Der Online-Zocker: Pokern als Nebenjob

Adrian Hoffmann

Es ist alles eine Sache der Konzentration. Aber wenn die stimmt, dann ist Online-Pokern der ideale Nebenjob. Georg Schulz (23) aus Freiburg zockt jeden Tag ein bis zwei Stunden im Netz - und hat sich vom erspielten Geld gerade eine neue Spülmaschine bestellt, Kosten: 600 Dollar.





So viel Geld in relativ kurzer Zeit, das ist verlockend. Georg, Informatikstudent (ist ja klar), hat sich seinen momentanen Stundenlohn ausgerechnet: 16 Dollar. “Das ist nicht schlecht, oder? Ich meine, für einen Studenten.” Da hat er natürlich Recht, eine Frage stellt sich trotzdem: Warum spielt er dann nicht noch viel mehr Online-Poker? Es müsste ja theoretisch dazu ausreichen, sich ein nettes Monatsgehalt allein durch das Kartenklicken zu finanzieren. “Klar”, sagt Georg, “aber es ist einfach zu anstrengend, ich kann das nicht länger am Tag. Das ist nicht wie beim Pferdewetten und du setzt auf Gaul Nummer 3, und das war es.”


Georg ist ein Online-Zocker, wie man ihn sich vorstellt. Er ist kräftig gebaut, hat lange Haare, einen langen Ziegenbart - und wirkt ein bisschen so, als fände er keine Zeit dafür, sich mal zu rasieren. Zudem läuft er barfuß durch die Wohnung, er hält sich also gerne und lange darin auf. Und sein Rechner sind natürlich zwei, jedenfalls zwei Monitore, damit er mehr Pokerrunden auf einmal machen kann. Nur eine, das wäre viel zu langweilig. Nichts für ihn.

Diese Online-Pokerrunden gewinnen weltweit wahnsinnig an Beliebtheit. Das ist auch daran zu erkennen, dass in letzter Zeit viel Fernsehwerbung gemacht wird. Bei Georgs Anbieter, Partypoker.com, sind regelmäßig 60 bis 70000 User online, in der Nacht wesentlich mehr, weil dann die ganzen Amerikaner online sind. Registriert sollen sogar mehrere Millionen User sein. Es gibt verschiedene Schwierigkeitlevels, und man muss sich von ganz unten hocharbeiten. Georg ist schon relativ weit gekommen, wenn es gut läuft, kann er innerhalb von einer Minute, einer dieser kurzen Pokerrunden, mehr als 100 Dollar gewinnen. Er kann sie aber natürlich auch genau so gut verlieren. Es ist ein bisschen wie mit den Aktien.

Eigentlich ist das, was Georg da macht, gar nicht richtig erlaubt in Deutschland. Er bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Es gibt kein Urteil dazu. Jedenfalls ist es so, dass in Deutschland nur Casinos Glücksspiele anbieten dürfen, bei denen es um Geld geht. Die Sache ist nur die: Der Anbieter des Online-Pokers, nämlich Partypoker.com, hat schon, wie die Internetadresse verrät, seinen Sitz im Ausland. Aber es ist ein bisschen wie mit vielen Dingen in Deutschland: Warum sollte man das Zocken von einem deutschen Rechner aus verbieten? Was für einen Sinn hätte das? Dann fährt Georg halt kurz nach Frankreich rüber.



Er ist so ein bisschen ein Junkie, was das Onlinepokern anbelangt. Nicht wirklich süchtig danach aber eben doch irgendwie. Was ihm daran so gefällt: “Es ist kein Glücksspiel.” Für Georg ist Pokern wie Schach geworden - ein Strategiespiel, das vor allem auf Können beruht. Neben seiner Tastatur liegt der Ausdruck einer Word-Tabelle, mit Tesafilm überklebt, in der er in irgendwelchen Poker-Hieroglyphen Wahrscheinlichkeiten ausrechnet. Ein Leitfaden für Anfänger, wie er es nennt. Das brauche man zum Pokern wie man zum Schachspielen eine gute Eröffnung brauche. Er hat auch einige Pokerbücher im Regal. “Mir geht es nicht nur ums Geld”, sagt Georg - sondern es geht ihm vor allem auch um Spaß, um sportlichen Ehrgeiz.

Es ist eine riesige Community, die sich um Onlinepoker-Portale gebildet hat. Die meisten Mitspieler wollen schnell Geld machen, sagt Georg, aber das könne auch schief gehen. Man müsse erkennen, dass es nicht nur um Glück geht. Man muss lernen, wie auf das Studium, nur dass Poker lernen wohl etwas mehr Spaß macht. Georg nimmt auch eine Art Online-Nachhilfe in Anspruch (Pokerstrategy.de), er hört Profizockern online beim Spielen zu, sie kommentieren ihre Entscheidungen. Georg selbst bietet sich mittlerweile auch als Trainer an, für die Neulinge. Aber natürlich in Maßen. Die vielen Anfänger müssen ja nicht alle gleich so gut werden wie er, sonst muss er die Spülmaschine zum Schluss doch wieder vom eigenen, hart verdienten Geld zahlen, das er sich mit seinem Informatik-Nebenjob verdient.

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