Der Singlebörsenforscher

Bianca Fritz

Wo verstecken sich eigentlich all die Singles? Im eigenen Bekanntenkreis wird glücklich geknutscht und geehelicht, der Single ist ein Exot. Deshalb loggen sich inzwischen auch mehr als sechs Millionen Deutsche in Datingbörsen ein und suchen ihre Liebe im Internet. Der Soziologie-Professor Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg wertet derzeit in einer mehrjährigen Studie die Daten einer Singlebörse aus. Und kommt heute schon zu dem Schluss: Die Suche im Internet ist der in der realen Welt sehr ähnlich. Bianca Fritz sprach mit ihm.

Herr Blossfeld, spart die Partnersuche im Internet Zeit?


Hans-Peter Blossfeld: Das Internet kann ein hilfreiches Instrument sein. Gerade Berufsanfängern, die sich auf ihre Karriere konzentrieren wollen, fehlt oft die Zeit auszugehen und Menschen kennen zu lernen. Dazu kommt, dass sie als Studenten vielleicht noch den Eindruck hatten, dass es unendlich viele Singles gibt – mit dem Eintritt ins Berufsleben ändert sich ihr Umfeld aber schlagartig. Plötzlich werden aus Beziehungen Ehen und die neuen Bekanntschaften um einen herum sind bereits schon in einer Beziehung. Da kann es helfen, dass man per Internet in jeder freien Minute spontan suchen kann.

Das muss doch ein spannendes Forschungsfeld für einen Soziologen sein, wenn Menschen unabhängig von ihrem Beruf und ihrem Wohnort zueinander finden können...

Im Prinzip ja. Aber was sich da im Internet abspielt, ist dem, was wir in unserem Alltag beobachten, ziemlich ähnlich: Der Student sucht einen anderen Akademiker, Menschen mit ähnlichen Berufen finden einander.

Gleich und gleich gesellt sich also gerne. Was wird aus den reizvollen Unterschieden?

Wenn man die unterschiedlichen Auswahlkriterien von Männern und Frauen ansieht, könnte man auch davon ausgehen, dass hier nach dem Prinzip der Arbeitsteilung ausgewählt wird. Während Frauen vor allem die Männer anschreiben, die bildungstechnisch mindestens auf der eigenen Augenhöhe stehen, spielt die Bildung für die Männer zunächst keine große Rolle. Für sie sind ein hübsches Foto und die Körpermaße ausschlaggebend dafür, ob sie eine Frau im Internet kontaktieren.

Der Mann als Ernährer und die Frau als hübsche Küchendekoration - haben wir uns von diesem Rollenbild noch immer nicht verabschiedet?

Der Vorteil unserer Studie ist, dass die Menschen nicht befragt werden, sondern ihr tatsächliches Verhalten auf den Internetplattformen beobachtet wird. Das heißt, sie versuchen nicht unsere Erwartungen zu erfüllen. Faktisch mag es so sein, dass in immer mehr Haushalten die Ernährerrolle eine geteilte ist – aber bei der Partnerwahl  scheint tatsächlich noch das alte Bild in den Köpfen verankert zu sein.



Schlägt sich das auch bei der Selbstdarstellung der User nieder?

Ja, man kann es auch an den Profilen sehen. Die User werben mit ihren geschlechtsspezifischen Vorteilen. Männerprofile können beispielsweise auch ohne Foto funktionieren – Frauen ohne Bild werden hingegen nur sehr selten angeschrieben.

Ist das schon das Erfolgsrezept – sich an die Erwartungen des anderen Geschlechts anzupassen? Oder wie unterscheiden sich die erfolgreichen von den nicht erfolgreichen Nutzern?

Wir haben zunächst überprüft, wer besonders oft oder selten angeschrieben wird. Da trifft das mit den Rollen schon zu. Aber Erfolg kann ja auch anders definiert werden. Wo entspinnt sich ein längerer Dialog? Wo kommt es zum Treffen? Oder sogar zur Beziehung? Das untersuchen wir noch. Was sich schon abzeichnet: Je mehr Nachrichten ein User bekommt – umso wählerischer wird er mit seinen Antworten.

Untersuchen Sie auch, ob sich die Persönlichkeitsstrukturen der potentiellen Partner ähneln?

Da stehen wir noch am Anfang. Bisher sieht es so aus: Die Suchenden bewegen sich beim Bildungsniveau auf ähnlichen Stufen wie der eigenen. Das hat auch damit zu tun, dass man ein ähnliches Wissen und somit weniger Konfliktpotential vermutet. Was aber die Persönlichkeit angeht, suchen viele eher nach jemandem, der die eigenen Merkmale ergänzt. So schreiben zum Beispiel Ruhige selbstbewusst wirkende Typen an.

Aber ist es im Internet nicht besonders einfach, nur so zu tun, als sei man besonders selbstbewusst?

Ich sehe hier starke Parallelen zum Kennenlernen in der Alltagswelt. Sie stehen eigentlich immer auf einer Bühne. Und gerade am Anfang präsentieren sie sich im besten Licht. Sie betonen Dinge, die sie an sich mögen, und verschweigen die Dinge, die ihnen unangenehm sind. Aber mit der Zeit wird einiges offenbart – im wahren Leben wie im Internet. Aber natürlich gibt einem das Internet die Möglichkeit vieles auszublenden. Bei einer persönlichen Begegnung entscheiden Geruch und visuelle Eindrücke oft innerhalb von Sekunden darüber, ob das Gegenüber als Partner in Frage kommt.

Ist es möglich, sich ganz ohne diese äußerlichen Reize zu verlieben?

Ich denke, das hängt auch davon ab, was man sucht. Erst einmal ist die Liebe im Internet nur virtuell. Aber es gibt auch viele Menschen, die diese platonische Beziehung einer realen vorziehen. Je länger die Suchenden allerdings nur im Internet Kontakt haben, desto höher werden auch die Erwartungen aneinander. Es ist nicht einfach abzuschätzen, wann der richtige Zeitpunkt für ein Treffen gekommen ist.