Der Hiwi-Job: Karrieresprungbrett oder Ausbeutungsfalle?

David Seitz

Stundenlang Skripte kopieren, Unterlagen abheften und – wenn es gut läuft – mal eine Power-Point-Präsentation erstellen. Dieses Bild vom Alltag eines Hilfswissenschaftlers, kurz Hiwi, ist weit verbreitet. Dennoch reißen sich viele Studierende um diese Jobs. Doch warum eigentlich? Muss man tatsächlich in den sauren Apfel beißen, um später an der Uni Karriere machen zu können oder ist das Bild vom ausgebeuteten Studenten mit stupider Beschäftigung einfach total falsch?



„Normalerweise wird man als Student etwa im fünften Semester Hiwi,“ sagt Lisa Brandner*. Sie selbst ist in dieser Hinsicht die Ausnahme und trotzdem ein Paradebeispiel für den steilen Verlauf einer Hiwi-Karriere: Seit dem dritten Semester arbeitet sie an einem Lehrstuhl an der Uni Freiburg, in diesem Jahr hat man ihr einen Studienplatz in Cambridge angeboten. Sie muss sich dort zwar trotzdem bewerben, die Zusage ist aber nur noch Formsache. Eine riesige Chance, für die sie viel Zeit investiert hat. Mehrere Kurse mit 1,0 oder 1,3 waren der Schlüssel zum ersten Hiwi-Job, ein Dozent sprach Lisa am Ende des zweiten Semesters an.


Diese Art der Rekrutierung ist nichts Ungewöhnliches – das zeigt auch die Studie „Studentische Hilfskräfte im deutschen Bildungswesen“ der Freiburger Soziologen Alexander Lenger und Christian Schneickert, die im vergangenen Jahr die Situation der Hiwis untersucht hat.  Nur 20 Prozent aller Hiwis werden demnach eingestellt, weil sie sich auf eine ausgeschriebene Stelle beworben haben.

Obwohl die Stundenzahl der meisten Hiwi-Jobs begrenzt ist, ist die 20-Stunden-Stelle, die Lisa im dritten Semester antritt, nur ihre erste Station auf dem Weg Richtung Cambridge. Im darauf folgenden Semester verdoppelt sie ihre Stundenzahl und im fünften Semester werden aus 40 Arbeitsstunden pro Monat plötzlich 80. Sie übernimmt zwei Tutorate und eine Stelle am Lehrstuhl. Vier Stunden pro Tag muss sie somit für ihre Hiwi-Jobs investieren. „Dazu habe ich noch wahnsinnig viele Überstunden gemacht,“ sagt die 22-jährige Studentin.

Ein Schicksal, das sie aufgrund der flexiblen Arbeitszeiten mit vielen anderen Hiwis teilt. Der Grund für diese Anhäufung von Arbeitsstunden: die finanziellen Verhältnisse ihrer Eltern. „Das Geld von einem einzigen Hiwi-Job hat mir einfach nicht gereicht“, sagt Lisa.

Wenig Schlaf, viel Disziplin. Anders kann sie den Arbeitsaufwand nicht bewältigen, sie muss in diesem Semester mit vier Stunden Schlaf am Tag auskommen. Was nach Burnout-Syndrom klingt, ist für Lisa vielmehr ein kleiner Traum, der in Erfüllung geht. Sie kommt mit ihren Professoren in Kontakt und kann in einem Forschungsbereich mitarbeiten, der für ihr Studium relevant ist. Auch ihr Selbstbewusstsein bekommt einen Schub. Den hohen Zeitaufwand kompensiert sie durch die Leidenschaft für ihre Arbeit. „Mir liegt so viel an dieser Forschung und mir hat es so einen Spaß gemacht, dass es einfach irgendwie ging,“ sagt sie heute.

Lisas Eltern haben weder studiert noch Abitur gemacht. Damit hebt sich Lisa  nicht nur von ihren Eltern ab, sondern auch von den meisten anderen Hiwis um sie herum. Als Kind von Eltern aus einer gehobenen Schicht hat man wesentlich bessere Chancen, eine steile Karriere an der Uni zu machen. Entsprechend lautet  der Titel einer Studie von Ada-Charlotte Regelmann, einer Forscherin der Universität Marburg: „Man muss sich es sich leisten können“. Studium und Lebensunterhalt seien allein mit studentischen Jobs an Hochschulen nicht finanzierbar,“ so das Fazit der Studie. Anders gesagt: Man wird im Regelfall nicht Hiwi, weil man in Geldnot ist –  bei Lisa war das anders, sie ist eine Ausnahme.

Nur 2,5 Prozent aller deutschlandweit Studierenden genießen das Privileg, als studentische Hilfskraft arbeiten zu können. Dabei ist es nicht diese statistische Exklusivität, die den Jobs ihren besonderen Wert gibt. Was Lisa in der Praxis erfährt, umschreibt die Studie der Freiburger Soziologen mit dem auf Bourdieu zurückgehenden Begriff des "sozialen und kulturellen Kapitals". Dass die Hiwis selbst im Labor mitarbeiten dürfen und gleichzeitig mit dem Prof über die letzte Prüfung plaudern  können, macht die Hiwi-Jobs so extrem  be-gehrt. „In Zeiten der Massenuniversität verkörpert der Hiwi so etwas wie das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre,“ ein Ideal, das in den Augen von Alexander Lenger im Optimalfall nicht nur für Hiwis, sondern für alle Studierenden zum universitären Standard gehören sollte.

Andreas Gröber* hat lange Zeit als Hiwi gearbeitet. Wenn er von dieser Zeit erzählt, wirkt er nicht so begeistert wie Lisa. „Ich habe da eigentlich die selbe Arbeit wie die festangestellten Mitarbeiter gemacht – für weniger Geld,“ sagt er rückblickend. Während seiner Zeit an der Uni hat sich bei ihm der Eindruck erhärtet, dass viele Fakultäten zu wenig Geld haben um Vollzeitjobs zu vergeben – die dadurch entstehenden Löcher werden von Hiwis gestopft. „Das ist ganz klar eine Form von Lohndumping,“ kritisiert Alexander Lenger. „Die Hiwis ersetzen Arbeitsplätze, die eigentlich von Festangestellten besetzt werden müssten. Eine Win-Win-Situation für Uni und Studenten. Nur für die Arbeitssuchenden ist das schlecht,“ sagt er.

Während man für Studenten, die an der Uni beschäftigt sind, meist den Sammelbegriff „Hiwi“ verwendet, darf eines nicht vergessen werden: Der Begriff „Hiwi“ müsste eigentlich konsequent in zwei Gruppen gegliedert werden. Nur wer wirklich an Forschung und Lehre beteiligt ist, darf sich, je nach Abschluss, studentische oder wissenschaftliche Hilfskraft nennen. Wer in der Infrastruktur und Verwaltung arbeitet, also zum Beispiel im Rektorat oder in der Unibibliothek, gehört offiziell in die Gruppe der studentischen Angestellten. Die Angestellten bringen das technische Know-how für ihren Job bereits mit –  die Hilfskräfte lernen es erst während ihrer Anstellung. Trotz dieser begrifflichen Trennung werden studentische Angestellte in der Praxis in vielen Fällen als Hilfskräfte geführt und verdienen dadurch weniger als ihnen eigentlich zusteht.

Angestellte erhalten einen tariflich festgelegten Lohn von 9,88 Euro pro Stunde, während die Löhne der Hilfskräfte, abhängig vom erworbenen Abschluss, nach oben hin begrenzt sind. Hiwis, die noch keinen Uni-Abschluss vorweisen können (dies ist die größte Gruppe), verdienen nicht mehr als 8,25 Euro pro Stunde. Somit sparen die Fakultäten mehr als 1,50 Euro pro Angestellten und Arbeitsstunde, wenn sie  Studierende ohne Uni-Abschluss als Hiwi einstufen. „Es sollte auch für studentische Hilfskräfte einen Tarifvertrag geben,“ fordert Alexander Lenger deshalb.

Dass die Studierenden selbst wenig Engagement für die Einführung einer solchen Regelung zeigen, liegt seiner Meinung nach auf der Hand. „Wer kämpft denn schon für eine Stelle, die er vielleicht nur vier Monate besetzt?“

Und schließlich sind die meisten Studenten, die Lenger im Rahmen seiner Forschungsarbeit befragt hat, mit ihrem Job trotz langer Arbeitzeiten, hoher Arbeitsbelastung und geringer Bezahlung schlicht und einfach hochzufrieden: „Die Probleme, die bei den Hiwi-Jobs auftreten, werden in den wenigsten Fällen von den Studenten selbst geäußert.“

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  [*Name von der Redaktion geändert; Bild: Fotolia]