Der Straßenpunk Morris Brauer faltet Dosen zu zierlichem Nippes

Wolfgang Weismann

Verflucht! Morris Brauer hat sich in den Finger geschnitten. Das kommt nicht oft vor, sagt der 19-jährige Straßenpunk, aber wenn, dann dringen die Dosenkanten tief ins Fleisch. Seit etwa zwei Monaten schneidet und faltet er aus Dosen kleine Aschenbecher, Windlichter und Blumen. Er gibt sie gegen eine Spende her und erhält neben Geld auch Anerkennung. Dabei war er früher ein Grobmotoriker ...



So oft wie in den letzten Tagen hat er sich noch nie verletzt. Das tut weh, das hindert bei der Arbeit. Er leckt sich die Wunde, immer wieder. Eine Passantin, die an seinem Stammplatz am Bermudadreieck vorbeikommt, hält ihm spontan ein Pflaster hin. Es ist ein gutes, durchsichtiges, er klebt es auf, aber es hält nicht richtig. „Wohl zu verschwitzte Hände“, meint Morris. Eine zweite Frau hat eines, das besser hält.




„Es kommt wesentlich besser an, wenn man etwas macht“, sagt Morris. Als er noch klassisch gebettelt hat, ohne etwas dabei zu tun, sei er des öfteren auch angepöbelt worden, das sei seither vorbei. „Außerdem ist es ein schönes Hobby, und es ist toll, wie schnell ich's lernen konnte.“ Früher war der Punk Grobmotoriker, doch das hat sich geändert. Morris war beim Platte-Kollegen Spüli in der Lehre. Der hockt in der Freiburger Rathausgasse und macht dort dasselbe: Dosen zu zierlichem Tischnippes.

Es gibt viele Passanten, die staunen und ihm das bunte Allerlei abkaufen. Einige wenige wollen es auch von ihm lernen. Da macht er kein Geheimnis. Die drei Mädels Sandra, Diana und Laura haben sich vor zwei Wochen sogar zu ihm gesetzt, er hat sie geduldig ausgebildet, zu Dosenfalterinnen. Seither sind die Mädels öfters bei ihm, so auch heute. Sandra ist ganz stolz auf ihr Handwerk: Im Betrieb, einem Pflegeheim in Heilbronn, kämen die selbstgefalteten Aschenbecher super an.



Morris hat einen hohen Dosenbedarf. „So viel kann ich gar nicht trinken, das meiste lass ich trinken“, sagt er. Um sein größtes und ehrgeizigstes Projekt starten zu können, muss er noch eine ganze Weile trinken lassen: Für ein Kettenhemd bräuchte er schätzungsweise 3000 Dosenklips, die Verschlussösen der Dosen. Das heißt, irgendwer müsste für ihn 3000 Dosen Bier trinken.

Auch wünscht er sich, irgendwann Motorräder bauen zu können. „Dafür brauche ich je fünf Dosen und vor allem Draht.“ Längerfristig wird er um ein Buch mit Bauanleitungen nicht herumkommen. Das sei aber teuer, 20 Euro mindestens, darauf müsse er sparen. Aber er habe ja noch seine Eltern in Bayern, die ihn unterstützen. Die haben seine Art zu leben akzeptiert. Vielleicht gibt’s zum 20. auch mal Geld für ein Buch.

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