Der junge Mann und das Boot

David Weigend

Philipp Schwitalla, quasi der Gegenentwurf eines Second Life-Fans, arbeitet gerade an seinem Meisterstück, einem knapp vier Meter langen Plankenboot. Wir haben den 29-Jährigen in der Bildhauerhalle im Stühlinger besucht und wollten wissen, wie und warum er Bootsbaumeister werden will.



Philipp hat Zeit. Das ist etwas sehr Angenehmes. Trifft man ihn am Einkaufsmarkt, in der Stadt, auf dem Fahrrad, nie sagt er, er müsse hier oder dort hin, er müsse den Meierhuber anrufen oder sich irgendetwas downloaden; er muss eigentlich nie etwas, und "schnell noch" erst recht nicht. Stattdessen steht er da und spricht mit lauter Stimme.


Er nennt einen beim Vornamen, erkundigt sich, schaut in die Ferne, reibt sich die Hände, die mit Holz vertraut sind. Man könnte meinen, dieser Philipp Schwitalla aus der Wiehre ist keiner des Jahrgangs 1977, sondern einer aus einer anderen Zeit. Die Baskenmütze, die grüne Joppe, die Erzählungen von der Wanderschaft, von der Ölmühle in Griechenland, all das ist nicht ganz deckungsgleich mit der Generation Multitasking.



 Philipps Liebe zum Bootsbau ist Schicksal, sagt er. Sie beginnt in Niendorf an der Ostsee, im August 1998. Dort macht Philipp Zivildienst, als Hausmeister, was ihm wenig Spaß macht. Er interessiert sich mehr für die Bootsbauerei im Ort und beginnt da nebenher ein Praktikum. Ulrich Schütte, der Meister, nimmt Philipp am ersten Tag beiseite: "Hast du Lust, mitzukommen und die Segel trockenzusegeln?"

Wenig später segeln Philipp und Schütte, an der Kaimauer entlang, hinein in die Lübecker Bucht. Es weht ein leichter, ablandiger Wind. Die beiden sitzen in einem neun Meter langen Drachen. Philipp darf an die Pinne. In diesem Moment wird ihm klar, dass er einmal Bootsbauer werden wird.  "Da war ein Gefühl, ein sehr starkes", sagt Philipp.



Weil er immer nur in der Werft war und seinen Hausmeisterjob vernachlässigte, wurde Philipp zwangsversetzt, in die Spülküche des Kreiskrankenhauses Bad Segeberg. Etwas schlimmeres hätte man ihm, den Freiheitsliebenden, nicht antun können. Schließlich kehrte er zurück zum Meister Schütte, der ihn in die Lehre nahm.

Eine Zeit der Entbehrung.  "Dreckig bin ich nach Hause gekommen, einsam und müde bin ich ins Bett gegangen. Das ging lange so. Ich musste auch Demut zeigen. Vor allem nach dem ersten Jahr. Ich dachte, ich könnte schon alles. Und dann merkt man, dass man doch noch nicht so viel kann. Die Früchte dieser Zeit ernte ich heute. Es musste wohl so sein."



Heute arbeitet Philipp an seinem Meisterstück. Die Meisterprüfung zum Bootsbauer besteht aus vier Teilen. Vor ihm, auf dem Boden der Bildhauerhalle des E-Werks, liegt der praktische: ein 12 Fuß-Dinghy, also 3,66 Meter langes Plankenboot, bestehend aus Lerchen- und Eichenholz.

Wenn es fertig ist, soll es 180 Kilogramm wiegen. Die Bootstaufe findet am 17. Mai im Lorettobad statt.



Philipp könnte es sich nicht vorstellen, ein Kunststoffboot zu bauen. Es ist das Holz, das er liebt. An der Arbeit selbst mag er, dass er einen anfassbaren Bezug zu dem hat, was er da schafft. Es ist eine bedächtige Annäherung an seine Vorstellung, ein stetiges Anzeichnen, Absägen, Feilen, Meißeln und Anpassen. Bodenwrangen, Dollbord, Verbolzung, Mastspur, Millimeterpapier, Philipp lebt in einer verschreinerten Welt. Und es macht Spaß, ihm zuzuhören, wenn er davon erzählt, was die Schmuggler früher getan haben, wenn sie verfolgt wurden: "Die haben die Decksbalken ihrer Boote durchgesägt, dadurch wurde der Rumpf wabbliger, beweglicher, schneller."



Wenn Philipp Meister ist, will er einen eigenen Betrieb gründen. Vielleicht am Bodensee oder auch im Oberbayerischen. Auch wenn das nicht klappen sollte, macht er sich um seine Rente keine Sorgen. Auf Wanderschaft hat er gelernt, zu arbeiten. Und er weiß, wie es ist, niedergeschlagen zu werden und wieder auf zu stehen. Sowas lernt man wohl nicht in second life, sondern wirklich nur draußen in der weiten Welt.

Mehr dazu:

Walhalla Werft (Homepage)