Der kleine Unterschied

Philipp Aubreville

Drei Semesteranfänge hat fudder-Mitarbeiter und Erstsemesterstudent in Freiburg Philip schon mitbekommen – doch noch nie ist es ihm gelungen, in den Besitz einer "Ersti-Tüte" zu kommen. Als er dann plötzlich gleich zwei bekommt – eine davon die ‚weibliche’ Variante, drängt sich ein inhaltlicher Abgleich natürlich geradezu auf. Eine Ersti-Detailverliebtheit.



Vorgeschwärmt haben sie mir, meine älteren Freunde. Sätze wie „Wenn du bald mit dem Studium anfängst, dann gibt’s wieder die Ersti-Tüten, die sind super“ fielen, während ihre Augen funkelten. Und wenn ich zum Semesterbeginn von meiner Zivi-Stelle heimkam, wurde mir berichtet, dass es in der Mensa wieder einmal die tollbepackten Papiertaschen gab. Andere freuen sich auf die geistige Herausforderung, auf neue Leute oder auf das Studentenleben selbst. Ich sollte mich also auf die Ersti-Tüten freuen.


Eigentlich waren mir diese Ansammlungen von Werbegeschenken trotz derartiger Propaganda relativ egal. Als jedoch eines für mich freien Tages meine gesamte Mitstudierendenschaft mit den Tüten ausgestattet wurde, war ich ziemlich – ich will nicht sagen verärgert, aber doch – nah an der Gefühlswelt eines Homer Simpson, wenn er „D’Oh“ sagt.



Doch auch wenn mir nach dem Anblick der kommilitonischen Neuerwerbungen Wörter wie „overrated“ durch den Kopf schossen, kann ich nicht widerstehen, als sich vor der Mensa erneut die Tütenverteiler in Position bringen.

Im Eifer des Gefechts erwische ich zunächst eine Variante für die feminine Zielgruppe und werde freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass es „da hinten noch Männertüten“ gibt.

Männertüte. Das Wort ist ein absoluter Euphemismus – bis auf die exklusiv-männliche Zeitschrift „Uniking“ beinhaltet die Testosteron-Tüte nämlich nichts, was die Damen der Schöpfung nicht auch bekämen.



Und dieser schlecht getarnte Warenhauskatalog – Pardon! – das „Magazin für grosse Jungs“ nervt mit schlechten bis grenzwertigen Überschriften („Nur die Harten kommen in den Bike-Garten“; „Ski Geil“) und wirkt mit seinen Ratschlägen ein wenig wie Methadon für all diejenigen, denen der Abschied von Dr. Sommer so schwer fällt.

Ich möchte gerade einen berühmten Refrain der „Band ohne Namen“ anstimmen, als ich feststelle, dass auch das weibliche Pendant, die „Uniqueen“, nicht wirklich besser ist. Erfüllt von der Erkenntnis, dass ich mir irre, wenn ich glaube, „Gesellschaftstanz sei etwas für Spießer“ wende ich mich den weiteren Inhaltsstoffen der Damenhandtasche zu.

„Ohje, Klischee“ schreit reflexhaft eine Stimme, als ich eine Probepackung „Lenor“ finde. Schlimm genug, dass der „Uniking“ „Dusche, Küche, Bad“ als „männliche Problemzonen“ ausmacht – jetzt sollen auch noch die Frauen das Exklusivrecht (oder gar die Pflicht?) aufs Wäschewaschen haben. Nur eine Kochgarnitur hätte noch gefehlt.

„Wenn das Alice wüßte“ denke ich mir und frage mich, ob mein Deutschlehrer mir an dieser Stelle wegen Überinterpretation Punktabzug gegeben hätte.

Von manchen weiteren Dingen wie einer Intimwaschlotion will ich eigentlich gar nichts wissen – doch angesichts einer Gratis-Probe Body Butter frage ich mich, was eigentlich David Beckham zum Mißverhältnis von Hygieneprodukten zwischen Frauen- und Männertüten sagen würde.



Mir selbst ist diese strukturelle Metrophobie herzlich egal – ich wende mich den nützlicheren Dingen aus meinen beiden Tüten zu und gehe mit einem Biermischgetränk und Knabberfischen in den Händen der Frage nach: „Was reimt sich eigentlich auf shoppen?