das Schreibenlernen gehört nach wie vor zu den fundamentalen Kompetenzen, die dem Kind ein Tor zur Welt eröffnen. Dass viele Schulen auf die vereinfachte Ausgangsschrift umstellen, zeigt eine Tendenz zur Standardisierung des sonst individuellen Schriftbildes.

Mit fortschreitendem Alter schwinden die Anlässe, die Feder über das Papier gleiten zu lassen. Nach wie vor wird mancher seiner Verehrten am Bett einen Zettel hinterlassen, anstatt ihr aus dem Zug eine SMS zu schicken. Öffentlichkeit und Unternehmen aber kommunizieren fast nur noch über Intranet oder Memos.

Eine Begleiterscheinung der digitalen Ära ist folglich auch hier die Vernachlässigung der Handschrift. Da wir meinen, nicht auf sie angewiesen zu sein, um unser Inneres nach außen zu kehren, verkümmert sie, wird unleserlicher und unpersönlicher zugleich.

Neue Medien verändern neben dem schriftlichen Akt auch die Denkprozesse: Beim Verfassen eines Worddokuments kann man Grammatik- und Rechtschreibfehler vom Korrekturprogramm grasgrün oder signalrot markieren lassen, Teile beliebig ausschneiden und einfügen. Bei einer Klausur oder einem Brief überlegt man sich gründlicher, wie man den roten Faden durch das Buchstabenabenteuer webt.

Tagebücher, handverfasste Geburtstagsbriefe und Postkarten sind ein Indiz dafür, dass die Handschrift ihre Daseinsberechtigung nicht verliert. Aber was ist, wenn Tagebuchschreiber zu  Bloggern mutieren, man mit Programmen wie „Yourfonts“ seine Schrift zur PC-Schriftart machen kann und die MMS die Urlaubskarte ersetzt?

Digitale Schrift fungiert zwar ebenso als Informationsträger wie Handschrift; der persönliche und ästhetische Aspekt würde bei einer kompletten Ersetzung aber verloren gehen. Denn die Handschrift ist ein Baustein der Persönlichkeitsbildung: Das Zusammenspiel von Gedankenfluss und Schreibbewegung schlägt sich auf einzigartige Weise auf dem Papier nieder, womit neurologische, kognitive und nicht zuletzt kreative Prozesse losgetreten werden. Die Handschrift ist ein Medium, das Worte als individuelles, geistiges Eigentum erkennbar macht.

Obwohl der Trend dahin geht, den Stift nur zu besonderen Anlässen herauszukramen, gibt es Autoren wie J.K. Rowling, die ihre Romane noch von Hand schreiben. Und es gibt Altmodische, die ihre Notizen nicht in den tragbaren Computer tippen, sondern auf dem Block festhalten.

Unsere Handschrift gelangt wegen mangelnder Übung nicht zur Ausprägung, ihr Tod steht aber noch nicht bevor; keine technische Errungenschaft hat sie bisher überflüssig gemacht.

Dieser Artikel entstand auf einem Notebook. Fehler fanden ihren Meister in einem routinierten Rechtsklick. Wenn mir Sätze anderswo sinnvoller erschienen, so verschob ich sie. Die Notizen schrieb ich allerdings mit einem Füller auf Papier. Das Notebook, mein Füller und ich bewältigten die Unordnung in meinem Kopf schließlich gemeinsam.

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