Requisiten

Der Lahrer Florian Lemke sammelt Autos und verleiht sie an Filmemacher

Konstantin Görlich

Bei Autos, die in Filmen mitspielen, geht es um mehr Details als um das passende Baujahr. Florian Lemke aus Lahr ist Spezialist für Polizei- und Bundeswehrfahrzeuge – und ein Sammler.

In dem Gewerbegebiet, wo Florian Lemke ein großes Grundstück gemietet hat, sind viele Flächen mit alten Autos vollgestellt. Manche sind zugewachsen, die meisten sind aber Gebrauchtwagenhändler oder deren Lagerflächen. Nur die Fahrzeuge von Florian Lemke – um die 50 dürften es sein – sind anders. Sie sind selten, manche sind wertvoll, viele sind berühmt. Florian Lemke stattet Filmproduktionen mit dem passenden Fuhrpark aus. Selten zwar, dafür sitzt er viel zu weit im Südwesten und entfernt von den Medienhochburgen Köln und Berlin, aber sein skurriler Fuhrpark hat sich längst finanziert – denn die Produktionen sind auf Leute wie ihn angewiesen.


"Manche Autos stehen hier, weil ich sie einfach haben wollte", sagt er. Um die Jahrtausendwende begann er, mit alten VW-Bussen von der Bundeswehr und mit anderen Teilen zu handeln. Dann kamen Elektroschlepper dazu.

Erst hatte er die Autos, dann die Idee, denn Lemke hatte einen alten Bundeswehr-Reisebus, einen Mercedes O-303 von 1976, zum Verkauf ins Internet gestellt. Doch es meldeten sich keine Käufer, sondern Leute vom Film, die den Bus mieten wollten – verbunden mit der Frage, was er denn noch so habe an Bundeswehrfahrzeugen aus den 80ern. Lemke entgegnete nur: "Was braucht Ihr?" So kam es, dass "Neue Vahr Süd" sein erster Film wurde. Die Bundeswehrkomödie lief 2010 in der ARD und spielt in den 80ern. Lemke war mit 14 Bundeswehrautos dabei.

Originale Bundeswehrfahrzeuge aus dieser Zeit sind rar. Experten wie Lemke, die jedes Detail kennen, sind noch rarer. Es reicht nicht, dass das Modell zur fraglichen Zeit bei der Bundeswehr im Einsatz war, auch die Details müssen stimmen. Einen VW Iltis aus dem Film, den er noch auf dem Hof stehen hat, hatte die Bundeswehr später umlackiert, als sie ihre Tarnfarbe von einem Olivgrau zu einem matten Grün wechselte. Für den Film musste er wieder Oliv werden.

Für die Verfilmung des Flowtex-Skandals besorgte er Autos aus sämtlichen Nachkriegsjahrzehnten

Lemkes beeindruckendes Fachwissen macht sein Nischengeschäft so speziell. "Es fahren zu viele schlechte Autos in deutschen Filmen rum." Wenn am Filmset jemand bemerkt, dass die Farbe einer TÜV-Plakette nicht in das Jahr passt, in dem die Szene spielt, fällt ihm das auf. So geschah es bei der jüngsten Produktion, für die er gebucht war: die Verfilmung des Flowtex-Skandals, für die er Autos aus sämtlichen Nachkriegsjahrzehnten besorgte – von Polizeiwagen bis hin zu einem Rolls Royce.

Solche Schätze verstecken sich auf seinem weitläufigen Gelände direkt an der Rheintalbahn aber weder im Brombeergestrüpp noch in den Containern. Er leiht sie von Sammlern und Enthusiasten in der Region, mit denen er bestens vernetzt ist. Wenn etwas Räder hat und sehr selten ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Lemke es trotzdem besorgen kann.

Vernetzt mit den Sammlern der Region

Bahnreisende haben sich bestimmt schon mal über den quietschgrünen Polizei-Scorpio gewundert, der auf einem der Container steht. Der kleine Elektroschlepper daneben symbolisiert seinen anderen Geschäftszweig. Mehr als 20 solcher Vehikel hat er. Einerseits stammen sie aus verschiedenen Jahrzehnten und könnten Bahnsteigszenen aus den 60ern bis heute aufpeppen. Andererseits sind sie begehrte Mietfahrzeuge, beispielsweise für Messen. Sogar das alte Elektro-Postauto der Insel Juist, auf der keine Benzinautos fahren dürfen, hat er.

Ein Wartesaal für automobile Raritäten

Was wie ein Schrottplatz aussieht, ist eine Art Wartesaal für automobile Raritäten, die nur Fachleute als solche erkennen. Ganz hinten in der Ecke steht einer der letzten VW-Kastenwagen vom Typ T3, in dessen Seitenwände noch keine Fenster geschnitten wurden, um ein Wohnmobil zu improvisieren. Der Polizei-Kastenwagen daneben stammt aus Berlin-Kreuzberg und hat in den 80er-Jahren jede Menge Steine abbekommen. Auf der Seite steht "POLITUR" – mit einem "POLIZEI"-Schriftzug darf er nicht auf die Straße, erklärt Lemke.

Die Autos stehen draußen, und das schon viele Jahre lang. Die Patina, die sie dabei bekommen, würde Sammlern das Herz bluten lassen – bei Lemke ist es Teil des Geschäftsmodells. Eine Stuttgarter "Tatort"-Produktion brauchte einige VW-Busse, die abgewrackt aussehen. Lemke konnte liefern. Das Moos, das auf einem Bundeswehr-Transit wächst, würde wohl jeden Requisiteur zur Verzweiflung bringen, müsste er es imitieren.

Wächst ihm die Sammel-Leidenschaft über den Kopf wie die Brombeeren, wenn sie nicht zurückgeschnitten werden? Hinter einer Palette mit alten Getrieben steht ein Transportanhänger für Torpedos. Warum er den gekauft hat? Weil er den passenden Elektroschlepper mit Sattelkupplung dazu schon hatte, den es nur fünf Mal gab. Und warum hat er den gekauft? Tja, die Leidenschaft eines Sammlers. Aber er sagt auch: "Man kann nicht alles aufheben." Die Bundeswehr-Reisebusse aus "Neue Vahr Süd" sind längst in Rumänien. Nur einen hat er noch.

Sein Hobby – inzwischen arbeitet er hauptberuflich bei der Bahn – braucht Zeit. Als gelernter Maschinenbautechniker kann er zwar fast alles selber machen. Auf den Ausflug mit dem alten VW Käfer, der in Einzelteilen in einem Container liegt, wartet seine Frau seit über 24 Jahren trotzdem vergebens. Neues Ziel: Seine Tochter soll ihn fahren, wenn sie 18 ist. Aber auch bis dahin sind es noch einige Jahre.