Der Kannibale von Rohtenburg

Fabian

9. März 2001: Der frühere Zeitsoldat Armin Meiwes zerstückelt den Berliner Ingenieur Bernd Brandes. Dann verspeist er ihn. Meiwes wird als "Kannibale von Rohtenburg" in die Kriminalgeschichte eingehen. Fünf Jahre später soll ein Horrorfilm mit dem Titel Rohtenburg in die Kinos kommen. Doch daraus wird nichts. Das Frankfurter Oberlandesgericht verbietet die Aufführung. Der Trailer geistert trotzdem im Internet herum. Wir haben wir ihn gesucht - und gefunden...



Vielleicht ist dieser Trailer das einzige, was die Zuschauer von dem Streifen jemals zu sehen bekommt. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Denn wer will sich so etwas Ekliges eigentlich anschauen? Allein schon der Trailer lässt erahnen, welche Kotzreize entstehen könnten, wenn man sich das 88 Minuten zu Gemüte führt.


Der Film, der die amerikanische Produktionsfirma Atlantic Streamline schätzungsweise fünf Millionen Dollar gekostet hat, sollte eigentlich am 9. März (dem fünften Jahrestag des Verbrechens) in Deutschland anlaufen. Doch das Oberlandesgericht Frankfurt gab einer einstweiligen Verfügung Meiwes statt und stoppte den Kinostart. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass die Persönlichkeitsrechte des Klägers höher einzuschätzen seien als eine künstlerische Aufarbeitung des Themas, vor allem weil die Übereinstimmungen zwischen dem Film und der Realität augenscheinlich wären. Jedoch wird gestritten, ob Meiwes als eine "Person der Zeitgeschichte" den Film zu dulden habe.

Die Produktionsfirma vertritt die Auffassung, dass der Film zwar an der realen Tat angelehnt sei, jedoch eine eigene Story erzähle. Meiwes dagegen glaubt, er habe 88 Übereinstimmungen zwischen Film und Wirklichkeit gefunden - vom Heimatort bis zu Details aus seiner Kindheit.

Die Story:

“Rohtenburg" (Regie: Martin Weisz) handelt von der jungen Kriminalpsychologie-Studentin Katie Armstrong (Keri Russell), die für ihre Abschlussarbeit auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Mordfall ist. Sie findet Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann), der sich über das Internet mit seinem Opfer Simon Grobeck (Thomas Huber) verabredet und ihn tötet. Sie fährt in Hartwin Heimatort und recherchiert so lange, bis sie das Video findet, auf der der kannibalische Tötungsakt in allen Einzelheiten zu sehen ist.

Die wirkliche Geschichte:

"Rohtenburg" schlug so hohen Wellen, wie selten ein Film vorher. Dabei hat ihn, außer ein paar Auserwählten, noch niemand gesehen. Der Grund für das große Interesse: Die Unfassbarkeit der Tat und vor allem die Art und Weise: (Zartbesaitete sollten die folgenden beiden Absätze überspringen). Der Computerspezialist Armin Meiwes sucht ein Opfer, das er zerstückeln und verspeisen kann ? und zwar unter der Bedingen, dass das Opfer freiwillig einwilligt.

Der Berliner Bernd Brandes, ein 43 jähriger Diplomingenieur, verabredet sich via Internet mit Meiwes.

Bei ihm zuhause ist schon alles vorbereitet: Die Rollladen sind unten, Fenster und Wände schalldicht isoliert, und der Grill steht auch schon bereit. Dann nimmt das Grauen seinen Lauf: Mit dem Einverständnis Brandes’ schneidet Meiwes ihm das vordere Stück seines Penis ab, um es anschließend gemeinsam zu verspeisen. Stunden später folgte der Mord: Bevor Meiwes sein Opfer schlachtet, sticht er ihm mit einem langen scharfen Küchenmesser zwei Mal in den Hals. Meiwes sagt, dies habe nur der schnelleren Ausblutung des Opfers gedient. Alles wird von einer Videokamera aufgenommen. Auf Wunsch Brandes werden seine Knochen zermahlen und vernichtet.

Am nächsten Morgen empfand Meiweis, nach eigenen Worten "Hass, Wut und Glück". Besonders das Ausweiden habe ihn angesprochen. Meiwes sah sich das Videotape Tage später an, um sich sexuell zu befriedigen. Das Menschenfleisch drehte er durch den Fleischwolf, packte es in seine Tiefkühltruhe und aß in den darauffolgenden Monaten etwa 20 Kilogramm davon. Auf den Hinweis eines Innsbrucker Studenten verhaftete die Polizei den Kannibalen am 10. Dezember 2002.

Wegen Totschlags wird Meiwes zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Doch das Urteil wird am 22. Mai 2005 aufgehoben. "Die Verurteilung nur wegen Totschlages und nicht wegen Mordes hält rechtlicher Überprüfung nicht stand", urteilt der Bundesgerichtshof. Seit 12. Januar 2006 wird der Fall am Frankfurter Landgericht erneut verhandelt. Für den heutigen Dienstag ist ein Gutachten eines Sexualwissenschaftlers vorgesehen, am 24. April soll ein Psychologe die Persönlichkeit und Schuldfähigkeit des Angeklagten begutachten. Das Urteil wird voraussichtlich am 9. Mai gefällt.

  • Kannibale von Rohtenburg: Trailer
  • Kunst vs. Persönlichkeitsrecht: Darf man Rohtenburg verbieten?
    (Essay Telepolis)