Der Marx-Lesekreis

Jonas Nonnenmann

13 bis 30 Menschen treffen sich jeden Dienstag im Raum 1131 der Freiburger Uni, um "Das Kapital" von Karl Marx zu lesen und darüber zu diskutieren. Eine Parteiversammlung radikaler Linker? Jonas hat sich ein Urteil gebildet.



Neun Uhr ist schon vorbei und an der Uni gehen langsam die Lichter aus. Alle Lichter? Während andere Stundenten längst vor dem Fernseher sitzen und Tee oder Bier trinken, diskutiert man in Raum 1131 munter über Marx. Der 12 Seelen starke Lesekreis wirkt auf den ersten Blick wie eine Bibelgruppe, und die dicken Bände, über die sich hier alle beugen, haben optische Ähnlichkeit mit der heiligen Schrift. Doch es ist Das Kapital von Karl Marx.


Heute geht es um einfache und entfaltete Wertformen, keine leichte Kost. Besonders nicht um diese Uhrzeit. Deshalb liegt bei allem Eifer auch viel Müdigkeit in der Luft. Veranstalter des Lesekreises ist die Hochschulgruppe „Die Linke.SDS.“

Unter dem Motto Marx neu entdecken haben sich an 31 Hochschulen in ganz Deutschland Lesekreise gebildet mit dem Ziel, in zwei Semestern den gesamten ersten Band des Kapitals zu bewältigen. Woche für Woche lesen die Teilnehmer drei bis dreißig Seiten, welche sie dann einmal pro Woche zusammen diskutieren.

Wie viele Studenten dieses Semester das Kapital lesen, weiß wohl keiner. Immerhin ist laut Julia Meier, 24, bereits der gesamte Bestand des Dietz-Verlags ausverkauft. „Manchmal funktioniert der Kapitalismus eben überhaupt nicht“, spottet die Mathematikstudentin. Der Verlag habe sich nicht rechtzeitig auf die hohe Nachfrage eingestellt, meint sie.



Zu Beginn der Sitzung wiederholt eine Teilnehmerin die Ergebnisse der letzten Woche. Es geht um Austauschverhältnisse und den Wert der Ware. Themen, über die normalerweise VWLer diskutieren. Doch Wirtschaftsstudenten sind keine dabei, heute zumindest nicht.

Allerdings zieht auch das Klischee nicht, dass nur Politikwisschaftler und Soziologen mitmachen: im Raum sitzen studierende und berufstätige Biologen, Mikrosystemtechniker und eine Mathematikerin, Julia. Außerdem ist der Lesekreis keine reine Parteiversammlung. Von den rund 30 Teilnehmern seien sechs bis sieben in der Jugendorganisation der Linken oder der Hochschulgruppe „Die Linke.SDS“ aktiv, sagt jemand.



Uneinigkeit herrscht wegen der Frage, wo die kapitalistische Gesellschaft ihre Wurzeln hat. Ein Teilnehmer hält einen minutenlangen Exkurs darüber, weshalb schon die Römer wegen ihrer Latifundienwirtschaft Kapitalisten gewesen seien. Die Diskussion schweift ab, und einige schauen genervt – Zeit für Nikolas Grimm, einzugreifen.

Nikolas, 20, studiert Politik, Spanisch und Geschichte. Er ist einer der Teamer,  die sich um die Organisation und den Verlauf der Sitzung kümmern. Außerdem kennt er die Tricks, wie man mit Marx fertig wird „Wenn man nix mehr versteht, kürzt man bis auf Subjekt, Verb und Objekt einfach alles raus.“ Denn: „Marx kann schon manchmal triviale Dinge verschwurbelt ausdrücken.“

Wieso sich die Studenten das Kapital selbst beibringen? Laut Nikolas wird Marx an der Uni kaum noch gelehrt. „Wenn er nicht mehr Teil der offiziellen Wissenschaft ist, dann bringen wir ihn uns eben selbst bei“, meint er.

Außerdem sei Marx immer noch hochaktuell: auch die Grundelemente der Finanzkrise könne man ganz gut mit dem Kapital erklären.
Nina, 26, und Dirk glauben auch, dass Marx in der Krise noch aktuelle Antworten geben kann. Nina meint, sie wollte das Kapital schon immer mal lesen, habe sich aber noch nie so recht getraut. Mit der ganzen Wirtschaftstheorie käme sie alleine nicht klar, sagt sie. In der Gruppe sei das schon einfacher.



Während der Veranstaltung sind die Teilnehmer gesprächig, aber danach herrscht Vorsicht. Einige wollen nicht zitiert werden oder auf den Fotos zu sehen sein und jemand meint, dass er wegen seinem Engagement bei der Linken nie einen Hiwi-Job bekommen könne.
Der Lesekreis, ein Sammelbecken radikaler Linker? Weltrevolutionäre trifft man jedenfalls keine und jeder Verfassungsschützer würde sich wohl schrecklich langweilen. Es sei denn, er hat ein Faible für Marx – oder sucht eine Alternative zur Bibelgruppe.

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