Der NPD-Watchblogger

Markus Steidl

Das NPD-Blog des Hamburger Redakteurs Patrick Gensing (tagesschau.de) ist eine reichhaltige Informationsquelle zur NPD und liefert aus kritischer Sicht eine Dokumentation über die rechstextreme Partei und ihr Umfeld. Das Weblog ist, wie fudder, für den Grimme Online Award nominiert worden. Ein Interview mit dem Macher des Watchblogs über Motivation, Anspruch, Kampf und Parteienverbot.



Das NPD-Blog ist eine Internetseite, die als kritische Dokumentation der Ereignisse rund um die rechtsextreme NPD gedacht ist. Die Berichterstattung gliedert sich in eine allgemeine Kategorie und in verschiedene Untergruppen. Ansonsten werden die Neuigkeiten nach Bundesländern unterteilt.


Die NPD ist insbesondere für solche, die sie aus der Tages- und Wochenpresse oder aus den Fernsehnachrichten rezipieren, eine ziemlich oberflächliche, neblige Sache. Zwar vermuten die meisten bereits intuitiv, dass sich dahinter nichts Gutes verbirgt, aber weitere Fragen werden selten gestellt und auch die Klärung dieser Fragen erfordert massive Beinarbeit und das Durchsehen von mehreren Zeitungsjahrgängen.



NPD-Blog bietet eine gute Möglichkeit, sich ein fundiertes Hintergrundwissen über dieses schwierige Terrain zu verschaffen, vor allem auf eine Art und Weise, die den Beschaffungsaufwand auf ein Minimalmaß reduziert.

Betreiber und Gründer der Seite ist Tagesschau.de-Redakteur Patrick Gensing aus Hamburg.

Herr Gensing, wie kam es dazu, dass Sie NPD-Blog ins Leben gerufen haben?

Patrick Gensing: Die Idee für NPD-BLOG ist durch meine tägliche Arbeit entstanden. Viele interessante Recherche-Ergebnisse waren für tagesschau.de nicht geeignet, weil zu klein und zu regional. Dadurch stellte sich für mich auch die Frage nach einer effektiven Archivierung der Informationen, also einer Recherche-Datenbank.

Da ich mich zusätzlich des Öfteren über die Berichterstattung im Bereich Rechtsextremismus geärgert habe, erschien mir eine Kombination aus Dokumentation und Medienkritik optimal. Dadurch lässt sich oberflächliche Berichterstattung schnell aufdecken, ich kann meine Recherche-Ergebnisse sammeln und es entsteht ein Recherche-Instrument für die interessierte Öffentlichkeit.



Haben Sie persönliche Erfahrungen mit der NPD gemacht?

Ich habe auf jeden Fall nie mit dieser Partei sympathisiert und betreibe jetzt NPD-BLOG nicht, um meine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich hatte in meiner Jugend und auch später des Öfteren allerdings unangenehme Begegnungen mit Neonazis gehabt, sei es im Umfeld von Fußballspielen, durch die Präsenz von Neonazis im öffentlichen Raum und ähnlichem.

Aber reicht das für solch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema?

Mich beschäftigen in meinem Leben Dinge, die ich nicht begreife, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich kann das Handeln und die Motivation fast aller Menschen zumindest ansatzweise verstehen. Dieses Verständnis fehlt mir bei Neonazis komplett. Daher beschäftige ich mich intensiv mit diesem Thema.

Warum gerade eine Internetseite und kein Buch über die NPD?

Der unschätzbare Vorteil des Internets besteht in der einfachen Verlinkung von Quellen und der effektiven Einbindung von Hintergrundinformationen. Diess nicht zu nutzen, wäre töricht. Passiert aber leider oft, auch bei großen Nachrichtenangeboten: Anstatt ältere Meldungen in die aktuelle Berichterstattung einzubinden, stehen Artikel oft nackt da. Eine Einordnung findet dadurch nicht statt, der Leser kann Entwicklungen nicht nachvollziehen - und dadurch bestimmte Prozesse nicht erkennen.



Beanspruchen Sie einen Informationsauftrag für sich?

Ich möchte mit meiner Seite einen Mehrwert im Gegensatz zu der klassischen Berichterstattung bieten: Keine ständigen Wiederholungen von schon Bekanntem, wie es oft in großen Medien passiert, und das Ganze mit mehr Hintergrundinformationen verbinden. Dazu - wenn zeitlich möglich - auch noch eine Bewertung der Vorgänge.

Wie beurteilen Sie den Informationswert Ihrer Seite?

Da bin ich mir nicht ganz sicher. Denn ich denke, oft ist meine Berichterstattung sehr kleinteilig - und nur wenn man die Teile zusammensetzt, entsteht ein Bild, auf dem sich etwas erkennen lässt für Menschen, die nicht so im Thema sind. Ich denke, einige Informationen, die ich dokumentiere, bringen dem einzelnen Leser nicht viel. Aber die Dokumentation ist wichtig. Je länger man Informationen sammelt und verbindet, um so besser und fundierter wird die Berichterstattung.

Die Schwächen der Seite?

Wahrscheinlich wäre es für die Leser hilfreich, wenn ich öfter Überblicksartikel zu bestimmten Themen veröffentlichen würde. Doch dafür bleibt mir leider keine Zeit. Allerdings ist mein Angebot auch nicht für die breite Masse gedacht, es soll ein Instrument für Personen sein, die sich mit Rechtsextremismus und Neonazis beschäftigen. Wenn ich bestimmte Suchbegriffe bei Google zu diesem Komplex eingebe, erscheint meine Seite oft, von daher meine ich, dass sie einen vernünftigen Informationswert bietet.



NPD-Blog ist bewusst im Blog-Aufbau gehalten. Welche Funktion erfüllt dieses Website-Design Ihrer Ansicht nach besser im Vergleich zu einem "typischen" statischen Webdesign und wie wird es von den Lesern rezipiert?

Für mich gab es zu dem Blog-Aufbau keine Alternative. Erstens habe ich keine Zeit, um eine komplizierte Struktur für das Angebot zu entwerfen. Zweitens ist das auch gar nicht notwendig, denn es geht um Inhalte, weniger um die Darstellungsform. Drittens ist diese Darstellungsform in meinen Augen benutzerfreundlich, denn sie ist a) übersichtlich und b) immer gleich. Das Aktuellste ganz oben eben.

Ich denke, die meisten Internet-Nutzer sind mit Blogs vertraut und haben keine Probleme mit dieser Darstellungsform. Eine Rückmeldung habe ich allerdings noch nicht eingeholt, es wurde bislang aber auch von niemandem kritisiert.

Wie bewerten Sie die Legitimation der NPD in Bezug auf Verfassungstreue? Finden Sie, dass sie eine legitime Partei ist oder gehört sie mit allen Mitteln bekämpft?

Die NPD ist keine normale Partei. Ganz wichtig ist: Die NPD grenzt sich selbst aus. Dadurch, dass sie universelle Werte nicht anerkennt. Sie geht von einer Ungleichwertigkeit von Menschen aus, wie Holger Apfel jüngst in einer Parlamentsrede wieder eindrucksvoll bewiesen hat.

Sie ist eine völkische Partei, das Individuum steht nicht ganz oben, sondern das Volk. Der Mensch definiert sich nicht über seine eigene Person, sondern über sein Deutschsein, meint die NPD. Damit missachtet sie Artikel 1 des Grundgesetzes. Diese Positionen sind nicht verhandelbar, genauso wenig wie man mit Islamisten über Einschränkungen bei der Gleichberechtigung von Frauen verhandeln darf.

Eine Alternative zu der gegenwärtigen Ordnung anzustreben, halte ich für absolut legitim, das kann jeder halten wie er will. Aber die Ordnung aggressiv zu bekämpfen, gegen Menschen zu hetzen und damit Gewalttaten Vorschub zu leisten, das geht nicht. Und wenn man dann noch die Ungleichwertigkeit von Menschen propagiert, gibt es sowieso keine gemeinsame Basis mehr.



Nochmal konkret: NPD-Verbot ja oder nein?

Ich war bislang gegen ein NPD-Verbot, da ich eine politische Bekämpfung der NPD für sinnvoller erachtet hatte. Ich habe meine Meinung in den vergangenen Monaten dazu geändert: Es findet keine weiterführende politische Auseinandersetzung mit den GRÜNDEN für den Neonazismus in Deutschland statt, die NPD gilt den anderen Parteien als das Böse, gegen das man bequem wettern kann. Daher könnte ein Verbot die inhaltliche Auseinandersetzung möglicherweise fördern.

Außerdem muss die NPD weg von den Futtertöpfen, sie zieht sich das Geld aus dem System, das sie bekämpft und abwickeln will. Sie erhält hunderttausende Euro aus Steuermitteln für ihre Landtagsfraktionen, dort arbeiten teilweise verurteilte Gewalttäter als Vollzeitkräfte im Beruf Neonazi. Die rechtsextreme Bewegung in Deutschland wäre ohne dieses Geld erst einmal gelähmt.

Man kann durch ein Parteienverbot in den Köpfen der ideologisch gefestigten Kader natürlich nichts ändern - aber das kann man ohne Parteienverbot auch nicht. Aber man kann durch ein NPD-Verbot verhindern, dass diese ideologisch völlig verblendeten Personen ihre Hetze weiter verbreiten.



Für wie gefährlich für das demokratische System unserer Nation halten Sie Parteien wie die NPD? Was würden Sie den Lesern im Umgang mit diesen Vereinigungen raten?

Ich denke nicht, dass die NPD ernsthaft eine Chance hat, das System abzuwickeln, so wie sie es gerne möchte. Allerdings ist der gewalttätige Neonazismus eine Gefahr für Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, oder die vielleicht die falsche Hautfarbe oder die falsche politische Einstellung haben.

Jeden Tag gab es in Deutschland im vergangenen Jahr drei Gewalttaten von Rechtsextremisten. Viele Beobachter und Opferberatungen zählen noch weit mehr Fälle. Das heißt, im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mehrere hundert Menschen von rechtsextremen Schlägern verletzt, seit 1990 gibt es mehr als 100 Tote durch rechte Gewalt in Deutschland. Das ist eine Gefahr, die vollkommen unterschätzt wird. Weil die Opfer keine Lobby haben. Es kann einfach nicht sein, das ganze Dörfer für schwarze Menschen zu No-go-Areas werden.

Dagegen sollte man vorgehen - und dazu gehört der Kampf gegen die NPD, weil sie dem gewalttätigen Rechtsextremismus unterstützt: Durch die Integration in die Partei sowie durch ihre Propaganda und Hetze.

Nennen Sie drei Tatsachen, die jeder über den Streitpunkt NPD wissen sollte.

Erstens: Die NPD grenzt sich selbst aus, da sie die Ungleichwertigkeit von Menschen propagiert.

Zweitens: die NPD ist daher kein Gesprächspartner. Sie auszugrenzen, ist nicht undemokratisch.

Drittens: die NPD ist nicht die Ursache des Rechtsextremismus in Deutschland, sondern ein Symptom.

Bildmaterial: Homepage NPD