Der Selbstversuch: Ein Tag im Leben von Robert Smith

Stefanie Sturm

Freiburg ist ein bisschen spießig, alle Leute laufen langweilig gekleidet rum, und nix passiert. Dieser Meinung ist zumindest fudder-Autorin Stefanie. Sie hat in der vergangenen Woche mit einer Freundin versucht, die grausige Lage zu verändern: mit dem 'Robert Smith-Day'. Was Stefanie und Lisa erlebt haben:

Er sitzt zusammengesunken und müde allein auf einem Doppelsitz und lehnt seinen wilden schwarzen Schopf gegen die Fensterscheibe der Straßenbahn. Um sein Haar herum bildet sich auf dem Glas eine dünne Schicht aus klebrigen Haarsprayresten. Die Tür öffnet sich und ein kalter Luftzug lässt ihn seinen schwarzen Mantel enger um sich ziehen. Eine alte Dame steigt ein und steuert auf den Platz neben ihm zu. Er nimmt seine Tasche beiseite, schaut mit dick schwarz umrandeten Augen zu seiner zukünftigen Sitznachbarin auf und lächelt sie mit blutroten Lippen an. Sie umklammert fest ihre Handtasche und macht auf der Stelle kehrt. Keiner will in der Bahn neben Robert Smith sitzen.

Freiburg ist ein bisschen spießig. Nicht die spießigste Stadt Deutschlands, diesen Titel hat es nicht verdient – dennoch: Ich kenne keinen anderen Ort an dem sich die überdurchschnittlich jungen Leute für so alternativ, gebildet und vor allem grün halten, und gleichzeitig so unglaublich traditionell süddeutsch und gewöhnlich sind.


Ich selbst komme vom Land, ich bin weitaus konservativere Menschen und sehr viel langweiligere Outfits gewöhnt – aber wenn man aus einer Großstadt kommt, so wie meine Freundin Lisa, dann nimmt man sich das alles sehr viel mehr zu Herzen. Man läuft in Freiburg durch die Straßen und sieht so viele Gesichter, so viele Hinterköpfe, und jeder gleicht dem anderen. Ein paar Anzugträger, ein paar Hippiemütter, hier und da ein Obdachloser, und dann natürlich ein Haufen Studenten auf Fahrrädern. Big Brother is watching you, and he wants you to wear H&M. Aber wir denkende Bürger haben natürlich einen Plan: Wir beschweren uns nicht länger, wir nehmen die Sache selbst in die Hand. Immerhin sind wir auch Freiburger.

Einen Kaffee und zwei Zigaretten später kauert Robert zwischen 300 anderen Studenten in der Vorlesung. Seine Kommilitonen schlurfen mit gesenkten Köpfen und noch halb schlafend in den Saal, kaum einer nimmt Notiz von ihm. Die ersten 45 Minuten vergehen ereignislos – doch dann kommt die Zwischenpause. „Darf ich mal?“, fragt Robert höflich seinen Nachbarn, er möchte herausgelassen werden. Der Angesprochene sieht auf und seine Augen werden weit. „Alter, was ist denn mit dir heute los?“, ruft er halb erschrocken, halb amüsiert. Robert deutet auf ein Schild aus Pappe, das um seinen Hals baumelt. ROBERT-SMITH-DAY steht darauf geschrieben. „Wie, ist der heute gestorben oder was?“ Robert schüttelt leicht erschüttert den Kopf. „Nein, keine Sorge, es geht im bestens.“ Dann geht er endlich eine rauchen.



Draußen ist alles besser: Die Sonne scheint, die Luft enthält Nikotin, und an den Stufen vor dem KG I erwartet ihn ein alter Freund: Robert Smith II. Erleichtert, endlich wieder vereint zu sein, fallen sich die beiden in die Arme. Viele Worte werden nicht gewechselt, ein echter Robert Smith zählt nicht zu den gesprächigsten Geschöpfen. Erstmal zusammen eine mökern.

Die Idee ist einfach: Die Leute hier sehen alle langweilig aus, deswegen versuchen Lisa und ich, einen Tag besonders spannend auszusehen. Ganz in schwarz-weiß, mit viel zu viel Make-Up und hochtoupierten Haaren machen wir einen Selbstversuch. Es geht uns in erster Linie darum, aufzufallen und die Leute aufzulockern. Außerdem sind wir neugierig, wie man sich so fühlt, wenn man die ganze Zeit von allen angestarrt wird – 'Mut zur Hässlichkeit' lautet die Devise.

Der Tag verläuft erstaunlich erfreulich. Ich werde ständig auf mein Aussehen angesprochen, was auf die Dauer ein bisschen anstrengend ist, und ich bilde mir natürlich auch ein, viele skeptisch-spöttische Blicke in meinem Rücken zu spüren, aber die meisten Menschen, mit denen ich spreche, finden die Aktion irgendwie cool. Ich bin erschüttert, wie viele nicht wissen, wer Robert Smith überhaupt ist, und gleichzeitig erfreut, wer sich alles als Cure-Fan entpuppt. Eine völlig fremde Frau spricht mich aus heiterem Himmel an und erkundigt sich nach der Ursache für meine Outfit-Eskalation. Ich erkläre ihr geduldig meinen Hintergrund und sie nickt lächelnd. Sie verabschiedet sich freundlich mit: „Das steht Ihnen aber auch sehr gut!“

Robert II (Bild unten) macht ein paar weniger positive Erfahrungen. Hinter ihrem Rücken hört sie ein Pärchen tuscheln: „Wie sieht die denn aus?“ – „Ja, wenn sie das schön findet!“ Robert II kann darüber nur verächtlich lachen. In den Augen eines jungen Menschen wie ihm, mit Rebellengeist und Sinn für Provokation, haben sich die beiden Skeptiker hier natürlich eher ein Eigentor geschossen: Wer will schon mit 20 so wie seine Eltern klingen? Genau das ist der Punkt! Das ist es, was dem Freiburger Ambiente schadet!



Nach einem langen Tag macht sich Robert noch erschöpfter als sonst auf den Heimweg. Popstar sein ist schon ziemlich anstrengend! Manchmal wünscht er sich, einfach nie berühmt geworden zu sein. Aber dann sieht er im Vorbeigehen zufällig in einem Schaufenster sein eigenes Spiegelbild und denkt sich: „Mann, du siehst schon verdammt gut aus!“ Eine kühle Brise spielt in seinem staubigen Haar, ein kleines Kind auf der anderen Straßenseite deutet auf ihn und fängt an zu weinen. Seine roten Lippen lächeln verschmitzt.

Endlich daheim bin ich froh, unter viel Wasser und Seife wieder meine normale Gesichtsfarbe hervorkommen zu sehen. Lisa sieht auch schon wieder wie sie selbst aus, es ist eine erstaunlich schnelle Verwandlung. Nur die Lippenstiftabdrücke an den Zigaretten im Aschenbecher zeugen noch davon, das heute Robert Smith hier zu Gast war – doppelt.

Froh, die ganze Sache hinter uns zu haben, und voll Vorfreude auf die nächste Verkleidungsaktion (Misfits? Kiss?) erzählen wir uns gegenseitig von unseren Erfahrungen. Unser Fazit: Wer in Freiburg aus der Reihe tanzt, braucht eine dicke Haut. Wer durchhält, wird aber positiv überrascht – die Menschen hier finden das interessant, spannend, womöglich gar sympathisch.

Freiburg hat Potential. Nutzen wir es aus!



The Cure - 10:15 Saturday Night (Live in München, 1984)

Quelle: YouTube


[Anmerkung der Redaktion: Robert Smith und The Cure werden im kommenden Sommer übrigens gleich auf zwei Festivals in der Region auftreten: auf dem Southside in Neuhausen ob Eck und bei den Eurockéennes in Belfort. Dieser Beitrag hat mit dieser Tatsache allerdings rein gar nichts zu tun.]

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[Fotos: Privat/Robert Smith-Foto: PR]