Jazzhaus Freiburg

Der Hype um den Schweizer Sänger Faber ist gerechtfertigt

Alexander Ochs

Einer seiner Songs heißt "Brüstebeinearschgesicht". Er selbst heißt wie ein Lottoanbieter: Faber. Im Jazzhaus hat der Schweizer bewiesen, dass der Hype um seine Musik berechtigt ist.

Faber – so heißen ein Lottoanbieter und eine Sektmarke. Faber, diesen Künstlernamen hat sich auch der junge, flächendeckend über den grünen Klee gelobte Schweizer Singer/Songwriter Julian Pollina zugelegt, in Anlehnung an Frischs "Homo Faber" und den italienischen Cantautore Fabrizio de André.


Das Faible fürs Musizieren hat der 24-Jährige offensichtlich in die Wiege gelegt bekommen: Sein Vater ist der sizilianische Liedermacher Pippo Pollina, der beim Freiburger Plattenlabel Jazzhaus Records unter Vertrag steht. So schließt sich ein Kreis.

Um den Zürcher, der im Juli sein Debütalbum "Sei ein Faber im Wind" vorgelegt hat, ist seitdem ein mächtiger Wirbel entfacht.

Ist der Hype gerechtfertigt? Um es vorwegzunehmen: ja. Düster eröffnet das Cello, die Posaune dräut, dann klimpert das Klavier drauflos. Schon der erste Ton aus Fabers Mund klingt dermaßen tief und rau, dass man einen furchterregenden Rülpser im Anmarsch wähnt. Im Song "Widerstand", mit dem er den Abend im ausverkauften Jazzhaus eröffnet, heißt es: "Mach’s genau wie unser Land / Sei eine Fahne im Wind". Ein schön dreckiges Dutzend sind die Songs seines Debüts, die Texte politisch herrlich unkorrekt und gewitzt doppelbödig. Und gegen den Strich.

Kongenial intoniert das Fabers vierköpfige Begleittruppe, die sich Goran Koç y Vocalist Orkestar Band nennt, wohl in Anlehnung an Goran Bregovics Wedding & Funeral Orchestra. Die Musik ist ein Schmelztiegel der Stile: leichter Balkaneinschlag, kräftige Polka, auch mal Flamencogitarre, dann wieder Honkytonk-Klavier, blecherne Darbukaschläge, Chanson-Momente mit Akkordeon, getragene Cellotöne, flotter E-Bass, in "Bratislava" erklingen Fanfaren für die ausgebufft textsicheren Fanscharen. Geprägt wird der überzeugende Sound von Goran Koç alias Silvan Koch an den Tasten, einem höchst agilen Bob-Dylan-Lookalike, der aus lauter Verve einmal die kleine Stehlampe auf seinem E-Piano herunterreißt – was zu Lachern in der Band führt –, und dem ungewöhnlichen Posaunistenschlagzeuger Tillmann Ostendarp. Mal spielt er eines der Instrumente, mal beide hintereinander, mal beide gleichzeitig. Immer mit Volldampf und feister Sonnenbrille im dunklen Kellergewölbe. Höhepunkte sind der lateinamerikanisch angehauchte Gassenhauer "Wem du’s heute kannst besorgen" oder Fabers Ganzkörpervibrato im Lied "Brüstebeinearschgesicht".

100 Minuten Faber – das sind auch Dutzende Referenzen und Reminiszenzen. Sei es ans "Dschungelbuch" im Mitschunkelreißer "Nichts". Sei es, ganz am Ende, an Gloria Gaynors Discohymne "I will Survive", fein verwoben mit der leicht schmachtüberfrachteten Ballade "Tausend Franken lang".

Und in den wilden Texten sowieso. Dabei entpuppt sich Faber nicht so sehr als Retro-Rock’n’Roll-Proll à la Marco Michael Fitzthum von der österreichischen Band Wanda, auch wenn er die Zügellosigkeit feiert, derbe Texte liebt und mehrfach Fitzthums Lieblingslosung "Amore!" ausruft. "Es ist so schön, dass es mich gibt", so Fabers erste Zeile auf der Platte. Und in der Tat: Julian Pollina hat alles, was einen guten (und vielleicht erfolgreichen) Musiker auszeichnet: die richtige Truppe am Start, eine unverwechselbare Stimme, eine Portion Respektlosigkeit, starke Gesten, eine überragende Bühnenpräsenz. Wenn er so furios weitermacht, ist sein Faber selbst bald eine Marke für sich.

Weiteres Konzert: Freitag, 8. Dezember, Basel, Kaserne, 20 Uhr.