Der Herr der verlorenen Bücher

Stefan Lederer

"Wir sind damals mit Saddam und seinen Leuten unterirdisch von einem Palais zum anderen gefahren. Er hätte uns einfach umbringen lassen können. Aber darüber denkt man dann nicht nach." José Salvador Cabral, 72, hat einen Riecher für versteckte Bücher und ist Pfarrer in Oberried. Er hat so einiges erlebt. Stefan hat er alles erzählt.



Biographisches

José Cabral stammt aus Portugal und kam ursprünglich zum Studieren nach Deutschland. „Ich bin seit 50 Jahren hier gemeldet, am 11. Februar habe ich sozusagen mein Jubiläum“, sagt José Cabral. Nach einem Studium der Theologie und der Mathematik arbeitete er bei der Unesco, war einige Zeit Vorsitzender der Caritas in Portugal und insgesamt 27 Jahre lang in Brüssel tätig. Als EU-Vertreter legte Cabral insgesamt 2,2 Millionen Flugkilometer zurück, mehr als Papst Johannes Paul II. Dieser kam auf 1,7 Millionen Flugkilometer. Jahrelang war er auch der offizielle Vertreter Portugals im Ausland bei der Klassifizierung von Käse. Heute noch klassifiziert er Honig im Auftrag der EU.

Nach Oberried kam er 1995 eher zufällig. „Ursprünglich wollte ich nach Afrika gehen, ich sollte das Priesterseminar in Mosambik übernehmen. Krankheitsbedingt war mir das nicht möglich, also habe ich mich für eine zeitlich begrenzte Stelle als Pfarrer gemeldet. Von Oberried hatte ich noch nie gehört." Erst sollte er nur drei Monate bleiben. Inzwischen sind es zwölf Jahre.



Versteckte Bücher

„Es waren die Bücher, die mich hier gehalten haben“, sagt Pfarrer Cabral. Am Tag seines Amtseintritts in Oberried bekam er 18 Schlüssel. Einen der Räume des Klosters, so sagte man ihm, dürfe aber auch der Pfarrer nicht betreten. „Da habe ich mir gedacht: wie kommt das? Wenn ich schon alle Schlüssel habe, dann gehe ich auch rein.“

In dem kleinen Raum fand er einige alte Bücher auf dem Boden verstreut liegen. Viele von ihnen waren feucht, da es von der Decke tropfte. Das erste, das er aufhob, stammte aus dem Jahre 1487. Der Pfarrer war begeistert. „In Portugal war ich im Priesterseminar als Buchbinder für die Restauration der alten Schriften zuständig.“

In der Gemeinde wollte niemand etwas von den Büchern gewusst haben. Cabral machte sich auf die Suche nach weiteren, klopfte die Wände nach Hohlräumen ab und brach zugemauerte Eingänge auf. Mit Erfolg. Als erstes fand er eine Sammlung von 52 Bänden des Züricher Theologen Johann Kaspar Lavater, eingemauert im Kreuzgang des Klosters.

„Lavater war ein Zeitgenosse und Freund von Goethe und dem damaligen Fürstabt von St. Blasien, Martin Gerbert. Gerberts eigene Werke sind fast vollständig in der Oberrieder Bibliothek enthalten. Wir komplettieren die Sammlung nach und nach, von 72 Bänden haben wir 68, und wir versuchen auch die anderen zu bekommen.“



Das Kloster und der Boulevard

Der Erhaltungszustand der Bücher war angesichts ihres Alters erstaunlich gut. Ihre Säuberung und Restauration übernahm der Pfarrer zum großen Teil selbst. „Es gibt eigentlich keine Seite in den Büchern, die ich nicht sauber gemacht habe. Ich weiß nicht wie viel Zeit ich da investiert habe, aber darüber denke ich auch lieber nicht nach.“Insgesamt fand Pfarrer Cabral über 350 Bücher im Kloster versteckt, viele aus dem 15. und 16. Jahrhundert, das älteste aus dem Jahre 1454. Der hohe Wert der Bücher hat ihn anfangs etwas nervös gemacht, berichtet Pfarrer Cabral.

„Die Bildzeitung hat damals etwas über mich gebracht, auf der zweiten Seite war ich mit einem Buch abgebildet. Ich war aber gar nicht wichtig, auch nicht die Bücher die ich gefunden habe. Das Geld war das wichtigste: ,Pfarrer aus Portugal findet Bücher im Wert von Millionen` lautete die Überschrift.“Cabral hat dennoch durchgesetzt, dass die Bücher in Oberried bleiben können. Es wurden entsprechende Räumlichkeiten geschaffen, eine Standleitung zur Polizei garantiert die Sicherheit der wertvollen Sammlung.



Der Vatikan blickt nach Oberried

Ein Exemplar daraus weckte auch die Begehrlichkeit des Vatikans: Ein Buch Gerberts, das Erasmus von Rotterdam, als er in Freiburg war, verbessert und mit Randbemerkungen versehen hatte. „Der Direktor der Vatikanbibliothek war deswegen hier. Ich musste auch mit dem Buch nach Rom." Vor Ort wurde er von zehn Polizisten der päpstlichen Garde empfangen und eskortiert. „Die waren entsetzt dass ich das Buch den ganzen Weg nach Italien alleine mit meinem Golf transportiert hatte.“

Dennoch, alle Versuche des Vatikans, die Rarität zu bekommen, waren vergebens. Cabral bestand darauf, es in der Oberrieder Bibliothek zu behalten. „Sie haben dann ein bisschen gedroht und mir geschrieben: ,Wenn der Papst Ihnen deswegen einen Brief schreibt, welche Antwort bekommt er?' Da habe ich gesagt: ,Die gleiche wie Sie. Das Buch gehört zu uns.“



Schafe und Lamas

Auf die Idee, Lamas zu halten, kam Pfarrer Cabral über die Partnergemeinde Oberrieds in Peru, Mollendo. Ursprünglich hatte er auch über Esel und Kängurus nachgedacht, aber erstere waren ihm zu laut und bei zweiteren die Haltung zu schwierig. „Es sind hochinteressante Tiere. Genügsam, immer mit allem zufrieden und klimaunempfindlich. Sie sind immer im Freien, auch jetzt im Winter.“ Als die Lamas Junge bekamen, zog das viele Schaulustige an.

Eine weitere Leidenschaft von Cabral sind Schafe, allerdings nicht im Original, sondern aus Holz, Wolle, Plüsch oder Stein. Über 3200 Schafe sind in der Wohnung des Pfarrers im Obergeschoß des Oberrieder Klosters zu bewundern.



Auf Saddams goldenem Klo

Im Rahmen seiner Tätigkeit für die EU machte Cabral die Bekanntschaft des damaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. Damals war er als Vertreter der Kirche mit dem damaligen Präsidenten des deutschen Roten Kreuzes in Bagdad. „Die ersten beiden Male war es kaum möglich, mit ihm zu reden. Uns schlug nur Hass entgegen,“ sagt Cabral.

„Beim dritten Mal habe ich ihn gefragt, ob er eine Gästetoilette hätte. Ich hätte schon gehört, sie sei vergoldet, sehr luxuriös. Der Mann hat sich riesig gefreut, das war ein Wechsel in seinem Verhalten. Das kann man sich nicht vorstellen. Er hat sie mir also gezeigt und gebeten, dass ich zuhause in Deutschland richtig stelle, dass die Toilette nicht vergoldet ist, sondern aus reinem Gold.“

Danach war das Eis gebrochen und der Diktator zugänglicher. „Nachdem wir so miteinander gesprochen hatten, hat er uns erlaubt, in die Siedlungen zu gehen wegen denen wir da waren. Ich habe noch nie in meinem Leben so krasse Armut gesehen."Angst hatte er damals keine. „Wir sind damals mit Saddam und seinen Leuten unterirdisch von einem Palais zum anderen gefahren. Er hätte uns einfach umbringen lassen können. Aber darüber denkt man dann nicht nach.“



Medienrummel und Irritationen

Das Echo der Medien auf die Entdeckungen des Pfarrers im Kloster war beträchtlich. „Um sieben Uhr morgens standen damals Leute vom Fernsehen vor der Tür, aus Deutschland, Italien, der Schweiz, Österreich“, sagt José Cabral. „Ich bin dann hinten durch das Kloster nach draußen, habe mich in mein Auto gesetzt und sie gebeten, Platz zu machen, damit ich wegfahren kann. Kein Mensch wusste ja, dass ich es war. Ich bin dann für drei Tage nach Offenbach zu meinem Bruder gefahren. Als ich zurück kam, war es dann etwas ruhiger.“

Der resolute Pfarrer und seine Bücher führten innerhalb der Gemeinde aber auch zu Irritationen. „Der Pfarrgemeinderat hat damals einen Brief an den Bischof geschrieben: ,Wir distanzieren uns von unserem Pfarrer. Wir haben mit den Büchern und diesem Medienrummel nichts zu tun.' Der Generalvikar wollte aber, dass ich in Oberried bleibe."



Die Gegenwart

Das Verhältnis zwischen Gemeinde und Pfarrer hat sich in Oberried offenbar deutlich entspannt. Mehr noch: „Ich fühle mich dadurch bestätigt, dass immer viele Leute zu mir kommen, um mit mir zu sprechen. Manche kommen auch auf Anraten ihres Arztes. Anders als ein Psychiater habe ich ja mehr Zeit und koste nichts“, sagt Cabral und schmunzelt.

„Ich bin sehr offen, gehe jeden Tag in ein Restaurant oder ein Café, denn da sitzen dann die Leute, die nicht in die Kirche gehen. Zu meinem letzten Geburtstag habe ich einen Gutschein für 365 Espressi bekommen. Jeden Tag trinke ich einen davon. Wenn die Leute mir etwas schenken möchten, schicken sie mir eine Karte mit Schafen oder geben mir 5 oder 10 Espressi aus. Darüber freue ich mich immer.“