Der Schwarzwälder Freerider Tim Fritz über Lawinen am Feldberg: "Unter den Wächten ist es am gefährlichsten!"

Marius Buhl

Am Feldberg starben in der vergangenen Woche zwei Skifahrer in Lawinen. Der beste Schwarzwälder Freerider, Tim Fritz, kennt den Feldberg und kann die Gefahr genau einschätzen. Im Interview verrät er, worauf momentan zu achten ist, welche Spots man meiden sollte und warum Freerider ohne Rucksack gleich wieder heim gehen sollten:



Was ist momentan am Feldberg zu beachten?

Am allerwichtigsten ist es momentan, die Leute zu sensibilisieren. Auch das Mittelgebirge ist eben gefährlich, das wissen viele nicht. Die denken sich: Es hat viel geschneit, da meide ich die Alpen und fahre am sicheren Feldberg. Das ist eben falsch.

Wie bereitest du dich auf einen Tiefschneetag am Feldberg vor?

Am Feldberg gibt es ein Problem: Es gibt keinen offiziellen Lawinenlagebericht. Deshalb muss ich am Hang selbst schauen, wie die Lage ist, muss mir ein Schneeprofil machen und die Schneeschichten analysieren. Zusätzlich schaue ich mir den Wetterbericht an: Wieviel hat es geschneit, hat es dabei sogar gewindet?  Ein wichtiger Satz, der in jedem Vortrag über Lawinen fällt, ist: Der Wind ist der Baumeister der Lawinen. Bin ich am Hang, muss ich natürlich abgleichen: Stimmen Vorinformation und aktuelle Situation überein?

Wie siehts konkret am Feldberg aus?

Momentan gibt es eine kleine Hysterie. Es wird gesagt: Jeder Hang rund um den Feldberg ist gefährlich. Das ist Quatsch. Hänge unter 30 Grad Neigung sind nie gefährlich - oder zumindest nur in Ausnahmesituationen. Aber: Seit dem Herbst ist bei uns Schnee auf warmen Untergumnd gefallen, weswegen wir eine Gleitschneesituation, haben, die sich auch nicht ändern wird in diesem Winter. Zusätzlich ist in den letzten Tagen viel Schnee mit viel Wind gefallen, wodurch es Triebschneefelder gibt. Dazu kommt, dass es vor zwei Wochen warm und wieder kalt wurde, wodurch eine Eislamelle, bzw. eine Bruchharschschicht entstanden ist. Jeder kann sich vorstellen, wie gut  frischer Schnee auf Eis rutscht.

Welche Spots sollte man am Feldberg komplett meiden?

Es gibt vier große Wächten am Feldberg. Am Seebuck, am Baldenweger Buck, am Herzogenhorn und am Feldberggipfel selbst. Darunter stehen jeweils keine Bäume - eben wegen der vielen Lawinen. Dort sind auch alle großen Schwarzwald-Lawinen der lezten Jahre abgegangen. Natürlich ist es dort momentan am gefährlichsten. Wenn eine Wächte bricht, wirds brenzlig.

Welche Ausrüstung empfiehlst Du?

Wer keinen Rucksack hat, ist schon mal komplett falsch ausgerüstet. Den braucht man, um eine Schaufel mit Eisenblatt und eine Sonde zu transportieren. Zusätzlich sollte man ein funktionierendes LVS-Gerät tragen - und ein Handy dabei haben. Natürlich sollte man das Zeug aber nicht bloß dabei haben, sondern es auch bedienen können. Das übt man am besten schon im Herbst. Das tollste Auto bringt dir nichts, wenn du es nicht fahren kannst.

Was kann man noch tun, wenn man in einer Lawine ist?

Dann hilft eventuell der ABS-Rucksack, also ein Rucksack mit Airbag, der einem hilft, oben zu bleiben. Zudem sollte man sich eine Atemhöhöe schaffen, das steigert die Überlebenschancen. Ich würde keine Stöcke mit Schlaufen tragen - denn die wirken bei Lawinen wie ein Anker. Sonst gilt: Ruhig bleiben, Kraft sparen, auf Hilfe warten. Wobei klar ist: Liegt man drunter, rennt die Zeit. Ich selbst war schon ein paar Mal in gefährlichen Lawinensitautionen, allerdings haben wir im Vorfeld gemerkt, was geht und uns adäquat verhalten. Die Lawinen sind dann unter uns los. Zweimal war es aber auch schon richtig knapp. Wichtig ist dann, dass man analysiert und sich fragt: Habe ich alles richtig gemacht oder war es mein Fehler? War es das nicht, war es einfach Pech. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es eben einfach nicht.

Zur Person

Tim Fritz ist ein echter Schwarzwälder. Geboren in Freiburg, wuchs er im Wiesental auf, fuhr seit er klein ist Ski am Feldberg. Während er in jungen Jahren zwischen den Torstangen die schnellste Linie suchte, änderte sich das mit dem Älterwerden: Er verließ die Piste, suchte den Tiefschnee und wechselte auf breite Bretter. Seine größten Erfolge: Beim Freeride World Qualifier in Morgins gewann er, beim Qualifier in Röldal wurde er Zweiter. Tim ist zudem Staatlich geprüfter Skilehrer und studierter Sportwissenschaftler. Im Sommer tauscht er die Ski gegen das Bike und den Gleitschirm.

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[Foto: privat]