Der Schatten hat den Gnom getötet

Dirk Philippi

Jeder Mensch hat einen großen Traum. Egal, ob es der eigene Büroscheißhausschlüssel, das eigene Reihenhäuschen mit Reihenfamilie oder das eigene, befreite Gehirn ist. Dirk hatte sich gewünscht, über den Schatten zu springen, den der kleine Mann im Kopf so gerne wirft.



„Du kannst das und doch kannst Du das auf keinen Fall tun!“ – Der kleine Gnom auf meiner Hirnrinde, direkt hinter einem feisten Synapsenbündel, schlägt auf mich ein. Seine knöcherne Hand umgreift den abgeschabten Holzstil seines Vorschlaghammers und drischt den bleiernen Schlagquader stetig und unermüdlich von innen gegen meine Schädeldecke. Schwarze Teerfetzen lösen sich und fallen auf mich herunter. Ein schwarzer Hagelschauer stürmt in meinen Kopf und mit jedem Schlag reißt der miese Zwerg einen zerfetzten Eingang in mein Hirn, durch welchen dieser Satz rennt: „Du kannst das und doch kannst Du das auf keinen Fall tun!" - Du kannst das. Du kannst das nicht. Gelächter. Ja. Nein. – Ich packe meine Ohren und schüttle mich, aber es hört nicht auf. Ich schlage mir gegen die Schläfen, aber es wird nur noch lauter. Ich zittere und beginne zu schreien, aber er schreit mit mir. Und er lacht. Er lacht schmutzig, verhöhnend und spöttisch. Ich weiß, dass es nur einen Weg gibt. Diesen einen Weg. Es ist von allen der riskanteste und doch muss ich ihn gehen, um Ruhe zu finden. Ich muss schattenspringen!


Spulen wir zurück bis zu einer Szene auf dem Basler Theaterplatz. Othello macht gerade Pause und wir, die Interesse-Heuchler mit dem Kultur-Abo, sitzen paffend vor dem Tinguely-Brunnen. Fünf Meter vor mir habe ich Geraldine mit ihrem kräuseligen Lockenkopf fest im Blick und es sieht schlecht um mich aus. Billige 17 Jahre schmäht mich meine Geburtsurkunde, während die schönsten Haare der Welt schon seit zwei Jahrzehnten sprießen. Später einmal ist das ja ein Klacks, aber kurz vor der Führerscheintauglichkeit, da sind drei Jahre soweit voneinander entfernt, dass man gleich um Uschi Obermaier werben könnte - na ja, die würde das vielleicht sogar noch machen. Jedenfalls habe ich Schiss. Gewaltigen Schiss. Irgendwie komme ich mir vor wie ein Darsteller einer beliebigen Vorabendserie. Profil: Peinlicher Volltrottel mit veritablem Realitätsverlust. Ich darf sie nicht anmachen, das geht absolut NICHT. Und doch bin ich genau aus diesem Grunde da. Ich bin wild entschlossen mich endlich zum Gespött aller zu machen, ihrem inklusive. Jungen gehen mit jüngeren Mädchen und junge Frauen suchen sich Erstsemester-BWL´ler, soweit das Gesetz. Und dennoch - verdammt! - will ich diese Locken atmen.



Teenager, denen so viele Hormone durchs System wirbeln, dass sie nicht wissen, ob sie in das Nachbarsmädchen oder in den Busfahrer verknallt sind, kann eigentlich nicht wirklich jemand ernst nehmen. Entweder hat ihnen der Testosteron-Tsunami das Hirn unterspült oder aber sie haben die reaktionären Prinzipien ihrer Freunde, Geschwister und Eltern inhaliert. Eines von beidem hatte mich zumindest bislang immer gestoppt - kurz bevor ich Geraldine ansprechen wollte. Ich hatte alle Sätze schon x-Mal zuhause auf kleine, gelbe Karteikarten geschrieben: "Hallo Du, ich bin auch bald so alt wie Du!", "Hey Babe, gestatten Dirk, der Zweitliga- Aufsteiger!" oder "Prinzessin, entweder Du küsst mich auf der Stelle oder ich werde Dich die nächsten 100 Jahre mit anonymen Anrufen torpedieren, Dich heimlich fotografieren und die Bilder an ein einschlägiges Herrenmagazin verkaufen!". Gut, meistens war es das durchgeweichte Hirn, das mich vor mir selbst schützte, denn Prinzipien waren mir schon immer suspekt. Prinzipien sind eine super Sache, wenn es darum geht, ob man sein Geld mit Waffenhandel oder mit Tortenbacken verdienen will. Aber was bringt einem der Normfetisch, wenn es um Frauen wie Geraldine geht? Eben.

Keine Ahnung, wie sich Othello von der Bühne geblasen hatte, aber als ich kurz vor Mitternacht in einer schummrigen Ecke der alten Stückfärberei saß, und nachdem ich die Prinzessin natürlich wieder nicht angesprochen hatte, bekam ich eine Gänsehaut an der man Parmesan hätte reiben können. Sie tanzte direkt vor mir. Meine Gedanken höre ich manchmal heute noch als jähes Jaulen nachhallen. Ein bisschen fühlte ich mich, als würde ich mit einem Ticket in der Hand vor dem Flugzeug einer fragwürdigen Airline stehen: Ich hätte demnächst auf einer Insel wie aus einer Kokosduschgelwerbung landen können, genauso gut wäre aber auch der schlimmste Absturz aller Zeiten möglich gewesen. Es war an der Zeit.



Was dann geschah, sehe ich heute nur noch wie ein Daumenkino vor den Lidern, so wie das immer ist mit den guten Dingen – man vergisst zu schnell. Ein holpriges „Hallo“, ein dahin sterbendes „Warst Du nicht auch in Othello?“ und die Gewissheit, dass es noch in dieser Nacht geklärt werden musste, wo ich hin wollte. Um Geraldine ging es schon lange nicht mehr. Sie war hübsch, okay, sehr hübsch, und wenn nichts laufen sollte, würde ich mich später wieder in einem sehr leeren Bett vor Ärger verknoten. Aber nun ging es um mich. Wollte ich endgültig aufhören, Lotto nur mit einer Zahl zu spielen?

Als sie mir antwortete, mit mir rauchte und trank, mich in ihrem babyblauen Käfer nach Hause fuhr und mich zum Abschied küsste, war das wie Erdbeerjoghurt aus dem Becher trinken, Nutella mit dem Löffel essen oder das Knistern zu hören, wenn Martini über dampfende Eiswürfel in ein großes tiefes Glas läuft. An meiner Zimmertüre musste ich jedenfalls auf die Knie gehen, um unter dem Türrahmen durchzukommen, und ich spürte die Entschlossenheit, wegen der Kriege geführt werden und Menschen in Gummizellen landen. Auf meinem Gesicht explodierte ein breites Grinsen: Ich hatte mein Leben für den Moment prinzipienfrei gemacht.



Ich habe Geraldine seit dieser Nacht nie mehr geküsst und nie mehr vermisst, aber ich danke ihr noch heute, dass sie mich von dem kleinen Gnom in meinem Kopf befreit hat. Sie hat mich gelockt und ich bin gesprungen – über die Schatten.

Bonustrack: Wir brauchen dringend neue Lügen / die uns durch das Universum leiten / Wir brauchen dringend neue Lügen / die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen / Wir brauchen dringend neue Lügen / die unsere Schönheit uns erhalten / Wir brauchen dringend neue Lügen / die sich unserem Willen fügen.

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