Der Müllschlucker: Ernährung durch Abfall

David Weigend

Luan ist 40 und ernährt sich ausschließlich von dem, was andere Menschen wegschmeißen. "Freegan" lautet für ihn der englische Fachbegriff. Nachdem er in der Bertoldstraße einige Tonnen durchstöbert hat, sprechen wir ein wenig über sein Leben.



Luan, es ist Mittag. Haben Sie heute schon etwas gegessen?

Nein, noch nicht. Ich habe es mir angewöhnt, erst nachmittags zu essen. Bisher war die Ausbeute in Freiburg sehr spärlich. Aber das macht nichts. Ich habe gestern in Müllheim [sic!] hinter einem Supermarkt Käse gefunden, den man dort weggeschmissen hat (er öffnet eine Fahrradtasche und holt eine Plastiktüte heraus, in der vier abgepackte Stücke Camembert zum Vorschein kommen).

Sie essen also ausschließlich das, was andere Menschen wegschmeißen?

Ja. In manchen Mülltonnen findet man Essen im Überfluss, in anderen überhaupt nichts Brauchbares. In den Mülltonnen der Supermärkte liegen oft Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Ich rieche dann daran und merke gleich, ob das noch gut ist. Am Obst erkennt man ja gut, ob es schon faulig ist. Aber die Hälfte der Lebensmittel, die weggeschmissen werden, sind noch genießbar.



Kommt es bei dieser Art der Ernährung nicht häufiger vor, dass man sich den Magen verdirbt?

Nein. Außerdem kann ich viele Krankheiten selbst heilen, denn ich habe medizinische Kenntnis. Bestimmte Gegenmittel, Kräuter etwa, findet man überall in der Natur.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie sehen, dass Sie in ihren Mülltonnen wühlen?

Sie interessieren sich nicht für mich. Sie ignorieren mich einfach. Manchmal kommt es vor, dass man mir etwas zum Essen anbietet. Aber meistens habe ich dann schon etwas und ich nehme das Angebot nicht an. Auch das, was Sie mir angeboten haben, möchte ich nicht. Wenn man mobil lebt, so wie ich, darf man nur das Allernötigste bei sich haben.

Was empfinden Sie, wenn Sie nach Speisen suchen?

Als ich jünger war, war ich oft verlegen, als ich die Mülltonnen durchsucht habe. Aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt, es macht mir nichts mehr aus.



Was essen Sie am liebsten?

Wenn ich kochen kann, suche ich Gemüse und Nudeln, das ist mein Leibgericht. Ich koche überm offenen Feuer, mit Holz. Ich habe keinen Herd wie die Campingleute.

Sie tragen einen Pullover der Marke Ralph Lauren. Haben Sie den auch im Müll gefunden?

Ja, in einer Tonne in Spanien. Er ist aus Baumwolle, aber schon gerissen, vielleicht sollte ich einen neuen suchen.

Spanien?

Ja, jedes Jahr fahre ich dorthin, zum Überwintern. Ende August werde ich wieder losfahren. Mit dem Fahrrad durch Frankreich. Auch unterwegs lebe ich vom Müll.



Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Gesundheit. Und, dass ich meine Ruhe habe. Manchmal kommen Leute zu mir in guter Absicht. Sie wollen mir helfen. Aber sie merken nicht, dass sie meine Ruhe stören. Ich bin zwar arm, habe aber keine Sorgen. Als ich noch jung gewesen bin, waren Geld und Reichtum für mich wichtige Themen. Jetzt nicht mehr.

Wollen Sie etwas über Ihre Vergangenheit erzählen?

Ich bin 1986 als Flüchtling aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Wie viele junge Leute hatte ich in meiner Heimat keine Chance auf ein gutes Leben. In Deutschland wollte ich eine Firma gründen, für Erfindungen. Aber es ist sehr teuer, Erfindungen beim Europäischen Patentamt in München anzumelden. 20.000 Mark waren das damals. Ich interessiere mich für verschiedene Bereiche: Maschinenbau, Medizin, Optik. Und Landwirtschaft: wie pflanzt man eine Pflanze ohne Dünger an, so dass sie mehr Ertrag erwirtschaftet?



Warum sind Sie gescheitert?

Ich hatte Probleme in den deutschen Schulen. Dann habe ich meine Wohnung in Hamburg verloren, weil ich sie nicht mehr bezahlen konnte. Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich jetzt obdachlos.

Wo haben Sie letzte Nacht geschlafen?

An der Dreisam.



Sie haben an Ihrem Fahrrad verschiedene Botschaften installiert. Können Sie eine davon erklären?

Ich kritisiere den Buddhismus. Dieser proklamiert eine passive Lebensweise. Man richtet dort seine Sinne nach innen, anstatt nach außen. Wenn man seine Sinnesorgane aber nicht benutzt, ist das Leben nicht mehr sinnvoll.

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