Der Klub Kamikaze macht zu

Carolin Buchheim

Das Kamikaze macht zu. Der Club an Oberlinden schließt zum Dezember 2012 nach sechs Jahren. Der Grund: Clubbetreiber Markus 'Emmes' Gut und Jan Ehret konnten sich mit dem Verpächter des Clubs nicht über die Konditionen einer Vertragsverlängerung einigen. Die beiden haben neue Nachtleben-Pläne: Schon in sechs Wochen, am 18. Mai 2012, wollen sie einen neuen Club eröffnen.



"In der Nähe des Schwabentores liegt dieser attraktive Gewölbekeller, der seit den 70ern erfolgreich als Diskothek genutzt wird ("Le Caveau"). Die Gesamtnutzfläche beträgt ca. 180m² - die Übernahme ist ab Dezember 2012 möglich. Miete, 4.000 Euro, Nebenkosten 462 Euro."


So lautet die Anzeige im Freiburger Anzeigenmagazin Schnapp und auf der Website eines Freiburger Immobilienunternehmens. Dieser Gewölbekeller ist schon seit Dezember 2006 nicht mehr das 'Le Caveau' - sondern der Klub Kamikaze.

"Es stimmt, wir schließen das Kamikaze", sagt Jan Ehret. Verhandlungen über eine Verlängerung des Pachtvertrags waren nach seinen Angaben gescheitert, weil man sich weder über Dauer des Pachtverhaltnisses, noch über die Höhe der Pacht habe einigen können. "Wir hätten das Kamikaze gerne noch weitergeführt, aber unter den aktuellen Bedingungen wollten wir uns nicht mehr allzu lange an den Laden binden", sagt Markus Gut.

Denn das Kamikaze hat und hatte - so wie alle Innenstadtclubs - immer wieder Probleme mit  Nachbarn wegen des Lärms durch den Clubbetrieb. Die Situation des Kamikaze ist dabei eine besonders problematische: schon zwei Etagen über dem Club ist Wohnraum vorhanden. "Das Haus ist wahnsinnig alt, da pfeift es aus allen Löchern, der Club ist quasi nur ein Kartoffelkeller mit einem Notausgang", sagt Markus Gut und verweist auf die schlechte Schallisolierung. Zwar wurden in den Räumlichkeiten schon seit den 70er Jahren immer wieder Diskotheken betrieben, doch mit dem Kamikaze sei die Belastung der Nachbarschaft größer geworden.

Zum einen habe die Technik von Musikanlagen sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten massiv verbessert - Nachtbetrieb sei dementsprechend lauter geworden. "Immer wieder mussten wir uns anhören, dass die Anlage bei uns scheiße sei", sagt Markus Gut. "Das hat wahnsinnig genervt, denn wir haben über die Jahre sicherlich 30.000 Euro in diverse Set-ups investiert, wir haben wie wild rumprobiert, aber wegen der Nachbarn konnten wir letztendlich nie so laut sein, wie wir wollten."

Zum anderen sei zuvor in der Örtlichkeit einfach wenig los gewesen: "In den zehn Jahren vor uns gab es zehn unterschiedliche Betreiber", sagt Jan. "Da gab es keinen konstanten Betrieb, keine konstanten Gäste." Die aber hat das Kamikaze seit seiner Eröffnung. "Selbst wenn unter der Woche bei uns manchmal nicht so viel geht, und man den Laden eigentlich zulassen könnte - an den Wochenenden ist es bei uns fast immer so voll, dass wir einen Einlassstopp machen müssen", sagt Jan. Lärm entstehe beim Warten der Gäste, was sich zwar reduzieren, aber nicht ganz vermeiden lasse, da die Leute zum Rauchen oder Telefonieren vor die Tür gingen. "Das kann man ihnen ja auch nicht verbieten."

Auch für sie sei es unangenehm gewesen, den Club im Lichte des schwelenden Konflikts mit den Anwohnern zu betreiben. "Man fühlt sich natürlich schlecht, wenn man weiß, dass der eigene Betrieb die direkten Nachbarn so sehr stört und Menschen nicht schlafen können. Aber wenn man alles macht, was man machen kann, dann weiß man irgendwann auch nicht mehr weiter", sagt Markus.

"Dass es vor einer Diskothek lauter zugeht als vor einem Seniorenstift, ist klar. Das weiß man als Anwohner natürlich. Da muss und kann man sich mit arrangieren", sagt ein Nachbar, der gegenüber des Kamikaze wohnt. "Die Türsteher haben eine Zeit lang auch wirklich darauf geachtet, dass sich der Lärm vor dem Eingang in Grenzen hielt, indem sie die Leute freundlich dazu aufgefordert haben, ruhiger zu sein oder zu gehen, anstatt die ganze Nacht vor der Tür zu stehen. In den letzten Monaten habe ich das aber sehr vermisst. Nachtruhe kam da nicht mehr viel auf. Dennoch ist es schade, dass ein kleiner, authentischer Club dem Freiburger Nachteleben in Zukunft fehlen soll."
"Wenn das Kamikaze schließt, sehe ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt ein anderer Nachbar. "Lachend, weil die Nachtruhe doch extrem gestört war. Weinend, weil das Kamikaze zu einer guten Clubkultur in der Stadt beigetragen hat."

Am neuen Standort, "irgendwo in Freiburg", den Jan Ehret und Markus Gut bereits am 18. Mai 2012 eröffnen wollen, seien solche Probleme nicht zu erwarten. "Dort gibt es keine Nachbarn", sagt Jan. Mehr wollen die beiden allerdings erst in einigen Wochen verraten. Der neue Club sei deutlich größer, werde kein aufgewärmtes Kamikaze II. "Das wird auf jeden Fall noch einmal eine eigenständige Sache, eine Steigerung." Das Kamikaze sei auch aufgrund seiner Größe an der Auslastungsgrenze gewesen: für das Booking größerer Acts sei es zu klein; kleinere Acts im Programm hätten es zugleich oft schwer gehabt ihr Publikum zu finden. Ein neuer, größerer Club sei da ein konsequenter Schritt.

Jan Ehret und Markus Gut hatten das Kamikaze im Dezember 2006 mit dem Ziel "Alternativ, aber nicht abgesifft" und „Ein Schmelztiegel für die Szenen der Stadt" zu sein. Das Musik- und Partyprogramm des Kamikaze hat diese Intention stets reflektiert: von Indie und Rock über Reggae bis hin zu Elektro, Breakbeat und Drum'n'Bass. Das Zielpublikum: studentisch und Mitte 20. "Das haben wir bewusst die vergangenen sechs Jahre so gehalten", sagt Jan. "Man macht uns oft den Vorwurf, der Laden wäre so jung geworden. Den Eindruck dürften aber nur Leute haben, die das Kami aus den Anfangstagen kennen, und selbst älter geworden sind."

Eine Diskothek für ein Publikum zu machen, das zehn oder mehr Jahre jünger ist als man selbst, sei aber kein Problem, sagen die beiden Nachtmacher. "Wir haben immer mit Leuten kollaboriert, die noch nah genug an der Zielgruppe dran sind", sagt Jan. "Und wenn ein 19 Jahre alter DJ kommt, und eine Party machen will, dann helfen wir ihm eben dabei." sagt Markus.

Bis Dezember soll der Betrieb im Kamikaze wie gewohnt weitergehen. Mögliche Abschiedsevents sind noch nicht in Planung - schließlich ist es erst April, und zuvor wollen sie den neuen, noch namenlose Club neu eröffnen.

Das Immobilienunternehmen, das die weitere Verpachtung des Kamikaze betreut, wollte sich am Dienstag nicht zur Örtlichkeit äußern. Ein Mitarbeiter deutete jedoch an, dass es reges Interesse an der Immobilie gäbe. "Das wundert mich nicht", sagt Jan. "Mir haben schon einige Leute aus der Gastroszene gesagt, dass sie sich das Kamikaze mal angucken wollten." Einem möglichen Nachfolger wünschen sie vor allem eins: "Viel Glück."



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  [Bild 1: fudder-Archiv, Bild 2: Promo, Bild 3: Miriam Jaeneke]