"Der Karikaturenstreit ist kein Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam"

Adrian Hoffmann

Der Karikaturen-Streit nimmt kein Ende. Einerseits sei das Thema ziemlich aufgebauscht, findet Lotfi Tayari, 25-jähriger muslimischer Geschichts- und Ethnologiestudent aus Freiburg, andererseits habe die entfachte Diskussion auch positive Aspekte. Lotfi hat aus dänischen Medien erfahren, dass heute in Dänemark das Treffen einer Delegation der “Demokratischen Muslime” mit Ministerpräsident Rasmussen geplant ist. "So sehen Protest und Empörung in Gesellschaften aus, in denen das Prinzip der freien Meinungsäußerung verwirklicht ist", schreibt uns Lotfi in seinem Essay: Der Prophet Mohammed empfing einmal einen Gläubigen seiner Gemeinde, der ein Problem mit seinem Nachbarn hatte. Dieser war chronisch unfreundlich, beleidigte und beschimpfte den Schützling des Propheten regelmäßig.“Was soll ich tun?”, fragte der Ratsuchende - “Freundlich bleiben!”, erwiderte Mohammed. “Unaufhörlich! Und ihm Gutes tun!” Darauf blieb der Gläubige unverändert freundlich, der Nachbar aber war noch immer unfreundlich und behandelte seinen Nächsten schlecht. Der bedrängte Mann kam wieder und wieder zum Propheten, und er bekam immer dieselbe Antwort. Bis der Nachbar irgendwann begann, die freundlichen Gesten zu erwidern.Diese “Anekdote” wird in der moslemischen Welt erzählt. Ich habe die Geschichte von meinem Vater gehört. Die schriftlichen Quellen, die ihr zugrunde liegen mögen, spielen für das Anliegen meiner Ausführungen keine Rolle. Sie soll vielmehr zwei Dinge verdeutlichen: Die Präsenz des Propheten in der wie auch immer gearteten Erziehung eigentlich “aller” Muslime und weiter die vielfältigen Funktionen des Beispiels des Propheten.Warum sind nahezu alle 1,5 Milliarden Muslime auf dem Globus in irgendeiner Weise beleidigt, wenn man ihren Propheten beleidigend darstellt? Warum ist die “Kampagne” der Redaktion von “Jyllands-Posten” so destruktiv, warum verhindert sie konstruktive Kritik an Anhängern des Islam, die übrigens oftmals bitter nötig ist? Der größte Fehler, der momentan immer noch zu häufig von zu vielen gemacht wird, ist die Gegenüberstellung zweier angeblich befeindeter Blöcke, ein verhängnisvoller Fehler, weil er keine Lösungsvorschläge erkennen lässt.

Der Karikaturenstreit ist kein Konflikt zwischen “dem” Westen und “dem” Islam. Schon allein weil der Islam schon lange ein Teil des Westens ist und moderne westliche Ideen längst ein Teil mehr oder minder starker moderner Kreise in der islamischen Welt sind. Absicht einer freiheitlichen Gesellschaft sollte es nun sein, die Stigmatisierung religiöser und ethnischer Minderheiten zu verhindern und unterdrückte Verfechter einer freiheitlichen Gesellschaft in autoritären Staaten zu stärken ? so weit einleuchtend.Das Problem mit den Karikaturen ist aber nicht bloß, dass sie in einem herbei gezeichneten Kampf der Kulturen die geistige Rezeptur für die Molotowcocktails der Kulturkämpfer liefern ? für “West”-Hasser auf jener und Islam-Hasser auf dieser Seite -, sondern dass sie gleichzeitig den kompletten Islam, also nicht nur Anhänger von Selbstmordattentätern, sondern auch solche Muslime, die sich Geschichten vom friedlichen Mohammed erzählen, persönlich angreifen. Denn auch wer “westlich” denkender Muslim ist, hat in der Regel ein sehr persönliches Verhältnis zum Propheten. Diejenigen Muslime, für die Formen des politisch fragwürdigen Islam, der mordende Islam, in ihrem Leben keine Rolle spielt, bekommen statt ihres Propheten die Bilder der Karikaturisten und damit auch der Selbstmordattentäter aufgesetzt. Der Hass (und seine Vertreter auf allen Seiten) bekommt ein Monopol auf den Propheten.Diese Stigmatisierung aller, die an das Beispiel des Propheten glauben, ist umso problematischer als viele Muslime gerade die Religion, ja gerade den Propheten zur Kritik am politischen Islam zu Rate ziehen. So wird er zum Beispiel mit den Worten zitiert: “Die Tinte des Gelehrten ist heiliger als das Blut des Märtyrers!”Für viele steht der Prophet für eine bessere, nie verwirklichte Ethik, eben für einen gelebten Islam, der real nicht existiert, der aber umso erstrebenswerter ist, nicht als politisches Programm, sondern als Ideal für das eigene Leben.

Was für viele im Westen nicht begreifbar ist ? und so zu Missverständnissen führen konnte:Selbst für Muslime, die ihr Leben nach modernen Ideen ausrichten, die vielleicht mit Kant argumentieren, sich mehr für westliche Musik als für Religion interessieren, Alkohol und Schweinefleisch sowieso ganz gern haben, die also praktisch ohne Religion leben, für all jene ? nahezu ohne Ausnahme - ist Mohammed dennoch mehr oder minder theoretische Bezugsperson, vielleicht manchmal eine Art bessere Hälfte. Kurz: Es mag “gläubige Muslime” geben, “nicht gläubige Muslime” hingegen gibt es nicht.Daher verletzten die Karikaturen nahezu alle Muslime, kollektiv und “persönlich” ?mehr oder minder stark.Traurig sind aber nicht nur die Karikaturen, sondern auch die Bilder brennender Fahnen und Konsulate auf der Gegenseite. Die Bilder auf beiden Seiten zementieren das Nichtwissen um die Verhältnisse bei den “Anderen.”Wer im Westen weiß schon von den vielen Formen des Islam? Wer weiß, dass die Kulturder moslemischen Tuareg in vielen Bereichen weniger patriarchalisch ist als die Gesellschaft in Deutschland? Wer kennt die Namen wenigstens der “wichtigsten” Dissidenten und oppositionellen Gruppen in den moslemischen Ländern ? Menschen mit westlichen Ideen und moslemischen “Gefühlen”? Wer in der islamischen Welt weiß von der Vielzahl der unterschiedlichsten moslemischen Organisationen im Westen, deren Dialog untereinander, mit Kirchen und anderen Institutionen, dem Interesse und ? ja manchmal gar - dem Respekt vieler vor dem Islam?Nun kann man sicher von keinem westlichen Laien genaues theologisches oder ethnologisches Wissen über die islamische Welt verlangen.Doch wer es wirklich ernst meint mit der Meinungs- und Pressefreiheit, der sollte vielleicht weniger stur auf Karikaturen pochen, die pauschal Menschen unterschiedlichster politischer Couleur verletzen, und stattdessen vielmehr die demokratisch gesinnte Opposition in der islamischen Welt unterstützen.Es geht nicht um Islam, wenn in Jordanien ein Muslim eingesperrt wird, der öffentlich die Frage stellt, wer die schlimmere Gotteslästerung begeht, Christen, die den Propheten verunglimpfen, oder Muslime, die mit einem Sprengstoffgürtel sich und andere in die Luft jagen. Hier geht es um Pluralismus. Umgekehrt kann man sicher nicht erwarten, dass Muslime in aller Welt davon wissen, dass beispielsweise in akademischen Buchläden in der fernen schwedischen Universitätsstadt Göteborg ganze Regale mit arabischen Büchern ? immerhin nur eine Minderheitensprache - zu finden sind, ja zeitweise mit dem Koran im Schaufenster. Doch man kann erwarten, dass durch die Fenster von skandinavischen Ländervertretungen keine Brandsätze fliegen, niemand um Leib und Leben zu fürchten braucht. Man kann erwarten, dass gemäßigte bis entschiedene Kritik an verantwortlichen Europäern geübt wird, aber Pauschalverurteilungen unterbleiben. Man könnte erwarten, dass wenigstens so mancher ernsthaft an der Stimmung in Dänemark interessierte Muslim in der islamischen Welt sich Umfragen in Dänemark zu Gemüte zieht, die zeigen, dass immerhin 56 Prozent der Dänen Verständnis für die Empörung über die Karikaturen haben und nur 40 Prozent keines.Man könnte dies erwarten, wenn denn diese Muslime freien Zugang zu derlei Information hätten. Haben sie aber nicht. Stattdessen haben scharfmachende Kulturkämpfer mit der Falschmeldung über eine angebliche öffentliche Koranverbrennung in Kopenhagen im Vorfeld der Erstürmung der dänischen und der schwedischen Botschaften in Amman einen fehlgeleiteten Mob aufgehetzt (welch ein Verstoß gegen die islamische wie die journalistische Ethik).Doch warum in die Ferne, gehen wir doch zurück nach Skandinavien und nach Deutschland, wo wir freien Zugang zu Information haben. Und informieren wir uns.Kampf der Kulturen in Dänemark?Naser Khader ist Abgeordneter der sozialliberalen Radikale Venstre im dänischen Parlament, Muslim und Repräsentant Dänemarks (von wegen Dänemark versus Islam). Auch in Dänemark gibt es einen islamischen Pluralismus. Das Spektrum ist weit: Der Imam Abu Laban, Vorsitzender von Det Islamiske Trossamfund, dem mehrmals ein Anheizen von Ressentiments gegen Dänemark in der islamischen Welt vorgeworfen wurde, verurteilte inzwischen die Ausschreitungen gegen Dänen.Hadi Khan von dem Verband Kritiske Muslimer hätte die zwölf Zeichnungen zwar am liebsten ebenfalls verhindert, möchte sich durch das aggressive Verhalten von Abu Labans Organisation aber nicht repräsentiert wissen. Und kaum hat genannter Naser Khader zusammen mit anderen als Reaktion auf den aktuellen Tumult eine weitere Organisation gegründet, die sich “Demokratiske Muslimer” nennt, nennen sich bald 1000 muslimische Dänen Mitglieder, die Zahl der nichtmuslimischen Unterstützer ist noch größer, wie die dänische Tageszeitung Berlingske berichtet.Für den heutigen Montag ist ein Treffen einer Delegation der “Demokratischen Muslime” zu Gesprächen mit Ministerpräsident Rasmussen geplant ? übrigens bestehend aus sechs Frauen und sechs Männern. Der muslimische Rat Schwedens hat unlängst zu einem gemeinsamen Treffen von Repräsentanten der skandinavischen Regierungen und islamischen Organisationen in Skandinavien aufgerufen.So sehen Protest und Empörung in Gesellschaften aus, in denen das Prinzip der freien Meinungsäußerung verwirklicht ist. Sie äußern sich in kritischer Auseinandersetzung und im Dialog, nicht in Gewalt. Und hierin besteht der wesentliche Unterschied zwischen den autoritären Regimen und der islamischen Welt und den freiheitlichen Gesellschaften in Europa. “Der” Islam ist aber längst ein Teil dieser freiheitlichen europäischen Gesellschaften, hier gibt es einen islamischen Pluralismus, den es in den islamischen Ländern in der Regel so nicht gibt. Deshalb gibt es hierzulande keine brennenden Gebäude, sondern friedlichen Protest.Angesichts der Demonstrationen in europäischen Metropolen am vergangenen Wochenende, die außer von Muslimen von weiteren Verbänden, Kirchen, ja in London gar vom Bürgermeister mitorganisiert worden sind, wäre es absurd hier einen Kulturkampf zwischen Islam und westlichen Werten zu erblicken. Was wir erleben, ist vielmehr Ausdruck eines gemeinsamen Verteidigungskampfes dieser offenen Gesellschaften gegen die unverbesserlichen Kulturkämpfer auf allen Seiten. Es ist, als hätten sich die “Pluralisten” zusammengeschlossen, um die von den Brandstiftern gelegten Feuer zu löschen. In der momentanen demokratischen Auseinandersetzung äußert sich so, was im Alltag schon längst für viele selbstverständlich ist: Als westlicher Muslim kann man viele Identitäten haben. Man kann deutscher Grüner sein oder dänischer Liberaler, sich zunächst einmal situationsabhängig zur Fangemeinde des Freiburger SC zugehörig fühlen, als Student in einer Diskussion das Beispiel vom Propheten als friedlichen Ratgeber einbringen und sich mit Nichtmuslimen auf Kants Kategorischen Imperativ verständigen, sein Gesellschaftsbild auf Adorno beziehen?Man kann sich an der intellektuellen Kultur seines westlichen Heimatlandes beteiligen und ganz nebenbei auch noch Muslim sein. Mohammed ist hier nur eine prägende Kategorie unter vielen. Auf diese Weise ist für mich als Freiburger Student ganz persönlich in meinem Alltag keinerlei Kulturkampf präsent. Schließlich bewege ich mich im Kreise “aufgeklärter deutscher Studenten”. Ich werde mit dem Kulturkampfphänomen eigentlich nur in Zeitungen, im Internet und dem Radio konfrontiert, übrigens weniger durchs Fernsehen, da ich ? auch so ein typisches Merkmal einiger kleinerer studentischer “Kulturkreise” ?überhaupt kein Fernseher habe.

Ja, aber wo ist dann das Problem? In den Medien und in der islamischen Welt? Also weit weg und nicht in Freiburg? Also Freiburg liegt im Ländle, und leider regieren hier Kulturkämpfer unabhängig von intellektueller Kultur und damit unbeeindruckt zum Beispiel von soziologischen Studien, die zeigen, dass ein Großteil der hiesigen Muslime, vor allem in der zweiten und dritten Generation für ihr Leben eigene Islambilder alternativ zu den landläufigen in den Herkunftsländern ihrer Vorfahren entwickelt haben. Sicher, die Karikaturen waren verletzend, Empörung ist angebracht, doch sie waren nur symptomatisch und es sollte wichtigere Probleme für Muslime in diesen Tagen geben: die unterdrückte freie Meinungsäußerung in den muslimischen Ländern.