Der letzte Zwiebelkuchen

Eva Hartmann

Die ersten Pfunde sind verbrannt. Eva nähert sich auf der Waage dem zweistelligen Bereich. Der Weg dorthin ist steinig. Für ihre launige Schonungslosigkeit haben wir unsere Gewichtshalbiererin jetzt schon ins Herz geschlossen.

Als ich an diesem Morgen die Augen öffne, ist das erste, was ich sehe, eine riesige, schwarze Krähe, die außen auf meiner Fensterbank sitzt und neugierig und herausfordernd zugleich zu mir hineinspäht. Während ich noch in schlaftrunkener Ungewissheit schwelge, ob ich gerade träume oder wache, klopft die Krähe mit ihrem schwarzen Schnabel zweimal gegen die Fensterscheibe, macht hüpfend eine halbe Drehung und entfliegt in den grauen Freitagmorgenhimmel. Ich mag Krähen sehr gern. Deswegen freue ich mich über dieses wundersame, morgendliche Ereignis und tappe lächelnd, nackt und verwundbar ins Bad, um eine Dusche zu nehmen.

Während ich den Wasserhahn aufdrehe, fällt mir ein, dass Krähen in der christlichen Mythologie als Überbringer unheilvoller Botschaften gelten. Eine Sekunde später platzt die Duschbrause mit der Wucht eines detonierenden Säugetiers vom Wasserschlauch und schlägt gegen meinen Kopf. Für ein paar Sekunden wird mir schwarz vor Augen, bevor mich eine stetig anschwellende und heftig pochende Beule auf der rechten Seite meines Hinterkopfs jäh daran erinnert, dass ich noch lebendig bin. Eine halbe Stunde später stampfe ich missmutig und im Nieselregen zum Fitnessstudio. Auf dem Weg dorthin kaufe ich an der Tankstelle ein Wassereis, das ich mir einige Minuten lang unter verstohlenen Blicken diverser Passanten gegen meine noch immer schmerzende Beule drücke, bevor ich es genüsslich verspeise. Vielleicht zum letzten Mal. Gleich habe ich einen Termin bei der Ernährungsberaterin des Fitnessstudios. Mir schwant Böses. Während der letzten Tage habe ich mir ausgemalt, was Simone mir wohl alles zu essen verbieten würde. Andererseits - gegenwärtig habe ich gerade mal 2,4 Kilo abgenommen. Die Gewichtsreduktion geht mir viel zu langsam vonstatten und ich setze dementsprechend große Hoffnungen in die bevorstehende Ernährungsumstellung. Schließlich sitze ich Simone gegenüber, mit schmerzendem Kopf und einem langsam immer schwächer werdenden Restgeschmack des Cola-Aromas im Mund.

Ich muss erzählen, was ich gewöhnlich so esse, um welche Uhrzeiten und in welchen Mengen, wie oft ich Süßigkeiten esse und was ich so trinke. Überraschenderweise ist Simone mit alledem recht zufrieden; lobt sogar meine gesunde Ernährung. „Nur an der Regelmäßigkeit“, sagt sie, „musst du ganz massiv arbeiten“. Was das heißt? Nun ja, ich muss lernen, zu frühstücken, meine Hauptmahlzeit mittags zu mir zu nehmen und abends nur noch „etwas Leichtes“ zu essen. Klingt einfach, ist für mich aber eine Herausforderung, denn gefrühstückt habe ich bislang nie. Schon beim Gedanken daran, morgens früh etwas zu essen, wird mir übel. Ab sofort muss das aber sein, und zwar ein Müsli mit Joghurt und mindestens zwei Sorten Obst. Mittags dann Eiweiß – also Fisch, Fleisch oder Tofu- mit ausreichend Ballaststoffen  - Gemüse -, aber bitte möglichst keine Kohlehydrate. Selbige – also Nudeln, Brot, Kartoffeln – soll ich nicht mehr als ein- bis zweimal pro Woche zu mir nehmen. Klingt machbar. Während ich da sitze und auf den Haken an dieser Geschichte warte, gibt Simone mir noch einige Tipps; redet von Leinsamen „für die Verdauung“ und Bananen gegen meine Wadenkrämpfe. Plötzlich ist das Gespräch beendet. Ohne Haken. Angenehm überrascht mache ich mich an mein Training, das ich heute aber vorzeitig abbrechen muss. Die Beule an meinem Kopf macht mich schwindelig, dazu bin ich erkältet. Nachdem ich zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit beinahe vom Crosstrainer stürze, gehe ich mich umziehen. Auf dem Rückweg decke ich mich im Supermarkt mit Obst, Gemüse, Müsli und Joghurt ein. Bevor ich mein neues Ernährungskonzept in die Tat umsetze, habe ich noch eine wichtige Verabredung: Zwiebelkuchen essen bei Muttern. Zwiebelkuchen ist eine meiner Leibspeisen, und in der schreckensvollen Erwartung, ich dürfte ihn vermutlich nie wieder essen, habe ich meine Mutter gebeten, einen vorläufig letzten für mich zu backen. Während wir essen, erzähle ich vom Fortschritt meines Projekts und meinem neuen Ernährungsplan. Meine Mutter wirkt nachdenklich. „Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass du nur noch die Hälfte bist“, sagt sie mit vorgeschobener Unterlippe. „Ich auch nicht“, erwidere ich, während ich mir eine weitere Gabelspitze Zwiebelkuchen in den Mund schiebe. Er schmeckt wunderbar und intensiver, als ich ihn in Erinnerung habe. Während ich Bissen um Bissen genieße, denke ich, dass das hier in der Tat eine Art Abschied ist. Nicht nur von Zwiebelkuchen. Eine Woche später habe ich mich schon ganz gut an meine neue Ernährung gewöhnt. Das morgendliche Müsli bleibt nach anfänglichen Schwierigkeiten drin und auch alle anderen Vorschriften erfülle ich zu meiner Zufriedenheit.

Die Intensität meines Sportprogramms hat unterdessen zugenommen. Zusätzlich zu meinem bisherigen Programm nehme ich nun noch an einem unspektakulär klingenden, aber irre anstrengenden „Wirbelsäulen&Relax“- Kurs teil. Hin und wieder versuche ich mich außerdem am so genannten Indoor-Cycling. Gegenwärtig halte ich dort nicht länger als eine halbe Stunde durch, aber ich habe mir vorgenommen, dranzubleiben und irgendwann mithalten zu können. Aus Angst vor Frustration habe ich aufgehört, jeden Tag auf die Waage zu steigen, so dass ich nicht weiß, was ich gerade wiege. Doch ich stelle trotzdem Fortschritte fest. Ich passe wieder einigermaßen in meine blaue Cordhose rein. Fast zwei Jahre lang habe ich sie entweder gar nicht erst über den Hintern bekommen oder bei weitem nicht zugekriegt. Jetzt passt sie. Eine Jeans, die ich letzten Winter aus Gründen der Eitelkeit zwei Nummern zu klein gekauft hatte, beginnt jetzt zu rutschen. Als ich sie letzten Winter trug, war sie so eng, dass man mir buchstäblich jeden Wunsch von den Lippen ablesen konnte. Meine Speckrollen quollen sehr deutlich über den Hosenbund heraus und wenn ich mich setzte, platze der Reißverschluss auf, so dass ich ihn mit einem Stück Kordel am Hosenknopf fixieren musste. So bin ich tatsächlich herumgelaufen. Nur, um mir vorzumachen, ich könnte Größe 48 tragen. Ich kann vermutlich gar nicht deutlich und oft genug beschreiben, wie satt ich es habe, in diesem schweren, unbeweglichen Körper zu leben.

Der Sommer, insbesondere, wenn er so heiß ist, wie der vergangene, ist für mich kaum auszuhalten. Eingepackt in meine reichlichen Fettpolster schwitze ich ein Kleidungsstück nach dem anderen durch und komme kaum über den Tag, ohne zwei- bis dreimal zu duschen. Zur Abkühlung ins Freibad oder an einen Baggersee zu gehen, kommt nicht in Frage – aufgrund von Speckrollen, Cellulitis und Schwangerschaftsstreifen. Obwohl ich Wasser eigentlich liebe und sehr gerne schwimme. Mit Freunden auf der Wiese kicken oder Volleyball spielen ist auch nicht mehr drin, ebenso wenig wie Radfahren und Joggen. Ich bin nach spätestens fünf Minuten außer Atem und außerdem sieht es scheiße aus. Man könnte meinen, das sollte mir zugunsten meiner Gesundheit gefälligst egal sein. Aber das ist es nicht. Natürlich ist mein Übergewicht - trotz des dem Selbstschutz dienenden Selbstbewusstseins - einer meiner wunden Punkte. Während ich draußen auf blöde Kommentare oder „Schieb-den-Wal-zurück-ins-Meer“- Gesänge entsprechend schlagfertig reagieren kann, heule ich mir deswegen manchmal die Augen aus dem Kopf, sobald ich alleine bin. Während der letzten Monate hat sich die Frustration über mein Übergewicht in Wut umgewandelt und ich schätze, das ist es, woraus mein momentaner Ehrgeiz geboren wurde. Innerhalb der schützenden Mauern des Fitnessstudios kann ich vom Sport kaum genug bekommen. Ich übertreibe es manchmal und werde dann von den Trainern gemahnt. Halte ich mich an deren Empfehlungen und mache etwas weniger, fühle ich mich unausgelastet und unzufrieden. Ich möchte hier bitte schön etwas erreichen, und zwar alles, was ich kriegen kann. Die rutschende Hose hat indes nicht gelogen. Ich habe fünf Kilo abgenommen und befinde mich nun mit 101,5 Kilo in greifbarer Nähe der magischen 100-Kilo-Grenze.