Der Lehramtsstudent: Das unbekannte Wesen

Philipp Aubreville

Mit Frühstück und Kneipentour Nummer zwei schleicht sich bei der Uni-Einführungswoche von fudder-Mitarbeiter Philip so etwas wie Routine ein. Doch sein Studiengang heißt Bachelor, und der ist straff strukturiert: Würde nichts Neues mehr passieren, würde man an diesem mittlerweile dritten Tag vermutlich gleich mit den Vorlesungen beginnen.

 



„Zu spät“ ist nicht nur ein Song der Ärzte, sondern auch mein Status, als ich gegen neun zum Bettelstudent fahre. Meine bereits vorhandene Ortskenntnis und die ersten Handynummern meiner Kommilitonen Schrägstrich Innen machen’s möglich, den von der Geschichts-Fachschaft für sieben angesetzten Start der Kneipentour zu versäumen.

Dies rächt sich in sofern, als dass ich die Kneipe bereits nach einem Bier verlassen muss. Schade, ich bin zwar bisher selten im „Bettelstudent“ gewesen, doch verbinde ihn durch und durch mit positiven Ereignissen – dem 0:3-Sieg des SC Freiburg in Karlsruhe zum Beispiel.

In der zweiten Kneipe, dem „Eimer“, sitzen bereits ein paar andere, mir bisher unbekannte Kommilitonen. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Botschafts-Mitarbeiter, denn die Raumaufteilung hat etwas von Korea: Ich stelle den fleischgewordenen Grenzzaun zwischen Bachelor- und Lehramtsstudenten dar. Außer zwischen mir und meinem demnächst lehrenden Gegenüber findet auch kaum Kommunikation zwischen diesen beiden Gruppen statt. Eher im Gegenteil: Nachdem ich zuvor mit einem Diebels Altbier meiner von eben dort stammenden Mitbewohnerin und Bachelor-Kommilitonin „auf Düsseldorf“ zugeprostet habe, verweigert mir meine Sitznachbarin „aus der Nähe von Köln“ zunächst das Anstoßen.

Als die Fachschaft mit Verweis auf das knappe Platzangebot der nächsten Station, dem EL:PI, zum Aufbruch bläst, verabschiede ich mich. Bei Klaus und Klaus mag der Eiermann klingeln, bei mir wird es der Wecker sein.

Am nächsten Morgen stehe ich um viertel nach Acht im Kollegiengebäude III und stelle fest, dass die Gruppenstärke der Politik-Nebenfächler für ein vollbesetztes Fußball-Match kaum ausreichen würde. Das Tisch-Klopfen, das Christoph Haas, der mit seiner Kollegin Beate Rosenzweig unser Politik-Fachreferat hält, gleich zu Beginn bekommt, erinnert dennoch an Lars Ulrich.



Unser künftigDozent hatte kurz zuvor versprochen, dass „das letzte Mal in diesem Studium ist, dass sie für eine Politikveranstaltung vor acht Uhr aufstehen müssen“. Bis auf die Morgenstund, die nicht zwangsläufig Gold im Mund haben muss, ist die Veranstaltung auch sonst ganz angenehm. Den Ausführungen, die zumindest im Nebenfach ein Studium das entspannter ist als angenommen versprechen, kann man ohne Probleme folgen.

Bevor die recht schnell über die Bühne gegangene Veranstaltung zu Ende geht, stellt sich die Politik-Fachschaft vor und wird sogleich in die Diskussion verwickelt, ob man „radikal“ sei. Während es für Frau Rosenzweig und Herr Haas „stark nach einer politischen Debatte“ aussieht, verweisen die Fachschafter auf ihre  basisdemokratischen Grundsätze und laden den Fragenden herzlich ein: „Wenn du meinst, die Fachschaft sei radikal, dann ist das nur ein Teil der Fachschaft. Wenn du zum Beispiel konservativ bist, komm vorbei, dann gibt es auch einen konservativen Teil der Fachschaft.“

Damit endet die für mich einzige Pflichtveranstaltung. Aber was wäre ein Mittwochmorgen ohne ein anständiges Frühstück? Diese Frage betrachtet auch einer meiner Kommilitonen als rhetorisch und so begeben wir uns in die Räumlichkeiten des u-asta.



Wir sind früh dran und können uns einen Sofa-Platz sichern, dessen Gemütlichkeit durch die im Hintergrund laufende „Esperanto“ von Freundeskreis den passenden Soundtrack bekommt. Zwischen Plakaten mit subversiver Anti-Werbung und einer Kinderweltkarte kommen wir mit der einen oder dem anderen Mitstudenten ins Gespräch; zwischendurch gibt uns ein Fachschafter Tipps für eventuelle Praktika.

Ein paar Diskussionen über die Realitätsferne politischer Theorie später brechen wir auf – und begegnen auf dem Heimweg einem älteren Herren, den unsere „Meinung zum Thema Studiengebühren interessiert“ – das kannte man zuletzt von infratest dimap. Nachdem wir unsere Ansichten dargelegt haben, wiederholt sich die Szene mit umgekehrter Besetzung.

Als ich bald darauf zu Hause ankomme, nutze ich die freie Zeit, mich intensiver mit der Prüfungsordnung zu beschäftigen. So ähnlich wie mir muss es dem jungen Alexander Hold gegangen sein.

Andererseits bin ich nun wenigstens einigermaßen vorbereitet, wenn es morgen daran geht, die Stundenpläne zusammenzustellen. Um dieser Präparation die Krone aufzusetzen, lass ich die Kneipentour heute Kneipentour sein und pflege ein wenig bereits existierende soziale Kontakte.