Der Mann mit der Querflöte

Helena Barop

Die Band Jethro Tull ist eine Legende: Frontmann Ian Anderson rockt die Querflöte, und das Publikum liebt ihn dafür. Im Zirkuszelt stand er gestern abend bei unglaublichen Temperaturen auf einem Bein und sang in seine Flöte.



Zirkuszelt, 50 °C. Ian Anderson, Frontmann der Band Jethro Tull, steht auf einem Bein und rührt mit seiner Querflöte in der Luft. Fast könnte es einem stellvertretend peinlich sein, wie ein alter Tanzbär eiert er über die Bühne.


Aber es ist eben Ian Anderson, der darf das. Alles andere würde sein Publikum enttäuschen.



Er spielt Querflöte wie ein Gott. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit rockt er das Zelt mit einem Instrument, das so ungeeignet dazu scheint. Mit rollenden Augen wendet er sich seinem Gitarristen zu, die beiden werfen sich gegenseitig ihre Soli entgegen. Als er irgendwann anfängt, beim Spielen zu singen, ist die Menge kaum noch zu halten. Der Mann in der bunten Weste und mit dem schwarzem Kopftuch hat die Leute mitgerissen.

Schon dass das Publikum bei den unmenschlichen Temperaturen nicht die Flucht ergreift, ist ein Liebesbeweis an den Künstler. Backstage hört man munkeln, Anderson selbst sei schon den ganzen Tag schlecht gelaunt, weil es so heiß ist im Zelt. Davon lässt er sich jedoch nichts anmerken, mit voller Energie ist er bei der Sache und liefert eine Bühnenshow, die das Publikum auf den Rängen von ihren Plätzen reißt.



Wer jedoch Jethro Tull nicht schon seit dreißig Jahren kennt und liebt, konnte bisweilen ein bisschen enttäuscht sein. Andersons Querflötenkünste sind unheimlich beeindruckend, wenn er aber zur kleinen Gitarre greift, wird es nach dem zweiten Stück langsam etwas langweilig.



Trotzdem: Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, die Überbleibsel von Jethro Tull live erlebt zu haben. Aber wahrscheinlich hätte es vor ein paar Jahren noch mehr Spaß gemacht.