Der Kampf mit dem Pflug

Eva Hartmann

fudder-Gewichtshalbiererin Eva lässt sich nicht unterkriegen: Weder von Sportgeschäftfachverkäuferinnen, die meinen, dass sie bei ihrer Größe keine Radlerhose bräuchte, noch von der Yoga-Position 'Pflug' im Wirbelsäulenkurs, und erst Recht nicht von den Klamotten in Größe 36 bis 42, die in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks auf sie warten. Und während sie sich diese Sachen anguckt, fragt sich Eva: 'War ich wirklich mal so schlank?'



"Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"
"Ich suche eine Radlerhose."
"In ihrer Größe?"
"Selbstverständlich, in wessen Größe denn sonst?"

"In ihrer Größe haben wir so etwas nicht, Sportartikel sind ja schließlich für Menschen gedacht, die Sport treiben. Und Menschen die Sport treiben, haben sicherlich nicht einen solchen Umfang."

Ich bemühe mich, den überheblichen Blick der Verkäuferin möglichst arrogant zu erwidern und verlasse das Sportgeschäft umgehend.
Eigentlich hätte ich mir gerne noch eine schnippische Bemerkung über den hervorquellenden Hüftspeck der Verkäuferin erlaubt, was aber nicht gegangen wäre, ohne dass selbige die aufsteigenden Tränen in meinen Augen bemerkt hätte. Diese Blöße gebe ich mir nicht!

Wütend und mit einem schmerzhaften Stechen in der Brust stampfe ich nach draußen. Interessante Logik , denke ich, – wo doch gerade Menschen mit meinem Umfang auf Sportkleidung in ihrer Größe angewiesen sind, um überhaupt mal mit dem Abnehmen anfangen zu können. Wenn das mal keine Diskriminierung ist! Ich finde, man könnte die Menschenrechtscharta ruhig auch auf Sportkleidung ausweiten.

Ich will hier nicht allzu sehr auf die Mitleidsschiene geraten, aber leider sind derartige Erlebnisse nicht gerade eine Seltenheit: Mitleidsvolle bis verächtliche Blicke ernte ich nicht nur in Sportgeschäften, sondern auch im Supermarkt, wenn ich mich erdreiste, mir eine Packung Kekse oder eine Tafel Schokolade zu kaufen, und es war auch nicht gerade einfach, mein Aussehen während meines Schulpraxissemesters vor meinen Schülern zu verteidigen.
Am Anfang war da eine Hürde zu nehmen, die ich nicht zu bewältigen gehabt hätte, wenn ich schlanker gewesen wäre. Letztendlich hat das aber ganz gut geklappt: Ich habe mit den Schülern gemeinsam darüber gelacht, wenn erst ein Tisch verrückt werden musste, bevor ich meinen Hintern in die nächste Reihe schieben konnte.


Es ist auch nicht witzig, auf Bahnreisen beschimpft zu werden, weshalb man denn nicht zwei Plätze reserviert hätte, wenn einer für den Hintern nicht ausreicht.

So etwas passiert nicht jeden Tag, aber auch, wenn in solchen Situationen die Frage, wer denn hier eigentliche das größere Problem mit meinem Übergewicht hat, ich oder mein Gegenüber, eine Tatsache ist nun Mal: Steter Tropfen höhlt den Stein – es passiert oft genug, um mich verletzbar zu machen.

Vorerst muss ich mich also damit abfinden, dass es derzeit keine Radlerhose für mich gibt. Bis ich soweit abgenommen habe, dass ich in irgendeins dieser offensichtlich nach selektiven Maßstäben produzierten Dinger hineinpasse, muss ich mich eben anders fürs Spinning fit machen.

Mit dem Berglauf bei 170 Puls habe ich ja vorerst auch genug zu tun, denn selbiger ist tatsächlich eine ziemliche Herausforderung für mich. Bislang halte ich es eine knappe halbe Stunde durch, bevor ich das Pochen meines Herzschlages bis in die Nasenspitze spüren kann und Blitze durch mein Sichtfeld zu zucken beginnen. Wenn es soweit ist, setze ich das Tempo und Neigung des Laufbandes schrittweise zurück, und wenn ich vom Laufband runtersteige, kann ich immer für einige Minuten den Boden unter meinen Füßen nicht spüren. Ich laufe, und habe das Gefühl, zu schweben. Bis ich das eine volle Stunde durchhalte, werde ich noch einige Zeit üben müssen.

Dass es etwas gibt, was ich noch nicht kann, motiviert mich, und zwar nicht nur in Bezug auf das Laufband. Scheitern ist generell doof.

Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich an etwas scheitere, das ich eigentlich gerne beherrschen würde. Aber ich stecke mir Ziele und habe Ehrgeiz entwickelt: Ich versuche den Berglauf bei jedem Training fünf Minuten länger durchzuhalten und versuche, im Wirbelsäulenkurs bei sämtlichen Übungen bis an die Grenze meiner Kraft und meines Schmerzempfindens zu gehen.
Vor allem will ich endlich diesen blöden Pflug schaffen!

Wieder einmal wandelt sich Wut, diesmal über die blöde Verkäuferin, in Ehrgeiz, und unglaublicherweise gelingt er mir gleich am Tag nach dem Radlerhosen-Desaster. Ich brauche mehrere Anläufe und quieke jedes Mal, wenn meine Beine wieder zurückschnellen, wie ein stocksaures Meerschweinchen, doch dann klappt es tatsächlich: Ich überwinde das Gewicht meines Hinterns, schaffe es, meine Füße hinter meinem Kopf zu halten und sie schließlich, wenn auch nur für ein, zwei kurze Momente, auf dem Boden aufzusetzen. Strike!

Erst der Pflug, dann das Laufband und irgendwann die Weltherrschaft!


Meine Waage zeigt unterdessen 98,8 Kilo an. Bis Weihnachten will ich unter 95 Kilo kommen. Um mich im Falle einer erneuten Stagnation nicht wieder so runterziehen zu lassen, wie beim letzten Mal, habe ich mir eine ganz zahlenfreie Einheit zur Messung meines Gewichtsverlustes einfallen lassen: Den Wieder - In- Alte - Klamotten - Reinpass - Faktor.

Ich besitze, wie das bei Frauen so üblich ist, einen ganzen Kleiderschrank voll mit Nichts-Zum-Anziehen. Darin befinden sich, neben etlichen zeltartigen Gewändern, die ich zuletzt getragen habe, in den allerhintersten Ecken auch noch niedliche kleine Pullis, Shirts und Jäckchen in den Größen 36 bis 42.

Zwischen meinem 17. und meinem 21. Lebensjahr habe ich da tatsächlich mal reingepasst. Zum Vergleich: Die größte Hose, die ich mir vor etwa einem Jahr kaufen musste, war Größe 52.

Unter den alten Sachen befinden sich ein paar Meilensteine: Mein Abishirt, Größe 42, das mir damals etwas zu eng war. Eine schwarze Lederjacke, Größe 40, bei der ich mir kaum vorstellen kann, dass ich mal so schlank war, dass ich unter diesem winzig wirkenden Kleidungsstück noch einen dicken Pulli tragen konnte. Ein lammfellartiger Kuschelpulli, Größe 38, in den ich irgendwann mal wieder reinpassen will. Und da ist auch ein Paar Jeans, das ich mir mit 17 mal in Basel gekauft habe, deren Hüftumfang nur unwesentlich größer ist, als der derzeitige Umfang eines meiner Oberschenkel.

War ich wirklich mal so schlank?
Ich erinnere mich noch, wie fett ich mich damals immer fand und wie unglücklich ich war, weil die Baggy-Pants, die ich damals trug, an meiner dünnen, langbeinigen Freundin immer so unglaublich viel besser aussahen, als an mir.
Rückblickend, vor allem, wenn ich mein heutiges Aussehen mit Fotos von damals vergleiche, muss ich schon zugeben, dass ich ziemlich heiß aussah, während ich fleißig damit beschäftigt war, mir Komplexe einzureden.

Aus genau diesen Zeiten, in denen ich noch rosa, grün und hellblau getragen habe, lagern noch Shirts in meinem Schrank. Da ist ein Emily-Strange-Shirt, das ich mir vor vier Jahren, als man derlei Kram noch nicht selbst in Freiburg an jeder Ecke bekam, aus England habe mitbringen lassen, und ein weißes Esprit-Shirt in Größe 38, dass mir jetzt bis knapp oberhalb des Bauchnabels reicht. Wenn ich das jetzt anhabe und meinen Bauch aufblähe, gehe ich als 1a-Brauchfrei-Schwangere durch.

Bis ich ausreichend abgenommen habe, um darin wieder gut auszusehen, wird noch viel Wasser die Dreisam hinunterfließen.

Ich packe alles wieder zusammen und krame ein paar Pullover hervor, die mir letzten Winter katastrophal zu eng waren. Einen davon, einen schwarzen mit weißen, geschlängelten Linien habe ich damals gekauft, obwohl er mir zu eng war. In meiner Größe gab es ihn damals nicht, aber haben wollte ich ihn trotzdem.
Schon während ich ihn überziehe, erinnere ich mich, dass es letztes Jahr wesentlich schwieriger war, meine Arme durch die damals zu engen Ärmel zu bugsieren. Vor dem Spiegel stelle ich erstaunt fest, dass mir der Pullover jetzt passt. Schon wieder ein Erfolgserlebnis!

Als nächstes Etappenziel nehme ich mir einen weißen Pullover vor, der mir zuletzt vor drei Jahren passte.
Vermutlich ist das der Trick mit der Motivation: Ich muss mein Gesamtziel in mehrere kleine Etappenziele aufteilen und mich darauf konzentrieren, das jeweils nächste zu erreichen. Ich darf mir nicht dauernd vor Augen führen, wie viel Arbeit das insgesamt bedeutet. Außerdem darf ich mich wohl, so bitter, wie es auch ist, nicht daran messen, wie ich vor einigen Jahren mal ausgesehen habe.

Und vor allem sollte ich mich nicht von den zickigen Bemerkungen irgendwelcher Verkäuferschnepfen runterziehen lassen.