Der Schrei: "Ja, so waren wir als Kinder einmal"

Alexander Dick

Beim SWR-Musikprojekt "Der Schrei" werden Jugendliche und Profimusiker Hand in Hand zusammenarbeiten; das 10-monatige Großprojekt wird eine Herausforderung für alle Beteiligten. BZ-Redakteur Alexander Dick sprach für fudder mit Werner Englert und Dieter E. Neuhaus aus dem künstlerischen Leitungsteam des "Schrei".

 

„,Der Schrei’“ ist eine total neue künstlerische Idee!“, heißt es auf der Homepage zu Ihrem Projekt. Das klingt ein bisschen so, als sei das Rad neu erfunden worden. Was ist denn das nun „total Neue“?

Dieter Neuhaus: Natürlich muss das Rad nicht neu erfunden werden. Unser „Rad“ heißt „Kreativität“: In unserem Projekt wird ein kreativer Prozess mit der Beteiligung von unterschiedlichen, vorwiegend jungen Menschen und musikalischen Richtungen angestoßen, organisiert und begleitet.

Werner Englert:
Dass sich das SWR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Sylvain Cambreling auf diese Abenteuerreise einlässt, bei der alle Beteiligten Lernende sind, das ist neu, einzigartig und von einem anderen aktuellen großen Orchester (bis hin zu den Berlinern) nicht vorstellbar. Das Rad wurde dabei nicht neu erfunden, sondern es ist eher eine Rückbesinnung darauf, wie persönliche Entwicklung ursprünglich funktioniert: Neugierig sein, fragend die Welt entdecken und spielerisch kreativ zu Antworten und Problemlösungen gelangen – ja, so waren wir als Kinder alle einmal!

Jugendprojekte bei Theatern und Orchestern werden zurzeit ganz groß geschrieben. Der Hintergrund ist klar – alle haben Angst vor Publikumseinbrüchen. Kann man sich sein Publikum von morgen nur noch via Mitmach-Aktionen heranziehen?

Englert: Wenn man eingebunden ist in in einen Prozess, ist man auch emotional betroffen. Das ist eine Erfahrung, die wir alle an uns selbst erleben. Dass inzwischen immer mehr Institutionen, angefangen vom Kindergarten bis hin zu Universitäten und professionellen Betrieben dies erkannt haben, ist ein gutes Zeichen.



Im Gegensatz zu vielen anderen Projekten, wie etwa „Rhythm is it“ mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle, liegt dem „Schrei“ kein einzelnes Werk oder eine bestimmte Musik zugrunde. Ist das nicht auch ein Risiko?

Englert: Ich verstehe nicht, was Sie mit Risiko meinen. Für mich steckt in dieser Vorgehensweise eine ganz große Chance. Menschen unterschiedlichster Niveaus, Genres, Nationalitäten lassen sich gemeinsam aufeinander ein. Das kann nur etwas Einmaliges, nie Dagewesenes und im Idealfall total Authentisches werden. Das, was da zusammengefügt wird, kommt aus dem tiefen Inneren eines jeden einzelnen – und genau das ist es, was große Künstler als oberstes Ziel ihrer lebenslangen harten Arbeit suchen.

Neuhaus: Das leere Zeichen- oder Notenblatt des Malers oder des Musikers, die leere Bühne des Schauspielers ist die Ausgangssituation. Ein Gedanke, ein Stichwort, ein Gefühl lösen den Gestaltungsprozess aus. Das Ergebnis orientiert sich nicht an musikalischen Vorgaben oder Vorbildern, sondern an den beteiligten Menschen. Das wird seinen Reiz und seine besondere Qualität ausmachen. Die Risiken, dass etwas nicht funktioniert, sind nicht größer und nicht kleiner als in anderen künstlerischen Projekten. 

Was hat Sie zu genau dieser Programmatik gebracht – der „Schrei“? Warum gerade diese Form von emotionalem Erregungszustand?

Neuhaus: Ein Schrei vermittelt sicherlich einen „emotionalen Erregungszustand“. Für uns ist er aber zunächst einmal und vor allem ein Klang, ein musikalischer Ausdruck. Und eine Idee: Etwas will sich aus-drücken. Englert: Auf der Suche nach einem Thema oder besser „Gefäß“, wie es Sylvain Cambreling genannt hat, war der Spagat zu leisten zwischen den unterschiedlichsten musikalischen Kunstformen. Das Thema sollte in der ganzen Geschichte der Musik präsent sein, wie auch in der aktuellen Zeit mit ihrer Hoch- und Subkultur. Im „Schrei!“ haben wir einen gemeinsamen Grundimpuls aller musikalischer Äußerungen entdeckt: Egal ob das der Aufschrei der Garagenband ist, die sich mit ihrer Musik selbst ausdrückt und in unserer Gesellschaft Gehör verschaffen möchte oder eine Sinfonie von Beethoven; egal ob das ein stummer Schrei ist, der auch in allen Zeiten der Musik immer wieder vorkommt bis hin zu Cage mit der Komposition „Silences“, ein Lustschrei, ein Freudenschrei, ein Schmerzensschrei, ein Wutschrei: Musik will sehr häufig solche „Erregungszustände“ und Töne, Klänge und Geräusche formen.



Die Probenarbeit von Orchester und Jugendlichen wird sich über ein ganzes Jahr hinziehen. Wie wollen Sie die Spannung bei den mitwirkenden Jugendlichen erhalten? Und wie viel Arbeit wird auf die jungen Leute zukommen?

Englert: Da verlassen wir uns ganz auf unsere 30-jährige Erfahrung in der Arbeit an langfristigen Projekten, speziell mit Jugendlichen. In der Regel ist die Zeit viel zu kurz, wenn man sich erst einmal auf den Weg gemacht hat.

Neuhaus:
Das Musikprojekt ist in drei Phasen gegliedert: 1. Regional organisiert finden sich die Jugendlichen in Musikteams zusammen und erarbeiten unter professioneller Anleitung ihre gemeinsamen Ausdrucksmöglichkeiten. Diese erste Phase mündet Anfang Dezember 2008 in eine erste Begegnung der jeweiligen regionalen Musikteams und am 11. Dezember im Festspielhaus Baden-Baden in das erste Treffen aller beteiligten Musikteams. 2. Die Teams entwickeln ihre inhaltlichen und musikalischen Ideen zum Thema „Der Schrei!“ und präsentieren sie in Freiburg am 1. März 2009. Anschließend, vom 4. bis 6. März, werden in Workshops der Jugendlichen mit den Orchestermitgliedern Ideen ausgetauscht und weiterentwickelt. 3. Die Beiträge aller beteiligten Gruppen werden festgelegt und einstudiert, schließlich in einer Schluss-Probenwoche für die jeweiligen Auftrittsorte eingerichtet und dann dort in Szene gesetzt. Der zeitliche Aufwand wird für die Jugendlichen überschaubar sein. Da alle beteiligten Jugendlichen den gesamten Prozess bis einschließlich der Aufführungen miterleben werden, wird der Spannungsbogen über den vergleichsweise lange Zeitraum meiner Meinung nach problemlos zu bewahren sein.

Was für eine Art von „Schrei“ stellen Sie sich nach dem Projektjahr vor? Und was sollte auf keinen Fall das Ergebnis sein?

Englert: Auf keinen Fall möchte ich mir jetzt schon ein Bild machen wollen von dem, was die Jugendlichen kreieren werden. Sicher bin ich mir, dass alles, was ich mir vorstellen kann, um ein Vielfaches von der Realität im Laufe des Jahres übertroffen wird.



Personalien - Die Organisatoren des "Schrei"

Sylvain Cambreling ist seit 1999 Chef des SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und gehört  zu den international gefragtesten Dirigenten in Oper und Konzert.

Werner Englert studierte Schulmusik  und Musikwissenschaft und ist  durch seine Tätigkeit als Musiker (Saxofon, Querflöte, Gesang, Tasteninstrumente, Tuba, Percussion), Pädagoge, Komponist und Autor bekannt.

Dieter E. Neuhaus war zwischen 1971 und 1985 als Dramaturg an den Theatern in Schleswig, Luzern, Bonn und Freiburg engagiert und ist seither freiberuflich als Regisseur, Autor und Schauspieler tätig.

Mehr dazu:

Web: Der Schrei Mitmachen können kreative Jugendliche von 14–20 Jahren aus der Regio, die ein Instrument spielen oder singen. Die Anmeldung für das 10-monatige Projekt läuft noch bis zum 15. Juli 2008. Für die Teilnahme an den Workshops wird eine Teilnehmergebühr von 8 Euro pro Monat erhoben; in begründeten Fällen wird die kostenfreie Teilnahme durch Stipendien ermöglicht.