Der Nachhaltigkeits-Blogger

Kristina Bieda

FairTrade, Bio-Lebensmittel und Eco-Fashion liegen gerade voll im Trend. Auch der Begriff Nachhaltigkeit fällt immer öfter. Doch was bedeutet das eigentlich? Im Internet gibt es mittlerweile über 90 deutschsprachige Blogs, die sich mit dem Thema beschäftigen. Einer davon ist Sebastian Backhaus aus Freiburg. Im fudder-Interview erzählt er, worum es in seinem Blog geht und was es mit den Ökos von heute auf sich hat.

 

Was bedeutet der Begriff Nachhaltigkeit eigentlich?

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwissenschaft und ist schon ein paar Jahrhunderte alt. Ursprünglich bedeutete es, dass man dem Wald nur soviel Holz entnimmt, dass er auch wieder nachproduzieren kann.

Übertragen auf die heutige Zeit heißt das, dass man sich im Grunde genommen so verhält und wirtschaftet, dass kommende Generationen dadurch keinen Nachteil erleiden. Sprich, dass Produzenten für ihre Produkte faire Preise erhalten und die auch unter umweltverträglichen Bedingungen hergestellt werden. Der Begriff Nachhaltigkeit basiert grundsätzlich auf drei Säulen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Das Ziel ist die optimale Verbindung dieser drei Säulen.

Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit heutzutage?

Das Thema ist wichtiger denn je und ich wünsche mir, dass es mehr Menschen gibt, die ihre Augen öffnen und anfangen, etwas an ihrer Lebensweise verändern. Das nächste große Thema wird sicherlich die ökologische Krise werden und die entstandenen Schäden werden eben nicht durch Geld wieder zu reparieren sein. Wir leben dermaßen verschwenderisch, unökologisch und unsozial, dass spätestens unsere Kinder das verstärkt zu spüren bekommen.

Seit wann interessierst du dich persönlich für das Thema Nachhaltigkeit?

Ich bin mit dem Thema durch meine Diplomarbeit in Berührung gekommen. Die habe ich über die Vermarktung nachhaltiger Produkte in Deutschland geschrieben. Ich habe an einer Berufsakademie studiert und da verbringt man die Hälfte der Zeit in einem Unternehmen und bei mir war das ein Unternehmen, das nachhaltige Produkte in Deutschland vermarktet. Das ist jetzt fünf Jahre her und seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.



Wie bist du auf die Idee gekommen in einem Blog über das Thema Nachhaltigkeit zu schreiben?

Da gab es eigentlich verschiedene Gründe, die Anfang 2008 alle zusammen kamen. Zum einen kam ich dazu durch einen guten Freund von mir, Lucas von Gwinner, der auch bloggt. Ich fand die Interaktionsmöglichkeiten und den offenen Dialog im Netz ganz spannend.

Zusätzlich habe ich mich zunehmend in das Thema Nachhaltigkeit eingelesen - auch im Internet - und habe gesehen, dass es ein paar Blogs gibt, die das richtig gut machen. Als drittes kam dazu, dass immer wieder Freunde zu mir kamen und meinten: „Mensch, du hast mir neulich mal so einen interessanten Link geschickt, aber jetzt finde ich den nicht mehr. Wo war das nochmal?“ Ich hab die Sachen oft selbst nicht mehr gefunden und habe im Grunde genommen nach einem digitalen Wissensspeicher gesucht. Dann war der Blog relativ schnell ins Leben gerufen.

Was umfasst dein Blog eigentlich inhaltlich? Wie kommst du an die Infos ran?

Das ist schon sehr breit gefächert. Auf der Seite steht: Marketing, Medien und Nachhaltigkeit. Das umreißt es eigentlich ganz gut. Darunter fallen Unternehmensvorstellungen - dabei interessieren mich besonders Start-Ups der grünen Szene. Produkte, die mir gefallen, stelle ich auch gerne mal vor - gerade im jungen Fashion-Bereich. Dann interessieren mich generell die Möglichkeiten des Web 2.0, dabei speziell Aspekte der Nachhaltigkeit und wie man nachhaltige Themen im Netz besser verbreiten kann. Meine Informationen beziehe ich durch des Abonnement von RSS-Feeds, Google Alerts, von anderen Bloggern, aber auch durch Twitter und Facebook.



Wann dachtest du mal, das muss ich unbedingt in meinem Blog vorstellen?

Besonders gut gefallen haben mir Strawberry Earth oder auch Carrotmob. Carrotmob ist eine Bewegung aus San Francisco, die innerhalb kürzester Zeit versuchen mit möglichst vielen Menschen vor Ort was zu verändern.

Strawberry Earth ist ebenfalls eine Plattform im Internet und die hatte zum Beispiel ein Projekt, bei dem es darum ging, dass sich ausgewählte Bars oder Clubs dazu entscheiden einen Teil ihres Umsatzes in eine umweltverträglichere Gestaltung ihres Ladens zu investieren.  Derjenige Laden, der den größten Anteil des Umsatzes eines Abends investiert, erhält den Zuschlag und wird anschließend über die Plattform beworben. An einem Abend gibt es dann eine Riesenparty und der festgelegte Teil des Umsatzes fließt in die Renovierung. Das Ganze wird dann mit Videos und einem Blog begleitet. An diesem Beispiel sieht man, dass das Netz auch lokal funktionieren kann und man mit so etwas auch junge Zielgruppen erreichen kann. So was wäre doch auch mal eine Idee für Freiburg.

Wie gestaltest du als Privatperson deinen Konsum nachhaltiger? Was hast du für Tipps?

Da ist es wichtig zu erwähnen, dass das ein Prozess ist. Man kann von niemanden erwarten, dass er sofort in allen Bereichen nur das Richtige tut. Es ist teilweise schwierig sich zu informieren, auch wenn es immer mehr Communities gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Bei mir war das auch ein Prozess.

Der hat mit Lebensmitteln angefangen.Ich versuche möglichst viele Bio-Lebensmittel zu kaufen. Die kaufe ich nicht nur im kleinen Bio-Laden, sondern die gibt es mittlerweile auch im Rewe oder im Edeka. Die Discounter versuche ich dabei zu vermeiden, weil die in ihrer Preisstruktur einfach nicht in Ordnung sind. Dann habe ich zu Ökostrom gewechselt, statt konventionellem Strom, der aus Kohlekraft oder Atomenergie gewonnen wird.

Inzwischen versuche ich auch meine Kleidung auf fair gehandelte organic Baumwolle umzustellen. Da ist aber die Verfügbarkeit in Freiburg ziemlich schwierig. Da gibt es vielleicht zwei-drei Läden, wo man diese Textilien bekommt. Ansonsten habe ich mein Auto abgeschafft und bin auf CarSharing umgestiegen, nutze mein Fahrrad sooft es geht und auch die Deutsche Bahn. Es macht Spaß, es ist kein Minus an Mobilität, dafür ein Plus an Lebensqualität. Und vor kurzem bin ich mit meinen Konten zu einer Ökobank gewechselt.

Glaubst du, dass Discounter wie Aldi oder Lidl die Nachfrage nach Bio-Produkten auch ausnutzen?

Der Anteil des Umsatzes von Bio-Lebensmitteln im Discounter am Gesamtumsatz ist, glaube ich, noch relativ gering. Das liegt auch daran, dass die Einkäufer, die Bio-Lebensmittel kaufen wollen, nicht unbedingt zu Aldi oder Lidl gehen. Es ist verständlich, dass die auf den Zug aufspringen, denn die Nachfrage ist da. Das Thema Bio-Lebensmittel ist ein regelrechter Boom.

Vor gut deri Wochen war ich auf der BioFach-Messe in Nürnberg. Die ist wirklich aus allen Nähten geplatzt, da findet man mittlerweile auch fast jeden Hersteller, der bisher nur konventionelle Lebensmittel angeboten hat. Die Messe hat dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum gefeiert; die Gründer haben damals relativ trocken und idealistisch angefangen, in selbstgestrickten Pullis, aber sie sind immer noch dabei. Man kann sagen, dass die Nachfrage immer größer wird und das Angebot dadurch auch.



Wird sich das eher negative Klischee vom selbstgestrickten-Wollpulli-tragenden und Müslifressenden Öko wandeln?

Garantiert. Natürlich gibt es Menschen, die dieses Klischee noch erfüllen, aber auch die finde ich sehr wichtig. Die sind zwar in ihrer Überzeugung teilweise sehr radikal, trotzdem haben sie den Grundstein für vieles Weitere gelegt. Das, was wir jetzt erleben, mit den Informationen übers Internet und den neuen Unternehmen, die sich nachhaltig orientieren und strukturieren, ist einfach eine Weiterentwicklung - quasi die nächste Generation.

Und ich glaube, die eine kann nicht ohne die andere funktionieren, weil man auch viel von einander lernen kann. Idealerweise findet da auch ein Austausch statt - dass die „Alt-Ökos“ den „Neu-Ökos“ beratend zur Seite stehen. Ich finde, ich sehe nicht aus, wie ein klassischer „Öko“, würde aber behaupten, dass ich mich manchmal schon wie einer verhalte.

Entspricht vielleicht LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) dem Image des „Neu-Öko“?

LOHAS ist eine neue Zielgruppendefinition aus den USA und bezeichnet, wie der Name sagt, einen Lebensstil, der auf Gesundheit und Nachhaltigkeit beruht. Das ist ein schwieriges Thema und der Begriff ist auch nicht unumstritten. Irgendwie könnte ich mich auch als LOHAS bezeichnen, aber niemand identifiziert sich unbedingt gern mit einer Zielgruppe. Genauso wenig bezeichnet man sich selbst als „Konsum-Materialist“ oder „Discounter-Typ“. Die Identifikation mit dieser Bezeichnung ist schwierig. Es wurde ein Name für diese neue Bewegung gebraucht und der trifft es halt.



Zur Person

Sebastian Backhaus ist 29 Jahre alt und Diplom-Betriebswirt für Kommunikations- und Medienwirtschaft. In Freiburg hat er seit 1 ½ Jahren seine eigene Marketingberatung und berät dabei auch junge Unternehmer und Start-Ups, die ihr Geschäftskonzept nachhaltig ausrichten und kommunizieren wollen.

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