Der lange Marsch

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, womit der Japaner Shiso Kanaguri in die Geschichte seines Landes eingegangen ist? Der 1891 geborene Marathonläufer war 1912 einer der ersten beiden Olympiateilnehmer seines Landes. Nachdem er sich qualifiziert hatte, sammelten seine Freunde für ihn Geld, damit er sich auf die fast dreiwöchige Reise ans andere Ende der Welt nach Stockholm machen konnte.

Mit dem Schiff, der Transsibirischen Eisenbahn und einigen weiteren Anschlusszügen kam er ziemlich erschöpft in der schwedischen Hauptstadt an. Dann brauchte er erstmal ein paar Tage, um sich von seinen Reisestrapazen zu erholen und das Training wieder aufzunehmen.


Am Tag des olympischen Marathons selbst war es in Stockholm drückend heiß. Viele Läufer gaben erschöpft auf, einen Portugiesen streckte es gar vollends darnieder. Shiso Kanaguri jedoch hielt ziemlich tapfer durch, jedenfalls bis zu Kilometer 30. Eine nette schwedische Vorortfamilie lud ihn in ihren Garten ein, um ein wenig zu verschnaufen und eine Stärkung zu sich zu nehmen.

Das mit dem Verschnaufen übertrieb Kanaguri aber und legte sich ein bisschen aufs Ohr. Er schlief bis zum nächsten Morgen durch, als schon polizeilich nach ihm gesucht wurde. Ihm war diese Begebenheit so peinlich, dass er sich zunächst nicht traute, wieder nach Japan zurückzukehren.

1967 wollte der inzwischen 76-jährige Professor Kanaguri seine Ehre wieder herstellen. Er flog nach Stockholm und setzte den Marathon dort fort, wo er ihn vor über einem halben Jahrhundert abgebrochen hatte – und lief ihn zu Ende. Damit stellte er den Rekord des langsamsten Marathons aller Zeiten auf: 54 Jahre, 8 Monate, 6 Tage, 3 Stunden, 32 Minuten und 20 Sekunden.